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Partnerschaft und Sexualität aus Sicht der querschnittgelähmten Frau


Zu meiner Person: Ich hatte vor 11 Jahren einen Motorradunfall mit einer Luxationsfraktur des 7.Brustwirbels und bin seitdem querschnittgelähmt; eine komplette, spastische Paraplegie unterhalb Th 6/7.

Was ich Ihnen jetzt erzähle, gilt für mich, nicht unbedingt für alle Paraplegikerinnen. Tetraplegikerinnen haben u.U. eine andere Sichtweise.

Ich bin froh, daß ich eine querschnittgelähmte Frau bin, und kein querschnittelähmter Mann. Die Anforderungen, die die Gesellschaft an die Geschlechter stellt, der Mann muß die Familie ernähren und immer "können", die Frau muß Kinder kriegen und immer "wollen", sind von der querschnittgelähmten Frau leichter zu erfüllen.

Die Grundlagen für mein selbstbestimmtes Leben, auch im Bereich von Partnerschaft und Sexualität, wurden während der Rehabilitation gelegt. In der Frühphase gibt es da drei wichtige Faktoren.

Folie 1 : Einflußfaktoren in der Frühphase

* Medizinische Informationen

* Verhalten des Pflegepersonals und der Therapeuten gegenüber dem Patienten

* Erzählungen von erfahrenen Querschnittpatienten

Zum ersten die medizinische Informationen, sie werden in der Regel von Ärzten gegeben. Während meiner Reha gab es wöchentlich Informations- und Diskussionsstunden mit den unterschiedlichsten Themen zum Komplex Querschnittlähmung. Es wurde auch das Thema Sexualität behandelt. An den Inhalt des Vortrages habe ich nur noch vage Erinnerungen. Etwa 15% geschlechtsneutrale Informationen, 80% über medizinische und technische Möglichkeiten, dem querschnittgelähmten Mann zu einem ordentlichen Beischlaf zu verhelfen und die restlichen 5% über die querschnittgelähmte Frau.

Die Informationen für Frauen waren:

- sie können Kinder bekommen

- es muß nicht unbedingt ein Kaiserschnitt sein.

Die fehlende Lubriktion der Scheide wurde ebensowenig angesprochen wie jede Art der Empfängnisverhütung. Ergibt Querschnitt plus Ovulationshemmer eine erhöhte Thromboseneigung? Ein Intra Uterin-Pessar sitzt richtig, wenn man ihn nicht spürt. Bei mir "sitzt er immer richtig!" Auch die Befürchtungen evt. Verletzungen während des Geschlechtsverkehrs wurden nicht erörtert.

Kompetente Gynäkologen gibt es nur vereinzelt, man kriegt während der Reha keinen zu Gesicht, höchstens die Telefonnummer mit dem Hinweis: Wenn Sie irgendwelche Fragen haben, machen Sie einen Termin aus. Das Problem war nur, daß ich zu diesem Zeitpunkt gar nicht wußte, was ich fragen könnte.

Übrigens, heute Abend gebe ich einen aus: jedem hier anwesenden Gynäkologen ein Getränk seiner Wahl - und ich behaupte, 10 Mark reichen dafür.

Der zweite Punkt ist das Verhalten des Pflegepersonals gegenüber den Patienten. In einem Krankenhausbett liegt nicht nur ein gebrochener Wirbel, sondern ein Mensch. Er ist nicht geschlechtslos, er hat Scham und für ihn beginnt ein neues Leben.

Schön war für mich das freundschaftliche Verhältnis zwischen Pflegepersonal und Patienten. Es ersetzte ein bißchen die Clique zu Hause und gab dem Klinikalltag den Anstrich von Normalität. Und in dieser Normalität konnte ich auch eine junge Frau bleiben.

Woran ich mich noch sehr gut erinnern kann, ist die Selbstverständlichkeit, mit der Schwestern, Pfleger und Therapeuten davon ausgingen, daß eine Querschnittgelähmte in einer Partnerschaft oder Ehe lebt, und daß Sexualität da einfach dazu gehört. Der Satz einer Schwester ist mir immer noch im Ohr. Als ich mir einmal, bei der dritten nassen Hose eines Tages, einen Dauerkatheter wünschte, antwortete sie mir: "Willst du dich mit deinem Freund mit einem Dauerkatheter ins Bett legen?"

Was in Krankenhäusern prinzipiell nicht funktioniert, ist die Wahrung auch nur eines kleinen Teils der Intimsphäre. Die einzige Chance, die man als Patient hat, ist sein Schamgefühl zu vergessen. Diese Situation ist allerdings nicht dazu angetan, mich in meinem Bewußtsein als Frau zu bestärken.

