Wie das Leben schmeckt

Alte Menschen haben besondere Ernährungsprobleme


Die Menschen in den Industrienationen werden immer älter. Ernährung in den späten Lebensjahren ist deshalb zu einer ganz entscheidenden Gesundheitsfrage geworden. Die meisten alten Menschen werden sich wohl kaum mehr mit dem Begriff "Anti Aging" anfreunden können. Dafür vielleicht aber um so mehr mit dem Motto: "Gesund sterben, aber nicht zu früh - und mit Lebensfreude und in Würde altern". So formulieren es nämlich Professor Thomas Rabe und Professor Thomas Strowitzki von der Unifrauenklinik Heidelberg.

Allerdings ist es für viele Senioren gar nicht so einfach, sich "richtig" zu ernähren. Denn in der Praxis ist häufig eine Fehl- oder Mangelernährung für eine Vielzahl von Erkrankungen verantwortlich. Bei älteren Menschen heißt ein Problem "Unterernährung". Viele Alte nehmen nur noch zwischen 1000 und 1500 Kilokalorien täglich zu sich. Viel zu wenig. Denn daraus entstehen Mangelerscheinungen bei Vitaminen, Mineralstoffen und Spurenelementen, weiß der Paderborner Professor Helmut Heseker. Eigentlich sollte die tägliche Kilokalorienaufnahme für über 65-Jährige bei 1800 (Frauen) beziehungsweise 2300 (Männer) liegen.

Teufelskreis

Wie schlecht es um den Ernährungsstand der Betagten aussieht, zeigt sich meist erst, wenn die alten Menschen ins Krankenhaus müssen. "Rund 60 Prozent der über 75-jährigen Patienten sind bei Aufnahme ins Krankenhaus unterernährt", heißt es in einer Mitteilung der Deutschen Gesellschaft für Ernährung.

Die Ernährungswissenschaftlerin Dr. Dorothee Volkert vom Institut für Ernährungswissenschaft der Rheinischen-Friedrich-Wilhelms-Universität in Bonn, erklärt das so: "Durch die gegenseitige Beeinflussung von Gesundheits- und Ernährungszustand kann leicht ein Teufelskreis entstehen. Die unzureichende Versorgung mit Nährstoffen beeinträchtigt den Allgemeinzustand, das Wohlbefinden und die Lebensqualität des Menschen. Die Senioren leiden an Antriebslosigkeit, Müdigkeit und allgemeiner Schwäche. Außerdem erhöht sich durch die verminderte Abwehrlage die Anfälligkeit für Infektionen, wie beispielsweise Grippeerkrankungen."
Verantwortlich für die altersbedingte Mangelernährung ist in vielen Fällen die Appetitlosigkeit. Viele Ursachen kommen in Betracht. Denn im Alter verändert sich der Geschmacks- und Geruchssinn. Der Duft eines frisch überbrühten Kaffees oder der Geruch des leckeren Sonntagsbratens, der einem sonst "das Wasser im Munde zusammenlaufen lässt", wird von vielen älteren Menschen nicht mehr als appetitanregend wahrgenommen. Volkert rät deshalb: "Manchmal hilft bei Appetitlosigkeit die Bewegung an frischer Luft, etwas Gymnastik am offenen Fenster. Appetitanregend wirkt auch mal ein kleiner Aperitif vor dem Essen. Bei andauernder Appetitlosigkeit mit Gewichtsverlust sollte die Ursache immer durch eine ärztliche Untersuchung abgeklärt werden."
Auch Kau- und Schluckbeschwerden können das Essen erschweren. So berichtet der 87-jährige Senior Kurt L. von Problemen mit seinen "dritten" Zähnen: "Meine schlecht sitzende Zahnprothese, verbunden mit schmerzhaften Entzündungen im Mund, hat mir lange Zeit den Spaß am Essen verdorben. Jedes Kauen wurde zu einer Qual, und der Gedanke ans Essen schnürte mir regelrecht den Magen zu."
Dorothee Volkert, die auch Autorin des Buches Ernährung im Alter ist, rät: "Wenn der ältere Mensch nicht unter völliger Kauunfähigkeit leidet, sollte er sich auf keinen Fall über längere Zeit ausschließlich von Breikost ernähren oder die Lebensmittel zu weich kochen, denn dabei wird auch der Nährstoffgehalt verkocht." Bei Kaubeschwerden ist es oft erleichternd, Rohkost zuzubereiten - also Obst und Gemüse zu raspeln oder zu reiben.

So hilft sich die 84-jährige Gertrud K., indem sie die harten Teile der Brotrinden oder die Haut der Wurst abschneidet. Weil sie ihr geliebtes morgendliches Brötchen nicht weglassen wollte, tunkte sie es kurz in ihre Kaffeetasse ein, um es etwas aufzuweichen. "Außerdem habe ich auf Steaks und Braten verzichtet und mehr Fisch und Hackfleischgerichte in meinen Speiseplan eingebaut", gesteht sie.

Kein Appetit mehr

Oftmals beeinträchtigen auch Medikamente den Appetit, da manche die Mundschleimhaut austrocknen und so das Essen behindern. Schließlich verleiden auch motorische Störungen in Armen, Händen und Fingern - etwa auf Grund von Parkinson - das Einkaufen, Zubereiten und Aufnehmen von Nahrung. Zudem essen Menschen mit Hirnleistungsstörungen wie Alzheimer weniger, weil sie krankheitsbedingt unter Müdigkeit und Desinteresse leiden. Dazu kommt der natürliche Alterungsprozess: der Stoffwechsel eines alten Menschen führt eher zur Sättigung, und der Magen leert sich langsamer.

Die Folgen von Fehlernährung sind meist gravierend: Sie reichen von allgemeiner, besonders aber Muskelschwäche und erhöhter Infektanfälligkeit über eine verschlechterte Mundheilung und einer verzögerten Genesung nach einer Krankheit bis hin zur Einschränkung der Lebensqualität und der Lebenserwartung.

Wie groß das Problem ist, zeigen mehrere Studien. Ihnen zufolge sind bis zu 80 Prozent der alten Menschen in Institutionen und rund ein Drittel der Senioren, die noch zu Hause leben, in mindestens einem, häufig aber in mehreren Bereichen fehlernährt. Vitaminmangel, Unter- oder Übergewicht stehen dabei ganz vorne.

FR 2.1.2003