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Behinderte Frauen und Gesundheitsversorgung


Gesundheitsversorgung - endlich alle!!

Eigentlich erstaunlich - den Menschen, die zum Teil am stärksten auf die Angebote der Gesundheitsversorgung angewiesen sind, wird es am schwersten gemacht, sie auch in Anspruch zu nehmen.

Die Zugänge zu Praxen von Ärztinnen und Therapeutinnen liegen schon mal im zweiten Stock ohne Aufzug oder es sind vor dem Aufzug noch drei bis vier Stufen zu überwinden. Die Türen sind für Rollstühle zu schmal, die Behandlungszimmer oder Umkleidekabinen sowie Toiletten zu eng. Liegen, Untersuchungsstühle und Untersuchungs- bzw. Behandlungsgeräte (z.B. Röntgenapparate) sind nicht höhenverstellbar.

Gegensprechanlagen, Wartezimmeraufrufe können von gehörlosen oder hörbehinderten Menschen nicht genutzt werden, schriftliche Informationen nicht von blinden Menschen oder Menschen mit Lernschwierigkeiten. Aber auch von Geburt an gehörlose Menschen haben mit den üblichen schriftlichen Informationen Schwierigkeiten, da sich nicht nur die verwendeten Worte sondern auch der Satzbau der deutschen Gebärdensprache von der deutschen Schriftsprache zum Teil deutlich unterschieden. Für sie beginnt das Problem jedoch schon bei der Terminvereinbarung, da diese üblicherweise per Telefon geschieht.

Selbst in Kliniken sind nicht alle Stationen barrierefrei. So finden sich rollstuhlgerechte Toiletten zwar meist auf den chirurgischen und orthopädischen Stationen, sie fehlen aber häufig auf anderen Stationen. Dies verhilft den Patientinnen im Rollstuhl zu ausgedehnten Klinikerkundungen.

Man/frau könnte fast zu der Einschätzung gelangen, dass die Angebote der Gesundheitsversorgung nur etwas für fitte Gesunde sind, die überdies nicht mit einem Kinderwagen „belastet" sind.

Die Folgen sind für Menschen mit chronischen Erkrankungen und/oder Behinderungen zum Teil gravierend. Obwohl sie unter Umständen häufiger Ärztlnnen oder Therapeutlnnen aufsuchen müssten, können sie diese in der Regel nicht nach Kompetenz und Vertrauen auswählen. Sie müssen schlicht dort hin gehen/rollen, wo sie mit ihrer Behinderung zu Rande kommen. Im ländlichen Bereich kann dies auch schon einmal die Praxis in der nächsten Großstadt - zig Kilometer entfernt - sein. Bei oftmals fehlenden barrierefreien Bussen und Bahnen keine kleine Aufgabe. So waren viele Rollstuhlnutzerinnen noch nie bei einer gynäkologischen Vorsorgeuntersuchung - für nichtbehinderte Frauen ist diese Vorsorge in der Regel eine Selbstverständlichkeit. Auch andere notwendige Besuche bei ÄrztInnen sowie Therapeutlnnen werden unterlassen lassen, weil der Aufwand zu groß ist, die Überwindung der vielfältigen Hürden zu viel Geld, Energie und Zeit kostet.

Bei kommunikativen Barrieren kann es schon geschehen, dass z.B. gehörlose Menschen in einer Klinik eingeliefert und dort auch behandelt werden, ohne überhaupt zu wissen, was sie denn nun genau haben. Und auch an blinden Menschen oder Menschen mit einer Lernbehinderung / so genannten geistigen Behinderung wird schon einmal wortlos herumhantiert, ohne dass die Personen erklärt bekommen, was überhaupt gemacht wird und warum.

und was als Nächstes folgt ...

Zumindest in der Bundespolitik ist das Problem angekommen. Am 16. Dezember fand in Berlin ein Fachgespräch mit dem Titel „Barrierefreie Gesundheitsversorgung" statt. Eingeladen hatten die PatientInnenbeauftrage und der Behindertenbeauftrage der Bundesregierung, Frau Helga Kühn-Mengel und Herr Karl-Hermann Haack. Auf dieser Fachtagung wurde u. a. noch einmal auf den Paragraf 17 Erstes Sozialgesetzbuch (SGB 1) hingewiesen. Dieser verpflichtet seit nunmehr dreieinhalb Jahren die gesetzlichen Krankenkassen, darauf hinzuwirken, dass ihre Leistungen in barrierefreien Räumen erbracht werden. Dieser Paragraf bestimmt ebenfalls, dass hörbehinderte Menschen das Recht haben, Gebärdensprachdolmetscherlnnen und andere Kommunikationshilfen zu verwenden - wobei die Kosten dafür von den Krankenkassen getragen werden müssen.

Ein Blick in die Praxis zeigt, dass diese Vorgaben nur sehr mangelhaft umgesetzt werden. Die wenigsten Praxen sind in allen notwendigen Bereichen mit dem Rollstuhl zugänglich oder verfügen über entsprechende Geräte, gehörlose Menschen werden aufgefordert, sich selbst um Gebärdensprachdolmetscherinnen zu kümmern. Auch von den eingeladenen Vertreterinnen der Behinderten- und Selbsthilfe kamen vielfältige Berichte, welche die desolate Situation verdeutlichten.

