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Aspekte zum Eierkauf aus Boden- und Freilandhaltung


Keine Hühnereier von der Stange

Das Käfig-Ei hat bei deutschen Verbrauchern erstmals keine Mehrheit mehr, sie bevorzugen Boden- oder Freilandhaltung

Ohne Renate Künast hätte Axel Strauß keine müde Mark investiert, sagt der Legehennenhalter aus dem südhessischen Reinheim-Georgenhausen Wenigstens vorerst nicht, sondern frühestens 2010, weil dann zwei Jahre später EU-weit der alte, enge Käfig abgeschafft wird. Wozu dann jetzt Geld in neue Ställe stecken?

Seine Kunden seien zufrieden, sagt Strauß, und seine Hennen seien es doch auch. Die Hühner in den Käfigen, erst recht aber die in der Kleingruppenhaltung. „Die Politik". also unter anderem Landwirtschaftsministerin Künast, sagt Strauß, habe ihn letztlich aber dazu bewegt, rund eine Million Euro in ein neues Haltungssystem zu stecken. Weil in Deutschland, anders als im übrigen EU-Europa, der Käfig Ende 2006 werden soll. Bodenhaltung mit genug Streu zum Herumscharren, so sieht das Konzept auf dem Hof von Axel Strauß aus. Bald werden diese Eier nicht mehr die verräterische 3 (für Käfig) tragen, sondern die 2 (für Bodenhaltung).

Längst hätten die Bagger anrollen können, doch erst machte ihm die untere Naturschutzbehörde einen Strich durch die Rechnung, dann der alte Bürgermeister, der die Aussiedlung aufs Feld nicht guthieß. Monate verstrichen ungenutzt, jetzt aber, wo die Politik das Rad womöglich zurückdreht, wo nicht nur der Bundesrat, die CDU und sogar die EU den Käfig vielleicht doch nicht mehr abschaffen wollen, da sieht Strauß mit einem Male Land in Sicht, die Behördenscheinen mitzuziehen. Zur Umkehr ist es für ihn eh zu spät, die Planung zu weit vorangeschritten, es wird gebaut. 15 000 Hennen werden es ihm danken. Der Käfig hat ausgedient. Die Statistik belegt es, die Verbraucherumfragen legen es nahe, der Handel bewegt sich, und RotGrün haben es veranlasst: Noch eineinhalb Jahre herrscht auf Drahtgeflecht bei minimaler Bewegungschance das, was Tierschützer schlicht Tierquälerei nennen. Übergangsweise bis 2011 wird noch die Kleinvoliere geduldet, die einem Käfig ähnelt, aber unter anderem eine Art Chambre Separee zur Ei-Ablage beherbergt. Dann aber soll Schluss sein mit dem „Hühnerknast«.

Wäre da nicht Gerda Hasselfeldt, die CDU/CSU-Fraktionsvize im Bundestag, die Konservative hat für den Fall des schwarzen Wahlsiegs vorsorglich nicht nur das Ende der Zuschüsse für Öko-Höfe angekündigt und damit einen Schlussstrich unter eine nachhaltige, umwelt- und naturschonende Landwirtschaft gezogen. Sie hat zugleich versprochen, das Gentechnikgesetz zu lockern, um den Labor-Saaten einen Schub zu verpassen. Natürlich will die CSU-Politikerin auch die Frage der Legehennenbatterien neu diskutieren. Damit deutsche Legehennenbetriebe, so ihre These, weiter in Deutschland arbeiten könnten.

Klares Votum der Konsumenten

Dabei Übersieht Hasselfeldt die Faktenlage: Nicht nur Bauern wie Strauß würden auf eine Millioneninvestition verzichten, sondern längst haben auch der Markt und die Verbraucher ein klares Votum zugunsten einer tierfreundlicheren Produktion abgegeben. Denn erstmals, verkündete dass Statistische Bundesamt in Wiesbaden im März, liegt der Anteil der Käfighaltung jetzt unter 80 Prozent. Nur noch 29,9 Millionen der 38,6 Millionen Hennenhaltungsplätze, das sind 77,5 Prozent, befinden sich im Käfig. Vor wenigen Jahren waren es noch fast 100 Prozent. Bei leicht sinkender Produktion und verringertem Eierverbrauch hat die Zahl der Hennenplätze in Bodenhaltung von 1,9 Millionen anno 1995 auf 4,5 Millionen im vorigen Jahr zugenommen. Noch drastischer sieht es bei der Freilandhaltung aus, wie sie im Biolandbau zwingend vorgeschrieben ist: 1995 gab es bescheidene 675000 Platze, inzwischen sind es stattliche 4,2 Millionen.

