BM Online  Reiner Schwarzbach:

Schwerbehinderte Frauen - Randgruppe der Rehabilitation?


Ende 1988 verabredete meine Mitarbeiterin Karin Muhr mit Professor Timm, auf der REHA '89 eine Arbeitsgruppe zur Situation behinderter Frauen. In der Vorbereitung für diese Veranstaltung mußten wir schnell feststellen, daß sich zu diesem Thema nur vereinzelt Literatur finden ließ.

Auch bis zur Reha im Herbst '89 gelang es nicht, die wichtigsten Daten zusammenzutragen. Die Arbeitsgruppe verdient um so mehr Anerkennung, als es ihr gelang, betroffenen Frauen und betreuenden Fachfrauen mit einer Resolution eine Stimme zu verleihen.

Diese Resolution zeitigte in der Zwischenzeit an verschiedenen Stellen konkrete Wirkung. Die Baden-Würtembergische Sozialministerin fördert inzwischen ein 2-Frauen Projekt, mit dem Ziel, in Karlsruhe modellhaft die Situation behinderter Frauen zu beschreiben.

Die Bundesarbeitsgemeinschaft für Rehabilitation hat Ende 1990 eine Arbeitstagung "Berufliche Rehabilitation von Frauen" durchgeführt. Die Herausgabe des Tagungsberichts wird derzeit vorbereitet.

Der hier vorliegende Aufsatz erhebt ausdrücklich nicht den Anspruch auf Vollständigkeit, sondern ist vielmehr als Arbeitspapier gedacht. Ein Vortrag Mitte Dezember 1990 beim Deutschen Verband berufstätiger Frauen in Frankfurt war der Anlaß, die mittlerweile

Behindert? Schwerbehindert?

Jeder 12. Einwohner ist schwerbehindert - stellt das statistische Bundesamt in einer alle 2 Jahre durchgeführten Statistik fest ). Dabei gilt als schwerbehindert, wer einen entsprechenden Antrag beim Versorgungsamt gestellt hat. Die Statistik sagt also

Über die Hälfte der Schwerbehinderten waren Männer: 53,9% oder absolut 2,76 Mill. Beachtlich ist, daß es in der Altersgruppe der über 65-jährigen mehr Frauen als Männer gibt. Damit gleicht sich etwas aus, daß unter den Frauen im erwerbsfähigen Alter der A

Bei den Frauen ist der Anteil der Behinderten mit einem Grad der Behinderung von 100 mit 23,7 % etwas höher als bei den Männern (21,2 %). Dabei ist zu beachten, daß solcherart schwere Behinderungen mit dem Alter zunehmend eintreten. Der Unterschied zwis

Rehabilitandin?

Um aus den vorliegenden Zahlen Aufschluß über die Situation behinderter Frauen zu erhalten ist es notwendig, neben der Statistik über Schwerbehinderte Zahlen über Arbeits- und Berufsförderung Behinderter, Rehabilitation, zu analysieren.

Ähnlich wie die Anerkennung als "behindert" bedarf "Rehabilitation" der Stellung eines Antrages. Zahlen über Rehabilitationsverfahren beziehen sich also auf diejenigen Behinderten, die einen Antrag auf Leistungen der beruflichen Rehabilitation gestellt h

1987 begannen 124.065 Männer, jedoch nur 63.800 Frauen (34 %) eine Rehabilitationsmaßnahme. Frauen stellten seltener Anträge auf Rehaleistungen, ihren Anträgen wurde seltener stattgegeben.

Inzwischen hat sich der Anteil der Frauen leicht aber kontinuierlich erhöht (1989: 35 %) ). Es liegt nahe, einen Zusammenhang zur insgesamt größeren Erwerbsneigung der Frauen zu sehen.

"Männer waren unter den beruflich einzugliedernden Rehabilitanden mit 68% nicht nur deutlich häufiger vertreten als Frauen (32 %), sondern auch als im Bereich beruflicher Ersteingliederung (59 %). Dies hängt zunächst mit der größeren Erwerbsbeteiligung de

Wer ist zuständig?

