Neue Ära in den Krankenhäusern startet ohne Glanz

Fallpauschalen-System beginnt nur mit wenigen Teilnehmern / Verband befürchtet Qualitätseinbuße und Jobabbau


rb FRANKFURT A. M. Eingeklemmt zwischen der verordneten Null-Runde für Klinik-Budgets und der Tarifforderung im öffentlichen Dienst hat für die Krankenhäuser eine neue Ära begonnen. Am 1. Januar fiel der Startschuss für die Einführung der diagnosebezogenen Fallpauschalen. Bis 2007 wird das Finanzierungssystem der Kliniken schrittweise umgestellt. Es bringt nach Ansicht von Experten einen Verlust an Versorgungsqualität. Dadurch werde "der Vorrang der Ökonomie" in den Hospitälern verstärkt, befürchten die Bochumer Mediziner Herbert Neumann und Andreas Hellwig, "die noch bestehenden sozialen Komponenten werden künftig entfallen". Es bestehe die Gefahr einer "Schnäppchenmedizin", bei der "finanziell attraktive Patienten bevorzugt und unattraktive verschoben werden".

Ähnlich sieht es Andreas Priefler, Sprecher der Deutschen Krankenhausgesellschaft (DKG). Mittelfristig könne das neue System dazu führen, sagt Priefler im Gespräch mit der FR, dass "der Umgang mit den Patienten nüchterner wird", dass viele Kliniken sich spezialisieren und "nicht mehr alles anbieten" und dass manche Kranke möglicherweise länger auf ihre Behandlung warten müssten. Mit Einspar-Effekten rechnet er frühestens von 2010 an.

Noch sind solche Befürchtungen Zukunftsmusik. Denn 2003 ist zunächst nur ein "Testjahr" auf freiwilliger Basis, erst 2004 wird die Änderung obligatorisch. Laut Priefler haben sich bis zum Anmeldeschluss Ende Oktober 2002 gerade mal 489 "kleine und mittlere Häuser" bereit erklärt, sofort mitzumachen. Erst als danach Gesundheitsministerin Ulla Schmidt den Kliniken eine Null-Runde verordnete - ausgenommen sind Teilnehmer an der Fallpauschalen-Testphase - nahm das Interesse daran sprunghaft zu: Mehr als 1000 Krankenhäuser hätten nachgemeldet und müssten nun abwarten, berichtet Priefler. Denn das im Bundesrat zustimmungspflichtige Spargesetz samt Ausnahmen wird noch verhandelt und dürfte erst im Februar in Kraft treten. Derweil müssten diese Häuser doppelt buchführen.

In dem neuen System errechnet sich der Erlös des Krankenhauses je Patient nicht mehr nach dessen Verweildauer und einem festen Tagessatz. Stattdessen bemisst sich die Vergütung nach einem Basisfallpreis und einem relativen Kostengewicht je Krankheit. Nach der vorläufigen Gewichtung schlägt beispielsweise eine Geburt ohne Komplikationen mit der Messzahl 1,0 zu Buche, ein Blinddarm mit 0,8 und eine Hüft-Arthrose-Behandlung mit 35. Diese vom Ministerium verordneten Relationen sind für Priefler noch "mangelhaft und zu wenig differenziert nach der Schwere eines Falles". Bis 2004 wollen Kassen und Kliniken daher nachbessern.

2002 gaben die Krankenkassen nach inoffiziellen Hochrechnungen rund 47 Milliarden Euro für die Krankenhausbehandlung aus, das sind drei bis 3,5 Prozent mehr als im Jahr 2001. Für die laufende Periode war ursprünglich eine Steigerung der Budgets von 0,8 Prozent programmiert - bis Frau Schmidt auch dieses bescheidene Wachstum kassierte. Der Null-Runde stünden erwartete Personalkosten-Steigerungen von drei Prozent gegenüber - Priefler rechnet mit einem Tarifabschluss im öffentlichen Dienst von gut zwei Prozent. Das könnten die Kliniken nicht kompensieren, zumal die Fallpauschalen-Umstellung ebenfalls zusätzliche Kosten von etwa zwei Milliarden Euro verursache. Die Folge sei ein weiterer Abbau von schätzungsweise knapp 30 000 der 1,1 Millionen Arbeitsplätze in den Spitälern.

FR vom 3.1.2003