HYPERAKTIVITäT
"Psychopillen nur im Notfall einsetzen"


wow FRANKFURT A.M., 30. Dezember. Das Bundesgesundheitsministerium hat sich mit Ärzten, Psychologen, Therapeuten und Eltern auf Standards zur Behandlung hyperaktiver Kinder und Jugendlicher verständigt. Damit solle eine qualitätsgesicherte Versorgung von minderjährigen, aber auch von erwachsenen Kranken mit einer Aufmerksamkeitsdefizit- und Hyperaktivitätsstörung (ADHS) sichergestellt werden, erklärte Staatssekretärin Marion Caspers-Merck (SPD).

In ihrer Eigenschaft als Drogenbeauftragte hatte sich Caspers-Merck vor eineinhalb Jahren besorgt über den drastisch gestiegenen Einsatz der Psychopharmaka Ritalin und Medikinet geäußert und einen Missbrauch nicht ausgeschlossen. Ärzte und Eltern hatten dies empört zurückgewiesen. In dem nun veröffentlichten Papier heißt es, die Psychopillen mit dem Wirkstoff Methylphenidat sollten nach einer umfassenden Diagnostik und erst dann eingesetzt werden, wenn psychosoziale und andere therapeutische Behandlungen nach angemessener Zeit keine ausreichende Wirkung zeigten. Im Vorschulalter solle der Einsatz des Medikaments, das unter das Betäubungsmittelgesetz fällt, "erst nach Ausschöpfung aller Maßnahmen" im Einzelfall erwogen werden. Die Behandlung mit den Psychopharmaka müsse in ein umfassendes Therapiekonzept eingebettet sein. "Die alleinige Verabreichung von Stimulanzien ist keine ausreichende Behandlungsmethode", heißt es. Auch müsse der längerfristige Einfluss von Methylphenidat auf die Entwicklung des Kindes stärker erforscht werden.

ADHS sei eine der häufigsten chronischen Krankheiten Minderjähriger. Ihre Versorgung sei nicht flächendeckend gewährleistet. Die Politik solle sich intensiv für den Ausbau von psychosozialen und anderen therapeutischen Behandlungsmöglichkeiten einsetzen.

FR 31.12.2002