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Stiftung Warentest


Wegweiser durchs Warendickicht

Wie die Stiftung Warentest die Qualität von Konsumgütern testet / Verbraucherschutz auf Initiative der Bundesregierung

Ein sensorisches Prüflabor in Süddeutschland. Die sechs Prüfer haben es sich in ihren Kabinen bequem gemacht. Durch quadratische Luken wird ihnen das Wasser gereicht - in einem Probierglas wie es Sommeliers benutzen. Abgeschirmt vom Gesichtsausdruck der anderen Verkoster oder deren Probiergeräuschen prüfen die Experten für die Stiftung Warentest 20 Lifestyle-Wässer: Wie sieht das Wasser aus, wie riecht es und wie fühlt es sich im Mund an? Ganz wichtig und bei den meisten Verbrauchern gleich nach dem Preis entscheidend für den Kauf: der Geschmack - der an diesem Tag bei fast allen Wässern nicht überzeugt. Nicht etwa, weil die Wässer süßlich, leicht salzig oder bitter schmecken. „Das sind charakteristische Ausprägungen für Wässer, die durch unterschiedliche Gesteinsschichten sickern", erläutert Warentest-Projektleiterin Birgit Rehlender, die den Wassertest betreut. 18 von 20 Wässern schmecken nach Unerwünschtem: nach Acetaldehyd aus dem PET-Kunststoff der Flaschen, nach dem Karton der Verpackung oder nach anderem Kunststoff, etwa aus den Rohren der Abfüllanlage. Selbst die Deckeldichtungen geschmacksneutraler Glasflaschen schmecken gelegentlich wie ranziges Leinöl. „Die Ursache ist ein Kunststoffbestandteil, der die Dichtung geschmeidig machen soll und schon in geringsten Mengen den Geschmack beeinträchtigt' erklärt der Lebensmittelchemiker des Instituts. Schädlich sei der Stoff nicht.

Acetaldehyd, das die geschulten Zungen der Prüfer herausschmecken, weisen die Chemiker parallel mit einer speziellen GasChromatographie nach. Acetaldehyd kommt zwar auch natürlich vor, etwa in Fruchtsäften, hat aber nach Ansicht der Warentester in Mineralwasser nichts zu suchen. Das einzige Wasser, das nach nichts als Wasser schmeckt, ist ein natürliches Mineralwasser aus Spanien. Für die Deklaration gibt es allerdings „mangelhaft" - das bei Vollmond abgefüllte Wasser wirbt mit Heilversprechen, was nicht zulässig ist. Ein zweites Labor nimmt derweil im Auftrag der Stiftung eine mikrobiologische Untersuchung vor - wie sie die Mineral- und Tafelwasserverordnung vorschreibt.

Zur gleichen Zeit prüfen Lebensmittelchemiker in einer westdeutschen Kleinstadt, ob auch drin ist, was draufsteht. Die codierten Ergebnisse der drei beteiligten Labore laufen nach zweieinhalb Monaten Prüfzeit auf dem Schreibtisch von Projektleiterin Rehlender in Berlin zusammen und werden erst dort den Produkten zugeordnet. Die Lebensmittelchemikerin wird später feststellen, dass ein Quellwasser mit dem verheißungsvollen Namen „Glaciar Sport" nur so wenige Mineralstoffe wie destilliertes Wasser für Autobatterien oder Bügeleisen enthält. Die Stiftung hält die Deklaration „Sport" für irreführend und urteilt: „mangelhaft". Das portugiesische Quellwasser „dürfte eigentlich gar nicht verkauft werden", da es den Grenzwert für Arsen überschreitet, sagt Rehlender. Obwohl sie dem Anbieter den Wert vor der Veröffentlichung mitgeteilt hat, reagierte er erst nach Erscheinen des Tests. Ähnliche Fälle gab es schon vor mehr als 40 Jahren. Der damaligen Bundesregierung unter Konrad Adenauer (CDU) wurde klar, dass die Verbraucher objektive Informationen brauchen - als Wegweiser durchs Warendickicht. Nach langer Diskussion, Adenenauers Nachfolger Ludwig Erhard (CDU) war längst im Amt beschloss der Bundestag am 4. Dezember 1964 die Gründung der Stiftung Warenest. 15 Monate später erschien das erste Heft mit einem Test von Handrührgeräten und Nähmaschinen. Die Kioske verkauften 100 000 Exemplare.

Durch den Verzicht auf Anzeigen fehlte aber ein wesentliches wirtschaftliches Standbein. „Der Denkfehler war damals, dass die Regierung glaubte, eine Anschubfinanzierung würde reichen", sagt die Leiterin der Pressestelle, Heike van Laak, rückblickend. Fünf Jahre lang waren öffentliche Zuschüsse von zunächst zwei und später vier Millionen Mark jährlich vorgesehen. Danach sollte sich die Stiftung durch den Verkauf des Heftes tragen. Daher hatten die Gründerväter die Warentester nicht mit einem Stiftungsvermögen ausgestattet, dessen Zinsen das wirtschaftliche Überleben dauerhaft hätten sichern können. So wurde die Stiftung abhängig von Zuschüssen, also von der jeweiligen Lage des Haushalts.

