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Ist Sex ohne Liebesbeziehung unanständig?

Die einen sagen: Zärtlichkeit, Nähe und Sex sind Grundbedürfnisse - fast wie Essen und Trinken. Die anderen sagen: das ist tabu, das ist intim, darüber spricht man nicht. Damit ist es ein Privatproblem - und wer damit nicht klarkommt, steht allein.

Ich hatte das Glück, meine eigene Sexualität in einer Zeit zu entdecken und zu entwickeln, als die Pille und andere Verhütungsmittel schon eine Weile selbstverständlich waren. Die sog. "sexuelle Revolution" hatte sich ausgebreitet und AIDS war noch kein Thema. Wie sehr habe ich es genossen, meine Lover zu wechseln, wie ich wollte! Im Nachhinein ist mir klar, daß ich damals zu einer echten Liebesbeziehung gar nicht fähig war - aber es fiel mir im Traum nicht ein, deswegen auf Sex zu verzichten.

Schon damals fragte ich mich, wie wohl die behinderten Menschen mit ihren sexuellen Bedürfnissen umgehen mögen, die nicht einfach in die Kneipe gehen und sich einen Parter "angeln" können.

Einige nichtbehinderte Männer gehen in einer solchen Situation zu einer Prostituierten. Viele klagten danach immer wieder über die seelische Kälte dieser Etablissements, wo alles bloß auf das Erledigen der "Nummer" angelegt sei. Ich kannte auch einige Männern und Frauen, die Sex für Geld anboten, und diese erzählten, es gebe viele Kunden, die sie einfach für ein bißchen körperliche Nähe und (wenn auch geheuchelte) Zuwendung bezahlten.

Zur selben Zeit begann ich, mich stärker als behindertes Individuum zu begreifen, und Seminare hatten nicht nur politische Inhalte. So manche Mitstreiter habe ich auch angehimmelt; während ich aber wenig Probleme hatte, nichtbehinderte Männer "anzubaggern", das traute ich mich in diesem Rahmen nicht.

Ich weiß nicht mehr wann, aber mit einem dieser Männer kam ich ins Gespräch. Er hatte seine "besten Jahre" im Pflegeheim verbracht, und eine wesentliche Triebfeder, aus dem Heim auszubrechen, war die Hoffnung, in einem "Privatleben" endlich auch Sex haben zu können. Nun wiesen ihn die Frauen trotzdem ab. Daraufhin blieb ihm nur (wie schon vom Heim aus), im E-Stuhl gelegentlich zu einer Prostituierten zu fahren. Er bekam dort im Grunde, was er suchte, nämlich Sex, und selbstverständlich wurde er von gewissen "starken Männern" die Treppen hochgetragen, und die Mädels zogen ihn auch aus und wieder an.

Zugegeben: das ist lange her. Dennoch war ich erstaunt, als ich hörte, behinderte Männer hätten heute in Bordellen ernste Probleme - sie würden bedroht, beraubt, und die Prostituierten seien vor allem darauf aus, für wenig "Leistung" möglichst schnell viel Geld zu kassieren.

Das heißt: wer behindert ist, muß vorsichtig sein. Alternativen sind gefragt.

Für behinderte Frauen sieht es noch etwas schwieriger aus - es gibt nun mal wenig männliche Prostituierte, und die paar Callboys sind nur was für den pralleren Geldbeutel.

Für Behinderte wie für Nichtbehinderte gibt es im Grunde drei Möglichkeiten, mit unerfüllten sexuellen Bedürfnissen umzugehen.

Ein Teil der Betroffenen versucht, die Probleme zu verdrängen, indem sie möglichst viele andere Aktivitäten angehen.

Andere geben regelmäßig Kontaktanzeigen auf, in der Hoffnung, irgendwann doch einen Partner zu finden oder wenigstens ab und zu kurzfristige Beziehungen zu haben.

Schließlich gehen (oder rollen) einige zu einer Prostituierten - um sich wenigstens in dieser Form Luft zu verschaffen.

Sind sexuelle Kontakte schon bei einem Leben in der eigenen Wohnung nicht einfach, wirds im Heim fast unmöglich. Pflegekräfte sind damit meist überfordert, und erst recht ist dann die Abgrenzung zum Alltag schwierig..

Jegliche sexuellen Aktivitäten zwischen Behinderten und Pflegekräften sind ein Problem, Zärtlichkeit ist tabu, auch wenn sie stattfinden. So berichtet der Spiegel , daß in einem Berliner Heim eine "Betreuerin" einer Kollegin mit einer Anzeige wegen sexuellen Mißbrauchs drohnte, weil die Frau einer behinderten Bewohnerin bei der Selbstbefriedigung geholfen hatte.

Zwischen den Polen "Unzucht mit Abhängigen" und "sexuelle Belästigung am Arbeitsplatz" ist kaum Platz für unverkrampfte Nähe. Aber immer wieder ist jemand psychisch fertig, und dann tut es einfach gut, in den Arm genommen und gestreichelt zu werden - das hilft eher als 1000 Worte, als alles distanzierte Gerede.