Der dritte, nicht zu unterschätzende Aspekt ist der Kontakt zwischen Frischverletzten und "erfahrenen" Rollis. Die Selbstverständlichkeit, mit der viele ihr Leben mit Partner, Kindern und Beruf bewältigen, läßt die oft unüberwindbar erscheinenden Probleme kleiner werden und es erübrigen sich viele Fragen und Ängste.

Folie 2: Familiäre Situation in der Frühphase - Unterschiede

Verheiratet:

* Der Partner - Störfaktor und wichtige Bezugsperson

* Liebe oder Mitleid?

Single

* Zeitpunkt bestimmen

* große Umstellung

Ob man zum Zeitpunkt der Rückenmarksverletzung in einer Beziehung lebt oder nicht, wirft unterschiedliche Probleme auf.

Mit Partner hat man weniger Zeit, das neue Körpergefühl zu lernen; der eigene Rhythmus wird gestört, da auch der Partner gewisse Erwartungen hat. Die Unterschiede fallen stärker auf - man hat so den direkten Vorher-Nachher-Vergleich, und die Unterschiede sind erst einmal negativ besetzt. Dafür hat man einen vertrauten Menschen, der einem sehr viel helfen kann und der auch eine ungeheure Motivation darstellt. Außerdem stellt sich wohl irgendwann die Frage: "Tue ich ihm leid oder liebt er mich?"

Wenn man vom Rolli aus eine Beziehung eingeht, kann man warten, bis der richtige Zeitpunkt gekommen ist und weiß, daß der Partner einen mit Rolli mag. Dafür gibt es dann viel Neues auf einmal, den Mann und die eigene Sexualität.

Folie 3: Entwickeln der neuen Sexualität

* Kennenlernen des gelähmten Körpers

* Entstehen des neuen Körpergefühls

* Lösen von alten Vorstellungen

* Informieren des Partners

* Umgehen mit dem Verhalten Nichtbehinderter

Sexualität kann nicht losgelöst betrachtet werden, sondern hängt ganz entscheidend vom eigenen Körpergefühl ab. Erst wenn man seinen gelähmten Körper wieder mag, ist Sexualität möglich. Und um seinen Körper zu mögen, muß man ihn kennen. Dazu gehören z.B. Blasentraining, mit der Spastik umgehen, aber auch übersetzen oder sich umdrehen und Zeit, viel Zeit. Ich brauchte etwa 1 Jahr, bis ich in mir nicht nur eine Rollifahrerin oder eine Person in einer völlig veränderten Situation, sondern auch die Frau sah. Ich fühle mich als Frau, auch wenn einige Männer das nicht so sehen.

Als nächsten Schritt muß man sich von einigen Normen und Vorstellungen Nichtbehinderter lösen. Sie können aufgrund der körperlichen Möglichkeiten für Querschnittgelähmte nicht mehr gelten, da sie nicht erreichbar sind. Mit dem Laufen gibt es da relativ wenig Probleme. Es ist allen Rollifahrerinnen klar und stellt auch kein gravierendes Defizit dar, daß sie nicht mehr gehen können. Sie können sich aber sehr wohl alleine fortbewegen - und das ist ja auch das Ziel. Das gleiche Umdenken ist im Bereich der Sexualität notwendig. Ich kann keinen genitalen Orgasmus mehr haben, empfinde aber durchaus Verlangen und Befriedigung.

Es gibt für mcih bei der Sexualität keinen qualitativen Unterschied vor und nach dem Querschnitt, es ist einfach nur anders. Ich habe auch nicht das Gefühl, daß meine Sexualität mich weniger attraktiv macht.

Die neue Sexualität war für mich vor allem ein Lernprozeß. Ich habe im nichtgelähmten Bereich erogene Zonen ausgebaut und neue entdeckt. Wenn ich im gelähmten Bereich gestreichelt werde, spüre ich mit meinen Händen, was ich mit den Beinen oder dem Bauch nicht mehr spüren kann.

Meine Erkenntnisse und neu entwickelten Wertigkeiten kann ich dann Schritt für Schritt meinem Partner erläutern. Noch wichtiger ist, daß der Partner über Blase, Darm, Spastik und das Risiko von Druckstellen Bescheid weiß, um unliebsame Überraschungen zu vermeiden. Einen One-Night-Stand halte ich deshalb nicht für möglich bzw. nicht für sinnvoll.