Horst Frehe, Richter und Mitglied des „Forum behinderter Juristinnen und Juristen" kommt in seinem Vortrag zu dem Ergebnis, dass die Barrierefreiheit in der Gesundheitsversorgung nach § 17 8GB 1 nicht eine Frage des Beliebens ist. Vielmehr ist sie Teil einer Qualitätsanforderung - für deren Einhaltung die Sozialleistungsträger (wie z. B. die Krankenkassen) eine gesetzliche Verantwortung haben.

Barbara Stötzer-Manderscheidt von der Interessenvertretung Selbstbestimmt Leben (ISL) benennt als Resultat aus den vielfältigen derzeitigen Barrieren für Rollstuhlnutzerinnen Fehl- Unter- und Überversorgung. Sie gibt auch einen Überblick über Lösungsansätze sowie Minimalanforderungen.

In der Pressemitteilung vom 22.12.04 forderten Frau Kühn-Mengel und Herr Haack die Verantwortlichen auf, „das Machbare so schnell wie möglich umzusetzen." So werden als erste Schritte eine Übersicht über mit dem Rollstuhl zugängliche Praxen sowie ein Verzeichnis von unbürokratisch zu bestellenden Gebärdensprachdolmetscherinnen genannt. Noch wichtiger erscheint uns jedoch die Aufforderung „konkrete Ziele und Zeitrahmen (zu) vereinbaren, um sicherzustellen, dass medizinische Leistungen in naher Zukunft entsprechend den gesetzlichen Vorschriften barrierefrei erbracht werden." Soweit zu dem Fachgespräch.

Und damit am Ende nicht in jedem Bundesland, jeder Kommune, jeder Praxis unterschiedliche Vorstellungen von Barrierefreiheit umgesetzt werden, bedarf es bundesweit einheitlicher Kriterien bzw. Mindeststandards. Diese müssen jedoch erst noch erarbeitet werden. (Eine Sammlung erster Vorschläge, die noch genauer ausgearbeitet werden müssen, gibt es auf unserer Homepage oder in unserem Büro) Mit einer Beseitigung der baulichen, gerätetechnischen oder kommunikativen Barrieren in den Praxen von Artzinnen und TherapeutInnen sowie Kliniken wäre viel gewonnen. Doch auch in der Forschung, Lehre bzw. Ausbildung müssen Menschen mit Behinderungen und/oder chronischen Erkrankungen endlich ganz grundlegend berücksichtigt werden. So gibt es zwar inzwischen für viele Krankheiten und Behinderungen ausgesprochene Spezialistinnen. Doch wie sich z.B. eine Bronchitis oder etwas so natürliches wie Schwangerschaft und Geburt bei unterschiedlichen Behinderungsarten auswirken, wie die sonst üblichen Medikamente in diesen Fällen wirken, weiche Wechselwirkungen es mit den Medikamenten gibt, die bereits aufgrund der chronischen Erkrankung oder Behinderung eingenommen werden, ist zumeist unbekannt. So kann es geschehen, dass eine schwangere Frau mit einer Querschnittlähmung in sämtlichen Kliniken der Umgebung für die Geburt ihres Kindes abgelehnt wird - weil sich alle für nicht kompetent erklären. Das Kind will aber trotzdem geboren sein.

In dem maßgeblichen Gesetz für die gesetzliche Krankenversicherung (Sozialgesetzbuch Fünftes Buch - SGB V) steht in Paragraf 2a „Den besonderen Belangen behinderter und chronisch kranker Menschen ist Rechnung zu tragen. ‚Besondere Belange' lässt Mann/Frau unter Umständen ‚exotische' Spezialfälle vermuten. Diese gibt es auch. Doch es wäre schon viel gewonnen, wenn Menschen mit Behinderung das Gesundheitssystem so nutzen könnten, wie es für die meisten nicht-behinderten Menschen selbstverständlich ist.

Brigitte Faber

Quellen/Literatur:

Pressemitteilung Helga Kühn-Mengel, Karl-Hermann Haack Medizinische Versorgung muss barrierefrei werden", Berlin, 22.12.04, www.behindertenbeaufragter.de

Frehe, Horst (2004): Barrierefreie Gesundheitsversorgung - Rechtliche Situation, Gestaltungs- und Sanktionsmöglichkeiten (soll demnächst in einer Dokumentation des Bundesministeriums für Gesundheit und Soziale Sicherung veröffentlicht werden)

Stötzer-Manderscheidt, Barbara (2004): Fachgespräch,, Barrierefreie Gesundheitsversorgung" am 16.12.2004 in Berlin, Situation rollstuhlnutzender Menschen, www.isl ev.org (soll demnächst in einer Dokumentation des Bundesministeriums für Gesundheit und Soziale Sicherung veröffentlicht werden)

Aus: Weiberzeit Nr. 6, Januar 2005, Seite 4


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