Dass der Käfig tatsächlich dem Zeitgeist widerspricht, spiegelt sich erheblich im Verbraucherverhalten und im Verhalten der Handelsketten wider: Denn bei der Abstimmung an der Ladentheke hat das Käfig-Ei seit Ende 2004 erstmals keine Mehrheit mehr. Nur noch 46 Prozent der Kunden griffen laut Statistik der Zentralen Markt- und Preisberichtsstelle ZMP in Bonn zum Ei aus Batteriehaltung, elf Monate zuvor waren es noch 56 Prozent. Im Dezember aber kamen ein Viertel der Eier aus Boden-, ein weiteres Viertel aus Freilandhaltung, und vier Prozent der Eier stammten vom Öko-Hof. Der Bund gegen Missbrauch der Tiere jubelte zum jüngsten Osterfest »Die Verbraucher stimmen mit dem Einkaufszettel ab und machen vor, was die Eierwirtschaft nicht einsehen will".

Doch ZMP-Geflügelexperte Werner Böttcher bremst die Euphorie: Dieser Trend hängt eng mit der Entscheidung von Aldi-Nord zusammen, dem Käfig-Ei einen Korb zu geben. Ein Umschwung, dem sich Lidl Böttcher zufolge im Norden prompt anschloss. „Das setzte eine Verschiebung in Gang" die sonst so rasch nicht gekommen wäre, erklärt der Marktbeobachter. Ungeachtet dieser Entscheidungen der Giganten am Markt rechnet Böttcher aber damit, dass die Verbraucher Jahr für Jahr in Schritten von moderaten ein bis zwei Prozent vom Käfig zum Freiland- oder Bodenhaltungs-Ei überwechseln. »Wenigstens die, die das können", denn mancher Kunde sei schlicht aufs Billig-Ei angewiesen.

Dass die Gesamt-Statistik wiederum das Käfig Ei mit 77,5 Prozent immer noch weit vorne sieht, hat einen einfachen Grund: Etwa die Hälfte der in Deutschland erzeugten und verbrauchten Eier landen nicht auf dem Frühstückstisch oder im Geburtstagskuchen, sondern werden in der Lebensmittelindustrie verarbeitet oder von den Gastronomie geordert. Diese Branchen, sagt Böttcher, griffen zu 90 Prozent zum billigen Käfig-Ei. Eine Erfahrung, die auch Landwirt Strauß macht „Die wollen das günstigste Ei", sie wollen den prompten Lieferservice eines örtlichen Eier-Produzenten, weiß er von seinen Kunden. Und Scheu, seine Haltungsbedingungen zu erläutern und die aus seiner Sicht erheblich hygienischere Produktion zu verteidigen, hat er ohnehin nicht: „Bei uns kann jeder reinschauen"

DAS El-EINMALEINS

Beim Ei-Stempel kennzeichnet die erste Zahl die Haltungsherkunft: O steht für Biohaltung: Die Hennen bekommen Öko-Futter, im eingestreuten Stall leben höchstens sechs Hennen je Quadratmeter, im Freien hat jedes Tier vier Quadratmeter Platz zum Laufen. 1 steht für Freilandhaltung Je Henne gibt es vier Quadratmeter Auslauf. 2 steht für Bodenhaltung: Höchstens neun Hennen je Quadratmeter, also 1 100 Quadratzentimeter pro Tier. 3 steht für Käfighaltung: 550 Quadratzentimeter pro Henne.

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DEUTSCHE EIER

Aus hiesiger Erzeugung stammen längst nicht alle Eier, die in Deutschland verbraucht werden. Der Selbstversorgungsgrad liegt bei 71 Prozent, im Jahr 2000 betrug er 75 Prozent. ZMP-Geflügelexperte Werner Böttcher bezeichnet dies als „Rückzug auf Raten. Die Versorgungslücke schließen Käfigeier-Produzenten aus der Niederlanden. Manches Industrie-Ei stammt auch aus Spanien, Litauen oder Polen. Das ist keine Einbahnstraße: Deutsche Eier-Erzeuger schicken ihrerseits Ware nach Osteuropa.

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aus: FR vom 22. Juni 2005, S. 28


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