Im Dauerclinch mit Öko-Test

Im vergangenen Jahr erhielt die Stiftung Warentest - wie 2003 - einen Bundeszuschuss in Höhe von 6,5 Millionen Euro. Insgesamt erwirtschaftete sie Erträge von gut 52 Millionen Euro. Damit lag die Zuschussquote bei 12,4 Prozent. Unterstützung, auf die das Konkurrenzlabel „ÖkoTest" verzichten muss - und daher auch Anzeigen in ihrem Heft veröffentlicht. Unabhängig davon prangert der Chefredakteur der Warentest-Zeitschrift test, Hubertus Primus, seit Jahren die Methoden von ÖkoTest an. Ein Beispiel: Öko-Test beurteilt ein Mückenschutzmittel aus natürlichen ätherischen Ölen als „gut'~ während Stiftung Warentest „mangelhaft" attestiert.

„Öko-Test überprüft lediglich die angegeben Inhaltsstoffe, während wir bei unserer Wirksamkeitsprüfung festgestellt haben, dass es einfach nicht geholfen hat", erläutert Pressechefin van Laak. „Öko-Test hat festgestellt, dass es durchaus wirkt, sofern man es nicht unter völlig unrealistischen Bedingungen testet", kontert ÖkoTest-Geschäftsführer Jürgen Stellpflug. „Wir nehmen uns allerdings die Freiheit, da wir keine staatlichen Gelder zur Verfügung haben, auf unserer Meinung nach unsinnige Tests zu verzichten." Stiftung Warentest hatte Testpersonen den eingeriebenen Arm in einen volierenähnlichen Kasten mit hungrigen Stechmücken halten lassen.

Die Verbraucher aber vertrauen den Warentestern. Eine repräsentative ForsaUmfrage hat ergeben, dass Stiftung Warentest im Vergleich von zwölf gesellschaftlichen Institutionen das höchste Vertrauen genießt - mit deutlichem Abstand vor der Polizei, dem Deutschen Roten Kreuz, Greenpeace, Gerichten, Gewerkschaften und der Kirche. 83 Prozent der Befragten gaben an, sehr hohes (26 Prozent) oder hohes (57 Prozent) Vertrauen zu der Stiftung zu haben. Im Handel zahlt sich die Werbung mit einem „Sehr gut" oder „Gut" der Stiftung aus. Der Lebensmittelmulti Ferrero hat deshalb noch vor wenigen Jahren Nutella mit der Bestnote der Stiftung aus dem Jahr 1981 beworben. „Solange die Rezeptur nicht verändert wird, dürfen die Hersteller damit werben", bestätigt van Laak.

Sobald allerdings Schokonussaufstriche nach veränderten Prüfkriterien getestet würden, seien die alten Gütesiegel hinfällig - selbst wenn das entsprechende Produkt nicht getestet wurde. Wer mit einem guten Urteil wirbt, muss angeben, ob und wie viele Konkurrenten im Test „sehr gut" abgeschnitten haben. Günstige Einzelaussagen getrennt von der Gesamtbewertung herauszuheben, ist tabu. Umgekehrt wirken sich schlechte Bewertungen aus: „Produkte, die schlechter als ‚befriedigend' abschneiden, verschwinden bei Aldi von einem auf den anderen Tag aus den Regalen", weiß van Laak. Wenn ein Hersteller nicht auf ein „mangelhaft" reagiere, würde der Handel das Produkt früher oder später ohnehin auslisten, weil es niemand mehr kaufe. Enorme Medienaufmerksamkeit löste das „mangelhaft" für eine Hautcreme aus. die von der Schauspielerin Uschi Glas vertrieben wird. Ihre Herstellerfirma klagte gegen Stiftung Warentest und wurde abgewiesen. Glas hat Berufung angekündigt.

Nach unzähligen Wären-, Dienstleistungs- und Finanztests hat die Stiftung 2003 auch ein Pilotprojekt für Nachhaltigkeit gestartet: Mit dem Corporate-SocialResponsibility-Test (CSR) bezieht sie das soziale und ökologische Verhalten von Unternehmen in die Tests ein. Im Fokus der ersten drei Untersuchungen standen die Hersteller von Outdoor-Jacken, Vollwaschmitteln und Lachsfilets. „Allerdings kostet der zusätzliche CSR-Test genauso viel wie der ganz normale Warentest, der ohnehin gemacht wird", sagt van Laak. Die Auflage des Hefts hätten die Nachhaltigkeitstests nicht signifikant gesteigert. Der Heftverkauf ist seit seinem Höhepunkt von fast einer Million Stück nach der Wende 1991 im vergangenen Jahr mit 600 000 Stück wieder auf die Auflage von 1978 zurückgefallen. Immer wichtiger wird der kostenpflichtige Datenabruf über das Internet. 1,25 Millionen Euro hat die Stiftung 2004 online umgesetzt. Um Kosten zu sparen, arbeiten die deutschen Verbraucherschützer zunehmend mit den Warentest-Organisationen der Nachbarländer zusammen. Vor allem wenn sie ihre Einkäufer losschicken, um Autos zu kaufen. Schließlich sind nicht alle Prüfmuster so günstig wie Mineralwasserflaschen.

Aus: FR vom 22. Juni 2005, S. 29


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