Im Wohnheim der Spastikerhilfe Wiesbaden (heute heißt der Trägerverein (IFB- Interessengemeinschaft für Behinderte e.V.) gab es einen Gesprächskreis, den der Heimleiter angeregt hatte. Auch da kam die ganze Bandbreite zur Sprache, und die sexuellen Probleme wurden nicht einfach unter den Teppich gekehrt, sondern ernst genommen. Einige Bewohner wollten nicht immer nur diskutieren, sondern praktische Erfahrungen sammeln: sie hatten den Wunsch, eine Prostituierte zu besuchen. "Ich werd sowieso nie eine Freundin haben, aber ich will wenigstens mal Sex!" In der Praxis zeigten sich diverse Probleme - es ging damit los, daß die Prostituierten sich nur sehr wenig Zeit nahmen; eine Viertelstunde reicht manchem Spastiker nicht mal zum Aus- und wieder Anziehen. Sie hatten immer wieder das Gefühl, für ein Maximum Geld nur ein Minimum an Leistung zu bekommen. Außerdem war ihnen das Milieu allzu zwielichtig und unheimlich.

Die Wiesbadener griffen zur Selbsthilfe, es entstand das Projekt "Körper-Kontakt-Service - SENSIS", eine Porjektleiterin wurde auf ABM-Basis eingestellt. Das bedeutet: wenn sich diese Einrichtung nach 2 Jahren trägt, kann sie auf Dauer existieren, andernfalls wird sie wieder eingestellt werden müssen. Frau Greb ist die "Einsatzleiterin" von SENSIS. Sie macht seit 14 Jahren Körperarbeit und Sexualberatung für Frauen. Ihr war von Anfang an wichtig, daß es sich hier nicht nur um einen Service für behinderte Männer handelt, sondern ebenso für behinderte Frauen. Einzugsbereich ist nicht nur Wiesbaden, sondern das gesamte Rhein-Main-Gebiet.

Die Medien griffen das Thema begierig auf: Es gab einen großen Artikel in der "taz", einen weiteren im Spiegel, und Frau Greb wurde zu "Boulevard Bio" eingeladen. In der Programmankündigung hieß es: "Zum Thema "Liebesdienste" begrüßt Alfred Biolek u.a. Gudrun Greb, die nach holländischem Vorbild erstmals in Deutschland einen sog. Kontaktservice für Behinderte gründete." Seither kommen rund 30 Briefe pro Woche und nochmal soviele Anrufe, allerdings aus dem ganzen Bundesgebiet. Es gibt auch eine Informationsbroschüre, die der IFB auf Anfrage verschickt.

Die Mitarbeiter wurden per Inserat gesucht, und gleich auf die erste Annonce hin meldeten sich 30 Kandidaten, interessanterweise meldeten sich viele Männer, und sie kamen aus allen Bereichen. Letztlich hat Sensis zur Zeit fünf Frauen (darunter eine Krankenschwester, eine Sekretärin und eine Ärztin) und zwei Männer, übrigens bei weitem nicht alle Singles.

Zuerst werden mit potentiellen Mitarbeitern lange Gespräche geführt. Dabei geht es u.a. um die Motivation der Mitarbeiter. natürlich ist eine gewisse soziale Einstellung nötig, aber es geht weder um Samariter noch um Prostitution. Das würde sie beides ablehnen. Es geht um die Fähigkeit, ein eigenes Körpergefühl zu haben und mit dem Körpergefühl anderer umzugehen. Dieser Körperkontaktservice ist im Grunde so etwas wie ein Pflegedienst - wenn auch auf einem anderen Niveau, auf einem ziemlich tabuisierten Gebiet.

Schulungen für Mitarbeiter sind Pflicht. Da wird zuerst mit einer Krankengymnastin geübt, wie Anspannungen gelöst werden können, wie mit unkontrollierten Bewegungen (z.B. von Athetotikern) umzugehen ist. Dann geht es um Körper-Selbsterfahrung, um Rollenspiele... Es ist schon vorgekommen, daß auch nach diesem Einführungskurs Mitarbeiter noch abgelehnt wurden.

Viele Anfragen kommen von Menschen, die allein leben. Aber es gibt auch Anfragen von Eltern, deren erwachsene behinderte Kinder die Woche über in Heimen sind und am Wochenende bei ihren Eltern.

Frau Greb erwartet dann aber schon, daß sich der Behinderte selbst mit ihr in Verbindung setzt.

Bevor das erste Treffen stattfindet, führt Frau Greb auch mit den behinderten Kunden intensive Beratungsgespräche. Wie sieht die Behinderung genau aus? Welche Wünsche hat er bzw. sie? Gibt es wirklich keine anderen Möglichkeiten, eine Beziehung anzuknüpfen?

