IM GESPRÄCH
Zweifel am Bonusrummel

Gesundheitsexperte Etgeton

Zuerst die Techniker Krankenkasse, dann die DAK und die Barmer und nun auch die AOK: Die gesetzlichen Krankenversicherer versprechen sparsamen und gesundheitsbewussten Kunden Bonusmodelle. Der Gesundheitsexperte der Verbraucherschützer, Stefan Etgeton, betrachtet das Werben der Kassen mit Skepsis. In der Praxis werden viele der angekündigten Modelle scheitern, fürchtet er. Mit Etgeton sprach FR-Redakteur Wolfgang Wagner.


Dass Verbraucher auch finanziell davon profitieren, wenn sie etwas für ihre Gesundheit tun, begrüßt der Experte des Bundesverbands der Verbraucherzentralen grundsätzlich. Die entscheidende Frage sei aber, wie solche Bonussysteme praktisch ausgestaltet würden. Die bisher öffentlich präsentierten Vorschläge hält Etgeton für problematisch. Bisher schienen alle Modelle in erster Linie von den Marketingabteilungen der Versicherer erdacht worden zu sein, kritisiert er.

Die Vorstöße werfen nach Ansicht Etgetons eine Reihe von Fragen auf. So sei bei dem Modell der Barmer zu klären, wer die Raucher und Übergewichtigen kontrolliere, die sich angeblich zum gesundheitsbewussten Leben bekehrt hätten. Die Ärzte wollen nicht die Rabattpolizei für die Kassen spielen. Ganz abgesehen davon, ob man überhaupt überprüfen kann, wenn jemand heimlich trinkt oder raucht. Etgeton hält es auch für ungerecht, die Ex-Raucher und hungernden Übergewichtigen gegenüber denjenigen zu bevorzugen, die immer schon gesundheitsbewusst gelebt haben. Und bei Rabatten für Versicherte, die Sport treiben, müssten Risikosportarten definiert und ausgeklammert werden. Schließlich gefährdet mancher Fitnessfreak seine Gesundheit stärker als ein Übergewichtiger, der seine Abende mit Chips vor dem Fernseher verbringt.

Für die Kassen werde es also kompliziert, ihre Versprechungen wahrzumachen, meint Etgeton, der die öffentlichkeitswirksam verbreiteten Modelle für unausgegoren hält. Er bezweifelt zudem, dass Menschen wegen finanzieller Anreize ihre Gewohnheiten nachhaltig ändern werden: Wegen ein paar Euro fünfzig werde kein Raucher das Qualmen aufgeben.

Eines aber haben die Kassen erreicht: Techniker, Barmer und DAK sind in aller Munde. Und das Werben um die öffentliche Aufmerksamkeit und Kunden werde wohl weitergehen, vermutet Etgeton. Denn: Barmer und DAK erhöhen derzeit ihre Beitragssätze, und dies werde den meisten Versicherten erst bei den nächsten Lohnabrechnungen richtig bewusst werden. Gerade diese Kassen mit vielen freiwillig Versicherten hätten große Probleme, ihre Klientel zu halten.

Zwei Möglichkeiten, gesundheitsbewusstes Verhalten mit finanziellen Anreizen zu verbinden, hält Etgeton hingegen für relativ leicht umsetzbar: So könnten die Kassen Versicherten, die von einem gewissen Alter an regelmäßig zu Vorsorgeuntersuchungen gingen, Rabatte gewähren. Das komme den Patienten zugute, werde aber nicht den Spareffekt haben, den die Kassen anstrebten. Zum anderen unterstützt der Verbraucherschützer den Vorschlag von Ärztepräsident Jörg-Dietrich Hoppe nach einer zweckgebundenen Tabaksteuer, mit der direkt Präventionsprogramme finanziert werden könnten. Doch das werde die Industrie wohl zu verhindern wissen.

FR 31.12.2002