Jungbrunnen Lebensmittelzusatz?

Anti-Aging-Ernährung will das biologische Altern verzögern / Ernährungsexperten sehen Trend mit großer Skepsis

Von Christiane Fritzenkötter und Michael Emmrich


Auf dem Ernährungsmarkt jagt ein Trend den nächsten. Jetzt sollen Vitamine, Enzyme und Vitalstoffe als Pillen und Pulver das Altern stoppen. Die Nahrungsergänzung aus der Dose boomt. Anti Aging heißt die neue Mode. Oder steckt doch mehr hinter den vermeintlichen Wunderwaffen gegen das Altern als der bloße Zeitgeist und die Pfiffigkeit von Medizinern, die in einem klammen Gesundheitssystem neue Einnahmequellen erschlossen haben?

Noch nie sind Menschen im reichen Norden der Welt so alt geworden wie derzeit, und nie zuvor hatte die Senioren-Generation so viel Geld zur Verfügung. Beides bildet einen ungeheuren Markt. Und der wird bedient, neue Bedürfnisse geweckt. Angesagt ist die Entkoppelung des kalendarischen vom biologischen Alter. Denn wenn schon dem Tod kein Schnippchen zu schlagen ist, dann soll es wenigstens die ewige Jugend bis zum letzten Atemzug sein. Anti Aging-Food ist eine wesentliche Säule dieses Jungbrunnenkonzepts, zu dem auch Hormonersatz, körperliche Fitness, Wellness und Beauty, Gehirnjogging und je nach Spielart Sex gehören.

Und dafür stellen Forschung, Medizin, Industrie und Lebensmittelproduzenten ein reichliches Angebot bereit. Zumindest die Verheißungen sind Spitze, die Verlockungen mannigfaltig. Wochenendseminare, Leitfäden, Internetangebote, Bücher, Beratungsangebote und Privatpraxen schießen wie Pilze aus dem Boden, und eine breite und bunte Palette diverser Mittelchen erleichtert der Kunden Gewissen wie Geldbörse gleichermaßen.

So wirbt zum Beispiel die Firma Medical one für ihr Vital-Ernährungsprogramm: "Zum umfassenden Ernährungsplan gehören je nach Patient auch spezielle Vitalstoffpräparate mit Vitaminen, Mineralien, Aminosäuren und Enzymen. Sie steigern in geeigneter Zusammensetzung und Dosierung die Immunabwehr, fördern die Stoffwechselaktivität und schützen den Organismus zudem vor typischen Zivilisationskrankheiten unserer Zeit."
Und das Magazin für Lebensqualität namens Gesundheit macht im Internet Glauben: Wer Alterungsprozessen vorbeugen will, solle sich zwar einerseits gesund ernähren, andererseits aber auch "zu Vitamindrinks bzw. Vitaminpillen mit entsprechender Dosierung greifen".

Ernährungsexperten sehen diese Empfehlungen mit Sorge (Lesen Sie dazu das Interview auf dieser Seite). Immer dort wo Anti-Aging-Ernährung auf eine ausgewogene und gesunde Lebensmittelzusammenstellung abhebt, entzündet sich kein Streit. Dazu gehört auch das mittlerweile stark in Mode gekommene "Dinner-Cancelling". Dahinter verbirgt sich der Verzicht auf das Abendessen, um den Organismus über Nacht nicht unnötig zu belasten.

Die meisten Anbieter belassen es auch bei diesem seriösen Spektrum. Aber gerade im Internet ist dem Markt keine Grenze gesetzt, tummelt sich allerlei - von unsinnig über teuer bis gefährlich. Denn dort wird munter für Ersatzstoffe getrommelt, die den Alterungsprozess mutmaßlich aufhalten. So heißt es unter anderem auf einer Seite: "Da der Körper jedoch mit zunehmendem Alter oxidative Prozesse durch freie Radikale (aggressive Sauerstoffmoleküle, welche die Zellen zerstören) immer weniger abwehren kann, benötigen wir zusätzlich antioxidativ wirkende Vitalstoffe wie zum Beispiel Vitamine und bestimme Mineralien und Aminosäuren, die in der Lage sind, diese zerstörerischen Zellprozesse zu neutralisieren und das Abwehr- und Reparatursystem zu stärken."
Im weiteren Sinne gehören aber auch funktionelle Lebensmittel (functional food) und Nahrungsergänzung zum Anti-Aging-Programm. Nach einem Bericht der Deutschen Gesellschaft für Ernährung (DGE) beträgt alleine der Markt für Nahrungsergänzungsmittel in Deutschland rund eine Milliarde Euro. Und seit Ende der 90er Jahre dringen nicht nur Mineralstoffe und Vitamine in die Regale vor, sondern verstärkt so genannte sekundäre Pflanzenstoffe, die aus Obst und Gemüse isoliert werden. Dazu gehören etwa Rotweinkapseln, Carotin- und Fruchtfaserta-bletten, Apfelessigdragees und Grapefruitextrakt - und auch die altbekannten und beliebten Knoblauchkapseln. Allerdings, stellt die DGE klar, stellen diese Substanzen allesamt "keine Alternative zum täglichen Verzehr von Obst und Gemüse dar". Denn ein Gesundheitsnutzen sei nicht nachweisbar, "somit kann die isolierte Zufuhr von sekundären Pflanzenstoffen als Nahrungsergänzungmittel nicht empfohlen werden".

Mit einem Gesundheitsvorteil werden auch wenig verblümt die Prä- und Probiotika beworben. So hat es zum Beispiel der Joghurt als functional food zu einem Boom gebracht. Die darin enthaltenen Mikroorganismen sollen den Darm ins Gleichgewicht bringen und sich positiv aufs Immunsystem auswirken. Diesen Anspruch will die DGE nicht zurückweisen, betont aber, dass auch normale Joghurts gesundheitsförderlich sind. Gleiches gilt auch für andere Lebensmittel.

Aber Probiotika waren nur der Anfang, denn inzwischen gibt es sogar mit Omega-3-Fettsäuren angereichertes Brot und Eier sowie eine mit Pflanzenstoffen aufgepeppte Margarine. Dies alles entspricht zwar dem Trend zu mehr Bequemlichkeit, nicht aber unbedingt den Erfordernissen einer gesunden, vollwertigen Ernährung.

FR vom 2.1.2003