Auch der eigene schizophrene Umgang mit dem gelähmten Körper ist für Außenstehende nicht leicht nachzuvollziehen. Das Schizophrene ist, daß ich nicht alle Berührungen im gelähmten Bereich werte. Wenn ich z.B. katheterisiert werde, spüre und empfinde ich nichts. Wenn ich im gelähmten Bereich gestreichelt werde und dies weiß oder sehe, kann ich mir vorstellen, wie ich das früher gespürt habe und empfinde dann schon etwas.

Für Nichtbehinderte stellt der Rollstuhl eine gefühlsmäßige Barriere dar, außerdem bewirkt er eine räumliche Distanz zwischen mir und anderen. In manchen Situationen gehört der Rollstuhl für mich zum Körper. Das ist für Nichtbehinderte offensichtlich gar nicht vorstellbar. Leute, die von hinten kommen und am Rollstuhl schieben, provozieren bei mir regelmäßig heftige Reaktionen. Es käme doch auch kein Fußgänger auf die Idee, seinen Nebenmann an der Ampel an der Taille zu fassen und einen Meter zur Seite zu schieben, oder ihn über die Straße zu tragen.

Das Verhalten der Nichtbehinderten ist überhaupt der schwierigste Punkt beim Akzeptieren des Rollstuhls und dem Entwickeln von Selbstwertgefühl und neuer Sexualität.

Leider gibt es immer noch Leute, die meinen und dies auch ungefragt kundtun, daß Querschnitt und Sexualität einander ausschließen. Ihnen kann ich nur antworten: "Das stimmt nicht, es gibt nur einen kleinen Unterschied zu Nichtbehinderten: Im Stehen kann ich es nicht mehr."

Einer etwas anderen Kategorie gehört ein gewisser Mr.Fitzpatrick an, der sich folgendermaßen äußerte: "Es bestehen relativ wenig Schwierigkeiten für die paraplegische Frau, weil sie in der Lage ist, ohne Schamgefühle oder Verlust ihrer Weiblichkeit eine passive physische Rolle in der Ehe zu spielen. Ich möchte nicht mit einer Beate-Uhse-Puppe gleichgesetzt werden. Das Gefühl, benutzt zu werden, ist mir besonders unangenehm.

Ich hoffe, daß derartige Meinungen bei allen Mitarbeitern in Querschnittzentren inzwischen der Vergangenheit angehören. Dort ist aber allgemein bekannt, daß sie über die Sexualität querschnittgelähmter Frauen sehr wenig wissen. Was mich wundert ist, daß sich niemand die Mühe macht, etwas mehr darüber zu erfahren. Wobei Sie mir ja heute das Gegenteil beweisen. Ich unterstelle Ihnen therapeutisches Interesse - und keinen Voyeurismus.

Während der Vorbereitungen auf diesen Vortrag habe ich mich auch mit Freunden unterhalten, um mir klar zu werden, was ich hier erzählen soll. Mit Erstaunen habe ich festgestellt, daß sie sich wesentlich mehr Gedanken über meine Sexualität machen als ich mir selbst. Für mich ist sie ganz selbstverständlich.

Ich glaube, ganz wichtig sind die ersten sexuellen Erfahrungen als Querschnitt. Sie prägen das Selbstwertgefühl als Sexualpartner und damit auch den Umfang der Selbstbestimmung.

Dies beinhaltet auch die Möglichkeit, eine Partnerwahl selbst treffen zu können und nicht dankbar sein zu müssen, daß überhaupt ein Mann mich wählt.

Abschließend läßt sich sagen, daß sich die Probleme von querschnittgelähmten Frauen auf die von nichtbehinderten reduzieren lassen, wenn folgende Voraussetzungen erfüllt sind:

Folie 4: Voraussetzungen

* Wissen über medizinische Sachverhalte

* Selbstwertgefühl

* Lösen von den Normen und Vorstellungen Nichtbehinderter

Informationen zu medizinischen Sachverhalten über Querschnittlähmung allgemein und zusätzlich bezüglich Sexualität, Schwangerschaft und Geburt in Verbindung mit einer Querschnittlähmung.

Ein gesundes Selbstwertgefühl, d.h. das Bewußtsein, daß ich als Querschnittgelähmte genauso interessant und attraktiv wie vor meinem Unfall bin.

Und das Lösen von den Normen und Vorstellungen Nichtbehinderter.

Die Grundlagen für diese drei Punkte müssen während der Rehabilitation gelegt werden, dann steht einer selbstbestimmten Sexualität nichts entgegen.
W.S.