Rehaträger sind neben der Bundesanstalt für Arbeit beispielsweise bei entsprechenden Versicherungszeiten die Rentenversicherungsträger oder die Berufsgenossenschaften. Der Rehaantrag kann bei einem Sozialversicherungsträger - auch ungeachtet der tatsäc

Arbeitsämter

Bei den Arbeitsämtern findet die Beratung für die berufliche Rehabilitation durch eigene Organisationseinheiten und durch besonders geschultes Personal statt. Das gilt sowohl für behinderte Jugendliche (Berufsberatung, Vermittlung von betrieblichen und ü

Träger der beruflichen Rehabilitation

Bei allen Trägern der beruflichen Rehabilitation wird eine Rehaberatung angeboten. Bei unserer Suche haben wir keine Anhaltspunkte gefunden, die die Frage beantworten helfen würde, wie selektiv diese Beratungsangebote in Anspruch genommen werden. Fast

Anteil schwerbehinderter Frauen unter den schwerbehinderten Arbeitslosen

Ende 1989 waren ca. 124.000 schwerbehinderte Männer und Frauen in der Bundesrepublik Deutschland (ohne Beitrittsgebiete) arbeitslos gemeldet. Unter diesen 124.000 Personen befanden sich nur 42.000 Frauen. ) Dieses Mißverhältnis läßt sich zum Teil durch

Rehabilitation behinderter Frauen

"Als nächstes mag der mit insgesamt 34 % relativ niedrige Anteil der Mädchen unter den jugendlichen Rehabilitanden auffallen, denn es gibt nur wenige Gründe, für eine so deutlich geschlechtsspezifische Verteilung der Behinderungen. die Antwort muß in Bedi

Betriebliche Ausbildung

1980 waren nur 32 % der betrieblichen Ausbildungsplätze für Behinderte mit Frauen besetzt. Diese Quote liegt noch unter der des Anteils nichtbehinderter Frauen verglichen mit männlichen Azubi. )

Überbetriebliche Ausbildung

Reduzierte Zugangsmöglichkeit

Nur ca. 28 % der ca. 9000 Ausbildungsplätze in überbetrieblichen Rehaeinrichtungen waren 1987 mit weiblichen Behinderten besetzt. 1989 war der Frauenanteil auf 31 % gestiegen (Eintritte in Maßnahmen )). Bei den beruflichen Weiterbildungsmaßnahmen Nichtb

Ein weiteres Indiz für erschwerten Zugang bietet die Analyse der Bildungsvoraussetzungen: behinderte junge Frauen in Rehamaßmahmen besitzen bessere schulische Bildungsvoraussetzungen. Der Anteil lernbehinderter Frauen ist wesentlich geringer als unter mä

Auch beim sozialen Hintergrund der Rehabilitandinnen fällt auf, daß er "gesünder" zu sein scheint als der der Männer, die sich einer Rehamaßnahme unterziehen: weniger Eltern sind arbeitslos, weniger Elternfamilien sind inkomplett, die berufliche Stellung

Reduzierte Wahlmöglichkeit unter den Ausbildungsgängen

Fast jede zweite Behinderte wird in einem Beruf ausgebildet, der an typisch hausfrauliche Tätigkeiten erinnert: Raumausstatterin, Wäscheschneiderin, Gärtnerin, Wäscherin, Plätterin und ähnliche Berufe. )

Berufe, mit einem Frauenanteil über 80%:

Rehabilitationsziel Frauenanteil
_______________________________________________________

Florist 90 %
Schneider 92 %
Oberbekleidungsnäher 94 %
Polsterer und Dekorationsnäher 87 %
Verkäufer 80 %
darunter im Lebens

Teilnahme an Fortbildungs- und Umschulungsmaßnahmen

Eine Stichprobe unter Absolventen von Rehamaßnahmen ergab einen extrem geringen Anteil von Frauen, die älter als 35 Jahre sind. Die Frauen, die an einer Rehamaßnahme teilnehmen sind häufiger geschieden oder nicht verheiratet als behinderte Männer.

Hier drängt sich die Vermutung auf, daß berufstätige Familienfrauen an Rehamaßnahmen nicht teilnehmen können und daß viele deshalb resignieren und sich in die Familie zurückziehen.

Weiter scheint bei den wenigsten männlichen Partnern Bereitschaft zu bestehen, eine mehrmonatige Abwesenheit der Frau zu tolerieren. Da eine überbetriebliche Rehamaßnahme in aller Regel mit einer internatsmäßigen Unterbringung verbunden ist, sehen sich F

Zusammenfassung

Die Zahlen zur Arbeits- und Berufsförderung Behinderter aus den Jahren 1988 und 1989 lassen hoffen, daß behinderte Frauen verstärkt berufliche Rehabilitation als Möglichkeit erkennen und nutzen. Ihr Anteil unter den Rehabilitanden hat sich leicht, aber st

Anhang

Literatur

Amtliche Nachrichten der Bundesanstalt für Arbeit Nr. 4/1990, Seite 471, Arbeitslose im Bundesgebiet nach gesundheitlichen Einschränkungen.

Arbeitsgruppe "Situation und Chancen behinderter Frauen auf dem Arbeitsmarkt", Reha 1989, Resolution.

