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Sexualität - das ist Politik in der ersten Person


Sexualität ist lange schon ein öffentliches Thema. Man redet über Sex, Sex kommt in Filmen, Zeitschriften, Illustrierten und in vielen anderen Bereichen der Öffentlichkeit vor. Sexualität ist ein probates Mittel der Werbung, direkt und indirekt, in vielerlei Variationen. Sex sells.

Auch Sexualität behinderter Menschen wird nicht mehr als Widerspruch in sich dargestellt, im Gegenteil. Auch hier hat eine Veröffentlichung eingesetzt, die manchen schon viel zu weit geht.

Aber wir wollen festhalten: wir wissen, daß wir sexuelle Bedürfnisse haben und diese ausleben. Es gibt die negativen Seiten im Umgang mit uns, es gibt Ablehnung, es gibt Gewalt, es gibt die Tendenz zur Enteignung unserer Körper.

Doch seien wir ehrlich: kaum eine von uns zieht daraus die Konsequenz, für sich selbst zu sagen: ich will keinen Sex mehr, ich habe keine sexuellen Bedürfnisse.

Daraufhin wäre es genauso wichtig wie nach außen den Kampf gegen Diskriminierung und Gewalt zu führen, daß wir unter uns und mit unseren Partnern die positiven Seiten herausstellen, unsere Liebe, Lust und Leidenschaft bejahen, betonen und verstärken.

Natürlich fällt es uns leichter, grundsätzlich über Sex zu dozieren, Untersuchungen und Protagonistinnen zu zitieren und ein lustvolles Panorama malen. Doch das können andere auch, vielleicht können sie es sogar besser.

Was nur wir können, das ist in der ersten Person reden und dieses Thema in der Ich-Form aufgreifen. Aber genau da kommen die Probleme hoch: viele wichtige Elemente lassen wir lieber unerwähnt, sie sollen im Dunkeln des Privaten bleiben. Wir wählen aus, was und wieviel davon wir - selbst in so einem relativ geschützten Rahmen - ver-öffentlichen. Eine Fotoausstellung soll einen optischen Rahmen geben - aber wehe, es schlägt jemand vor, Fotos von uns an die Wand zu hängen! Dabei ist die Abwehr sogar noch schneller als die Frage: wie könnte ein Foto aussehen, auf dem ich mich erotisch finde? Wie sehe ich mich? Wie sehen andere mich? Wie möchte ich, daß andere mich sehen??

Schon das sind Fragen, die wir uns nicht öffentlich gestatten. Aber sind wir damit nicht selbst schuld an diesem asexuellen Bild, das lange von uns gezeichnet wurde und das auch heute noch in manchen Köpfen herumgeistert?

Sicherlich: auch viele nichtbehinderte Frauen und Männer reagieren so. Aber die meisten von ihnen würden auch nicht auf die Idee kommen, so einen Workshop zu veranstalten oder auch nur, ihn zu besuchen. Und: sie haben in der Regel mit anderen Vermutungen und Erwartungen zu tun als wir. Andererseits - alle Frauen, alle Menschen haben damit zu kämpfen, sich schön zu finden, ihre Abweichung von Idealen, Normen oder gar Idolen zu akzeptieren.

Zeig mir deine Schokoladenseite! ist ein Knackpunkt. Ich bin stolz auf mich - auch ohne Diät oder kosmetische Chirurgie - das kann kaum eine über sich sagen.

Wir wollen ja nicht unsere sexuellen Erfahrungen ausbreiten, wollen keine Pornoveranstaltung und keine Vorführung zur Befriedigung irgendwelcher Voyeure bieten.

Aber wir sollten auch nicht wie in einem akademischen Zirkel über "das Bild von behinderten Frauen in der Öffentlichkeit" reden, sondern wir sollten von uns selbst reden. Damit beeinflussen wir das Bild in der Öffentlichkeit irgendwann sowieso nachhaltiger, einfach durch unser eigenes Verhalten, als durch wissenschaftliche Analysen.