Es gibt auch Beratung für Paare, die wegen einer Behinderung Probleme beim Ausleben ihrer Sexualität haben. Ob dann praktische Hilfe und Anleitung sinnvoll ist, um diese Suche abzukürzen, das sieht Frau Greb eher skeptisch. Sie meint, da könne sie durch Beratung besser helfen.

Inkontinenz bei behinderten Frauen? Das ist ihr noch nicht begegnet, aber das ist ja nicht nur ein Problem querschnittgelähmter Frauen. Für Sensis und die Mitarbeiter von SENSIS dürfte das jedenfalls kein Problem sein, meint Frau Greb. Viel entscheidender ist, daß sich eine behinderte Frau daraus keine Komplexe macht, sondern schaut, mit Katheterisieren und evtl. Unterlage benutzen, das Problem zu reduzieren und ansonsten einfach die Situation zu genießen. Die Geruchsprobleme und die Verspannungen (auch sonst wegen der Unsicherheit...) könne man z.B. durch ätherische Öle oder duftende Massageöle auffangen. Andererseits könnte die Inkontinenz bzw. das Gefühl, die Inkontinenz stehe der Sexualität im Weg, auch Schutzfunktion haben, um unbewußt Sex abzuwehren.

Was ist mit einer behinderten Frau, die nach einem Unfall einfach probieren will, wie Sex geht, wie sich das anfühlt? Das kommt auf den Mitarbeiter an. Im Gegensatz zu Prostitution, aber auch im Gegensatz zu einem ähnlichen holländischen Projekt ist bei SENSIS der Beischlaf nicht obligatorisch - die konkrete Ausgestaltung ist Sache beider Beteiligten. Erwartet wird letztlich von beiden Seiten die Offenheit, sich auf Unbekanntes einzulassen...

Frau Greb bedauert die geringe Nachfrage von Frauen, denn Frauen haben Sex genauso nötig wie Männer. Andererseits haben behinderte Frauen oft begründete Angst vor Mißbrauch und Gewalt. Interessant ist für sie, daß b'Frauen eher fragen: wie nahe kommt mir der denn? - Während b' Männer fragen: Krieg ich auch genug? Viele Männer tun sich einfach leichter damit, sich etwas Schönes geben zu lassen, zu nehmen.

Oft geht es gar nicht um Sex oder Bumsen, sondern um Berührungen, um intensive Körperkontakte, Umarmen, Festhalten - und das eben nicht bloß, weil es einen Zweck hat, sondern damit es gut tut.

Behinderte sollen selbst bestimmen, was läuft, und zwar möglichst präzise - selbst bei so einem Dienst (mit niedriger Hemmschwelle) ist das ein wichtiger Schritt.

Gerade bei schwer Körperbehinderten herrscht oft von Kindheit an ein Mangel an Berührungen, an Körperkontakt und Nähe, und das führt zu seelischen Deformationen. Intime Kontakte, Partnerschaft - diese Lebensbereiche liegen für viele brach. Für viele sind Nähe, Intimität und sexuelle Befriedigung keine Fremdworte, aber sie finden nicht statt, und realistisch müssen alle Beteiligten zugeben: die Chancen stehen schlecht, solche Wünsche bald zu realisieren.

Frau Greb unterstützt ihre Kunden, eine Finanzierung durch Krankenkassen zu erreichen, arbeitet mit Ärzten zusammen. Eine dreiviertel Stunde kostet bei Sensis 130,- DM, das mag für die Kunden viel Geld sein, für manche ist das mehr als die Hälfte des monatlich verfügbaren Einkommens (z.B. in Werkstätten Beschäftigte).

Emotionen, Gefühle, körperliche Nähe, Sex - auf der einen Seite gilt das heute als Selbstverständlichkeit, Tabus sind weitgehend abgebaut. Man redet privat miteinander darüber, und es wird öffentlich darüber diskutiert. Wenn wir heraus wollen aus der elenden Tabuisierung, dann muß es für behinderte Menschen genauso viele Spielarten geben wie für nichtbehinderte - und dazu gehören auch die sexuellen Dienstleistungen. Wo es keinen Partner gibt, sind Freunde umso wichtiger, die helfen - und sei es, daß so ein Dienst wie Sensis entsteht.

Ich tue mich schwer, diesen Dienst zu benennen: mit Liebe hat das nichts zu tun, es ist eine professionelle Dienstleistung. Ich bezahle für eine bestimmte Zeit, möchte sexuelle Befriedigung oder einfach körperliche Entspannung. Ich muß mir dabei bewußt sein: ich kaufe eine Dienstleistung, keine Emotionen.

Wenn man allerdings alle Illusion beiseite schiebt, Verklärung wegläßt - es gibt Menschen, denen es besser geht, wenn sie sexuelle Entspannung bekommen. Mit Liebe hat das nichts zu tun, mit Zärtlichkeit sollte es zu tun haben.

Petra Rieth (in: Paraplegiker, Heft 2/96)


Mittlerweile ist SENSIS nicht mehr bei der Interessengemeinschaft für Behinderte e.V. - (IFB) beheimatet.