Bundesanstalt für Arbeit (Hg): "Berufliche Rehabilitation - Arbeits- und Berufsförderung Behinderter im Jahre 1987", Nürnberg 1988.

Bundesanstalt für Arbeit (Hg): "Berufliche Rehabilitation - Arbeits- und Berufsförderung Behinderter in den Jahren 1988 und 1989, Nürnberg 1990.

Bundesinstitut für Berufsbildung (Hg.): "Berufliche Rehabilitation", Berlin 1983.

DER SPIEGEL 42/1989 Seite 95 folgende: "Karges Taschengeld - Immer mehr Behinderte werden arbeitslos, weil sich viele Arbeitgeber vor der gesetzlichen Pflicht zur Einstellung drücken."

Institut für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung der Bundesanstalt für Arbeit: "Berufliche Ausbildung jugendlicher Rehabilitanden (IAB-Projekt)", Nürnberg 1989.

Statistisches Bundesamt Wiesbaden (Hg): Schwerbehinderte 1987, Stuttgart, Mainz, 1988.

Wöhrl, Hans-Georg: Eingliederungschancen von Behinderten und gesundheitlich beeinträchtigten, MittAB 2/88 Seiten 291 folgende.

Anschrift des Verfassers

Reiner Schwarzbach, Diplom-Sozialwissenschaftler, ist Mitarbeiter der Zentralstelle für Arbeitsvermittlung und dort für die Beratung und Vermittlung schwerbehinderter Fachhochschul- und Hochschulabsolventen sowie behinderter Führungskräfte im Rahmen der

Anschrift:

Reiner Schwarzbach
Zentralstelle für Arbeitsvermittlung Feuerbachstr. 42-46
6000 Frankfurt/Main

privat:
Berghofweg 6
3550 Marburg

 Arbeitsgruppe "Situation und Chancen behinderter Frauen auf dem Arbeitsmarkt", Reha 1989, Resolution.

 Statistisches Bundesamt Wiesbaden (Hg): "Schwerbehinderte 1987", Stuttgart, Mainz, 1988. Seite 5

 Statist. Bundesamt 1987, op. cit. S. 6

. Bundesanstalt für Arbeit (Hg): "Berufliche Rehabilitation - Arbeits- und Berufsförderung Behinderter in den Jahren 1988 und 1989, Nürnberg 1990, Seite 11.

. Bundesanstalt für Arbeit (Hg): "Berufliche Rehabilitation - Arbeits- und Berufsförderung Behinderter in den Jahren 1988 und 1989, Nürnberg 1990, Seite 13.

. Amtliche Nachrichten der Bundesanstalt für Arbeit Nr. 4/1990, Seite 471, Arbeitslose im Bundesgebiet nach gesundheitlichen Einschränkungen.

5. Institut für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung der Bundesanstalt für Arbeit: "Berufliche Ausbildung jugendlicher Rehabilitanden (IAB-Projekt)", Nürnberg 1989, Seiten 10, 11.

 Kloas, Peter-Werner und Susanne Wiederhold-Fritz in: Bundesinstitut für Berufsbildung (Hg.): "Berufliche Rehabilitation", Berlin 1983, S. 7.

. Bundesanstalt für Arbeit (Hg): "Berufliche Rehabilitation - Arbeits- und Berufsförderung Behinderter in den Jahren 1988 und 1989, Nürnberg 1990, Seite 18.

 Hülsmann, Saskia: "Soziodemografische Analyse zu behinderten Auszubildenden". In: "Bundesinstitut für Berufsbildung" (Hg.): Berufliche Rehabilitation, Berlin 1983, S.27. Dieser Aufsatz bietet eine Fülle von vergleichendem Material zur Chancenungleichhei

. Institut für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung der Bundesanstalt für Arbeit: "Berufliche Ausbildung jugendlicher Rehabilitanden (IAB-Projekt)", Nürnberg 1989, Seiten 11 und 12.

 Melms, Brigitte und Podeszfa, Helena: "Berufliche Rehabilitation Erwachsener in außerbetrieblichen Einrichtungen" in: Bundesinstitut für Berufsbildung (Hg.): "Berufliche Rehabilitation", Berlin 1983, S. 59.

 Kloas, Peter-Werner und Susanne Wiederhold-Fritz in: Bundesinstitut für Berufsbildung (Hg.): "Berufliche Rehabilitation", Berlin 1983, S. 22.

. Institut für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung der Bundesanstalt für Arbeit: "Berufliche Ausbildung jugendlicher Rehabilitanden (IAB-Projekt)", Nürnberg 1989, Seite 16).