Viele Versprechen, aber wenig Beweise / FR-Interview

Gemüsepillen, Vitamintabletten und Vitalpulver sollen Gesundheit und hohes Alter garantieren. Doch Vorsicht, warnt Bernhard Watzl von der Bundesforschungsanstalt für Ernährung in Karlsruhe.


FR: Das Konzept, fehlende Stoffe zu ersetzen, klingt doch ganz plausibel oder?

Watzl: Das kommt darauf an, von welchen Stoffen wir reden. Alles was wir an lebensnotwendigen Stoffen brauchen, muss von außen aufgenommen werden. Die Frage ist: Was brauchen wir insgesamt? Wir wissen, wie viel essenzielle Nährstoffe wir aufnehmen müssen, damit keine Mangelsymptome auftreten. Dies gilt für alle Vitamine und Mineralstoffe, für Eiweiß usw. Wenn sich alle Verbraucher an die Empfehlungen hielten, wären 97 Prozent gut versorgt. Aber das ist der Idealzustand. In der Praxis sieht das anders aus, weil die Ernährungsgewohnheiten von verschiedenen Gruppen doch unterschiedlich sind - etwa bei jungen Frauen und Senioren.

Wie sieht es bei den Substanzen aus, die keine Nährstoffe sind?

Das sind etwa sekundäre Pflanzenstoffe wie Carotinoide, Flavonoide usw. Dafür gibt es keine Zufuhrempfehlung. Wir wissen nicht, welche Mengen davon sinnvoll sind. Wir wissen nur, dass Menschen, die viel Obst und Gemüse essen und damit viel sekundäre Pflanzenstoffe aufnehmen, ein geringeres Risiko für Arteriosklerose und verschiedene Krebsarten haben. Dieses verringerte Risiko kann nicht alleine mit der Zufuhr essenzieller Nährstoffe erklärt werden. Es müssen weitere Stoffe mit diesen Lebensmitteln aufgenommen werden, die sich positiv auswirken, was auch nicht durch die Supplementierung mit Vitamin C oder E zu erreichen ist.

Wie ist das Konzept zu beurteilen: Menschen, die sich ungesund ernähren, gleichen diesen Mangelzustand durch Pillen, Tabletten und Pulver aus.

Das muss man sehr kritisch sehen. Es gibt keine Studie, die nachweist, dass die Supplementierung einzelner Stoffe wie den sekundären Pflanzenstoffen sich bei insgesamt ungesunder Ernährung positiv auswirkt. Eine Ausnahme stellt ein Vitaminmangel dar, der natürlich durch die Vitaminzufuhr ausgeglichen wird. Aber wenn jemand wenig Obst und Gemüse isst und Gemüseextrakte als Pillen nimmt, gibt es keinen Beweis, dass diese Pillen das bringen, was Obst und Gemüse bewirken. Und mit der Supplementaufnahme bleiben in der Regel auch die ungesunden Ernährungsgewohnheiten bestehen.

Führen Supplemente auch zu Nachteilen?

Ja. Das Beispiel Betacarotin hat in mehreren Studien klar gezeigt: Wenn es als Reinsubstanz in hohen Mengen von Rauchern aufgenommen wird, erhöht es deren Lungenkrebsrisiko.

Wir haben eine weitere Gruppe an Präparaten, die reich an Sojaextrakten und Phytoöstrogenen sind und für die Schutzeffekte nachgewiesen sind. Diese Verbindungen können sich aber in bestimmten Lebensphasen ungünstig auswirken. Sie können zum Beispiel das Wachstum von Tumorzellen fördern. Die Forschungsergebnisse zeigen klar, dass negative Effekte nicht ausgeschlossen werden können.

Woran können sich die Menschen bei diesen Mitteln denn orientieren?

Die Verbraucher sollten von diesen ganzen Präparaten die Finger weglassen, da sie immer nur Auszüge von Produkten darstellen. Denn wir wissen nicht: Wie viel ist drin, wie verfügbar die Inhaltsstoffe für den Körper sind, und schließlich stellt das Produkt immer nur einen engen Teilbereich dessen dar, was ein Obst oder Gemüse insgesamt bietet. Um die Ernährung grundsätzlich zu verbessern, sollte mehr Obst und Gemüse und weniger tierische Produkte aufgenommen werden, die Energiezufuhr sollte dem Bedarf angepasst sein - dann tue ich das Optimale für die Gesundheit, und dann brauche ich auch keine weiteren Supplemente.

Aber das ist inzwischen zu einem ganz starken Trend geworden und wird auch von Ärzten propagiert und vorgemacht.

Das ist als besonders negativ zu bewerten, wenn Ärzte - die eigentlich einen anderen Ansatz haben sollten, nämlich Menschen zu einer gesunden Lebensführung zu bringen - als Vorbilder propagieren, dass man Supplemente einnehmen sollte. Das verunsichert die Verbraucher, weil sie dann glauben, man könne sich mit den heutigen Lebensmitteln nicht mehr gesund ernähren. Aber das ist vollkommen falsch.

FR vom 2.1.2003