KOMMENTAR
Pauschalfall


Ein Patient mit akutem Herzinfarkt wird zur DRG-Codenummer F 60. Stirbt dieser Patient wird er codiert als F 60.C und erhält ein Relativgewicht von 0,993. Überlebt er, wird er als F 60.B mit 1,26 gewichtet. Zwischen Tod und Leben liegen mithin nur 0,27 Einheiten.

Die neuen Fallpauschalen nach australischem Vorbild sind der Versuch, ökonomische und medizinische Notwendigkeiten unter einen Hut zu bringen. Eine dritte Kategorie in der Versorgung scheint dabei verloren zu gehen: die Humanität der Behandlung, etwa in Form menschlicher Zuwendung für die Kranken. "Keine Zeit für Barmherzigkeit" fasst das Deutsche Ärzteblatt die befürchteten Folgen der Pauschalisierung und Codierung zusammen.

Im Zeichen des verschärften Kostendämpfungsdenkens wird das Gesundheitswesen zunehmend auf Leistung getrimmt. Der Patient wird zum Beitragsrisiko und zum Lohnnebenkostenfaktor - gleich doppelt, wenn er als kranker Arbeitnehmer auch noch Ausfalltage in der Firma verursacht. Die gute Nachricht des gestrigen Tages lautet denn auch nicht etwa "Beschäftigte immer gesünder", sondern "Krankenstand in den Betrieben sinkt". Es sei dahingestellt, ob tatsächlich ein besserer Gesundheitszustand die Ursache dafür ist oder nicht eher die Furcht vor dem Verlust des Arbeitsplatzes.

Die neuen Fallpauschalen könnten den Trend zur schnelleren Rückkehr vom Krankenbett fördern, spricht man ihnen doch den Vorteil zu, die Verweildauer in der Klinik zu verkürzen. Wenn tatsächlich überflüssige Aufenthaltstage im Hospital wegfallen, trägt das sicher auch zur Humanisierung der Behandlung bei. Denkbar ist aber auch, dass unter dem neuen Primat der standardisierten Wirtschaftlichkeit viele Patienten zu früh nach Hause geschickt werden. Nur eine ausgefeilte Qualitätskontrolle könnte dies verhindern.

Die Ökonomisierung der stationären Behandlung findet ihren sichtbaren Ausdruck zum einen im anhaltenden Stellenabbau vor allem bei den Pflegekräften. Zum anderen zeigt sie sich in der zunehmenden Privatisierung von Krankenhäusern. In zehn bis 15 Jahren wird fast die Hälfte der Kliniken als Aktiengesellschaften firmieren, schätzen Experten. Unter dem Diktat des Shareholder value werden Patienten endgültig zum Pauschalfall. rb


FR vom 3.1.2003