Kinder müssen sterben, weil sie die Kinder des Feindes sind

Die Auswirkungen des Embargos gegen Irak auf Kinder mit Leukämie und anderen schweren Krankheiten / Ein Erfahrungsbericht der Ärztin Eva-Maria Hobiger

Ein unmenschlicher Diktatur ist das eine, todkranke Kinder, die wegen des Embargos gegen Irak nicht medizinisch behandelt werden können, das andere, trifft Dr. Eva-Maria Hobiger eine klare Unterscheidung. Die Fachärztin für Radioonkologie (Strahlentherapie) in Wien war während der vergangenen zwei Jahre mehrmals in Irak, zuletzt im September 2002. Sie ist Gründerin des Hilfsprojekts "Aladins Wunderlampe - Hilfe für krebskranke Kinder in Basra" und medizinische Koordinatorin der Gesellschaft für Österreichisch-Arabische Beziehungen in Wien. Spenden für dieses Projekt: HypoVereinsbank München (BLZ 700 202 70), Konto-Nr.: 665 821 595, Stichwort: "Kinder in Irak"


"Wir haben die ethische und moralische Verpflichtung, das aufzudecken, was seit Jahren von Politikern und Medien weitgehend verschwiegen wird: die humanitäre Katastrophe, die zwölf Jahre Wirtschaftssanktionen über das irakische Volk gebracht haben."

Hans Graf von Sponeck, ehemaliger UN-Koordinator in Bagdad, ehemaliger stellvertretender UN-Generalsekretär, November 2002.

Der neuerliche Krieg gegen Irak hat in der Form des Psychokrieges längst begonnen: seit Jahresfrist hängt das Damoklesschwert eines Militärschlages über der irakischen Zivilbevölkerung. Die internationale Gemeinschaft ringt wochenlang um spitzfindige Formulierungen einer UN-Resolution, die Auswirkungen eines allfälligen Krieges auf den Erdölpreis und auf die Stabilität der gesamten geographischen Region werden analysiert. Unbeachtet bleiben, wie bei jedem politischen Konflikt, die Menschen, die die Folgen dieses Krieges tragen werden: Ein 23-Millionen-Volk, von dem 55 Prozent unter der Armutsgrenze leben, und wäre da nicht das monatliche Lebensmittelpaket im Wert von 25 Dollar, das jeder Iraker erhält, so würden 90 Prozent des irakischen Volkes unter der Armutsgrenze leben.

Das Land, das die besten Sozialindikatoren der Region aufweisen konnte, ein hervorragendes Gesundheitssystem besaß, welches der Bevölkerung kostenlos zur Verfügung stand, das Land, dem von der Unesco ein Preis für die rasche Alphabetisierung verliehen wurde, das ehemalige "Preußen Arabiens", zählt heute zu den fünf ärmsten Entwicklungsländern dieser Erde. Zwei Kriege und zwölf Jahre Embargo haben nicht nur die Infrastruktur, sondern auch die gesamte Gesellschaftsstruktur Iraks zerstört. Professor Bernhardt Graefrath, ehemaliges Mitglied der UN-Menschenrechts- sowie der UN-Völkerrechtskommission bezeichnet die Auswirkungen des Embargos als "die schlimmste humanitäre Katastrophe der unmittelbaren Vergangenheit und Gegenwart".

Unicef fasst diese humanitäre Katastrophe zusammen: Der Anstieg der irakischen Kindersterblichkeitsrate innerhalb der letzten Dekade ist mehr als alarmierend und der höchste von allen untersuchten Ländern: 160 Prozent! Derzeit sterben 131 von 1000 irakischen Kindern unter fünf Jahren (eines von acht Kindern!) infolge mangelnder medizinischer Versorgung, schlechter Trinkwasserqualität und Fehl- bzw. Unterernährung. Ein Drittel aller irakischen Kinder in Mittel- und Südirak ist unterernährt, ein Viertel aller Kinder zwischen sechs und 15 Jahren müssen statt des Schulbesuchs arbeiten, um das Familieneinkommen aufzubessern, ganz besonders sind die Mädchen betroffen: Nur mehr zwei Drittel besuchen die Schule.

Waren 1990 4,5 Prozent aller Neugeborenen untergewichtig (unter 2,5 kg), so sind es Ende 2002 24,7 Prozent. Durchschnittlich erkrankt jedes irakische Kind unter 5 Jahren 14-mal jährlich an Durchfall, was einem fünffachen Anstieg gegenüber 1990 entspricht. 37 Prozent der Schulgebäude sind in einem derart desolaten Zustand, dass sie eigentlich nicht mehr benutzt werden dürften. Durch defekte Dächer sickert das Wasser in die Wände, durch glaslose Fenster dringt unerträgliche Hitze im Sommer und Kälte im Winter, Kinder sitzen auf Kisten und Steinen statt in Schulbänken. Schüler werden nach Hause geschickt, wenn sie die Toilette aufsuchen müssen, denn die sanitären Anlagen sind nicht mehr benutzbar.

1.

Lokalaugenschein im September 2002

Basra, die Millionenstadt am Shatt-el-Arab, das frühere "Venedig des Orients", ist zu einem einzigen Slum verkommen. Die einstmals prächtigen Paläste und Kaufmannshäuser entlang der Kanäle liegen in Trümmern, und heute prägen Häuserruinen das Stadtbild. Die schlechte Trinkwasserqualität trägt Schuld an vielen Krankheiten, die Kanalisation ist in einem verheerenden Zustand, das Abwasser steht in den Gassen der Stadt und wenn es regnet, auch in den Häusern. Frauen und Kinder betteln in den Straßen, Männer durchsuchen Abfallhaufen nach Essbarem. Die Arbeitslosenrate ist ins Unermessliche gestiegen, zahllose Obdachlose wohnen in den Ruinen, und es geschieht nicht selten, dass Menschen erschlagen werden von einstürzenden Dächern.

Wie in den anderen irakischen Spitäler so ist auch im Mutter-Kind-Spital in Basra die Hygiene mehr als mangelhaft, Reinigungs- und Pflegepersonal fehlt, es mangelt an Medikamenten, und es mangelt an medizinischen Geräten und Einrichtungen. "Wir stehen mit leeren Händen vor unseren Patienten", meint Dr. Azaad. Der 35-jährige Kinderarzt bewohnt ein winziges Zimmer des Spitals, denn der Ortsteil Basras, in dem seine Eltern leben, hat seit dem Golf-Krieg keinen elektrischen Strom.

Wie die meisten Männer seiner Altersgruppe ist Dr. Azaad unverheiratet, bei einem Gehalt von 10 Dollar monatlich wird eine Ehe zum Luxus. Er und seine Verlobte warten seit Jahren, dass sich die Lebensumstände bessern.

Vor dem Golfkrieg entsprachen dem Gegenwert von einem Dollar 3,3 irakische Dinar, heute bekommt man für einen Dollar zweitausend irakische Dinar. Ein Einkommen, das einem früher ein ausgezeichnetes Leben ermöglichte, sichert heute auf Grund der astronomischen Inflation kaum mehr das Überleben. Im Rahmen des Oil-for-food-Programms, das seit 1996 existiert, entfielen im Jahr 2001 pro Person und Jahr 141 Dollar, zuletzt waren es 188 Dollar. Leicht vorstellbar, dass da für teurere medizinische Behandlungen kein finanzieller Spielraum mehr gegeben ist, wie z. B. für die Behandlung von Leukämien oder Krebserkrankungen.
FR vom 3.1.2003