ISL 

Du bist schön, meine Freundin



Wir haben ein bißchen getrunken, meine Freundin und ich. Whisky Orange.

Durch eine ungeschickte Bewegung habe ich den Saft über mein Nachthemd vergossen, und wir haben sehr darüber gelacht.

Dann hast Du mir das feuchte Zeug ausgezogen.

Nackt lag ich neben Dir, und weil mir das komisch vorkam, hast Du Dich auch entblößt. - "Du bist so warm", sagte ich. ".. so rund, so weich. Du bist hübsch. - Ich bin nicht hübsch, nicht weich, nicht rund. Ich habe Knochen, wo keine sein müßten, eine krumme Figur und am ganzen Körper häßliche Druckstellen vom Korsett. Ich könnte auch nie zärtlich sein zu einem Mann, ich bin ja gelähmt. Ich kann nie eienm Mann gefallen."

"Das stimmt doch nicht", sagtest Du, meine Freundin.

"Du hast doch Brüste und eine Vagina und alles, was eine Frau braucht. Du bist schön."

Da waren wir zärtlich zusammen. Du hast meine Brüste liebkost und Du hast mich geküßt. Du hast meinen Arm genommen und ihn um Deinen Hals gelegt, so daß ich Dich im Haar kraulen und Dich streicheln konnte.

Es war ein schönes Erlebnis für mich, meine Freundin. Und auch für Dich, nicht wahr? -

Du weißt, ich würde gern mit einem Manne schlafen.

Aber ich finde es auch schön mit einer Frau. Es kann sein, daß eine Frau eher fähig ist, meinen behinderten Körper zu lieben.

Vielleicht lernt es auch einmal der Mann, dann, wenn ich selber meinen Körper akzeptiert habe.

Und vielleicht sagt dann auch er: "Du bist schön, meine Freundin. Du hast Brüste und eine Vagina. Ich habe Dich lieb."

Ursula Eggli

in: puls, September 1976