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Überblick: behinderte Frauen


Zwischen Illusion und Angst: Mammographie-Screenings zur Früherkennung von Brustkrebs

Es sind Schlagzeilen wie diese, die Frauen aufhorchen lassen: "Etwa 25 % aller Brustkrebs Todesfälle können durch ein Mammographie-Screening verhindert werden". So heißt es nicht selten in der Werbung für die Reihenuntersuchung. Bei jährlich etwa 45.000 Neuerkrankungen und ca. 18.000 Todesfällen in Deutschland ist der dringende Handlungsbedarf erkennbar. Und so scheint es auch nur richtig, wenn politisch Verantwortliche entsprechend handeln und bundesweit den flächendeckenden Aufbau eines Mammographie-Screening-Programmes verkünden. So geschehen durch Bundesgesundheitsministerin Ulla Schmidt und Bundesumweltminister Jürgen Trittin Ende Januar 2004.

Jetzt sind die einzelnen Bundesländer aufgerufen, die Reihenuntersuchungen zu organisieren. Wenn Sie also zwischen 50 und 69 Jahre alt sind, wird Ihnen Ihre Frauenärztin/ Ihr Frauenarzt demnächst die Mammographie in regelmäßigen Abständen als zusätzliche kostenlose Vorsorgeuntersuchung zur Erkennung einer Brustkrebserkrankung anbieten. Oder Sie werden angeschrieben, mit der Aufforderung an einer Untersuchung teilzunehmen - ob mit oder ohne Auffälligkeiten. Bislang wurde die Mammographie erst nach auffälligen Befunden durchgeführt.

Doch was bedeutet es eigentlich, wenn gesagt wird, dass die Todesrate brustkrebskranker Frauen um 25 % gesenkt wird? Kann frau sich sicher sein, dass sie keinen Brustkrebs hat, wenn sie regelmäßig zur Mammographie geht?

Die Bedeutung der Zahlen

Bei der Aussage, dass die Sterberate mit Hilfe des Mammographie-Screenings um 25% gesenkt werden kann, handelt es sich um eine relative Prozentzahl, die selbst Ärzte und Ärztinnen häufig falsch bewerten. ( 1 )

Verschiedene internationale Studien zeigen, dass von 1.000 Frauen, die regelmäßig eine Mammographie durchführen, 3 Frauen an Brustkrebs sterben. Von 1.000 Frauen, die sich nicht regelmäßig röntgen lassen, sterben innerhalb von 10 Jahren 4 Frauen. So kommt die relative Prozentzahlen von 25 % zustande. In absoluten Zahlen gesprochen, heißt dies krass: "Von 1000 Frauen mit Mammographie-Screening über einen Zeitraum von 10 Jahren hat nur eine Frau einen Nutzen: Sie stirbt nicht an Brustkrebs". ( 2 )

Zur Vorsorge Brustabtasten

Deutschland ist vergleichsweise spät dran mit dem Screening-Programm. In Finnland, Schweden, England, den Niederlanden und Kanada laufen solche Programme seit Ende der 70er Jahre. Dr. Friederike Perl vom Deutschen Ärztinnenbund sieht den versprochenen Erfolg jedoch nicht. Sie erklärte schon im Jahr 2000, dass die "bereits existierenden Screenings (...) leider nicht dazu geführt (haben), dass die Sterblichkeitsrate an Brustkrebs gesunken wäre". ( 3 ) Entsprechend skeptisch sieht der Verband den Nutzen und die Risiken der Methode. Vielmehr müssten die Tastuntersuchungen aufgewertet werden. Kurse zur Selbstuntersuchung der Brust bieten Frauengesundheitszentren seit den 70er Jahren an. Solche Zentren gibt es in vielen Städten, z.B. Bremen, Frankfurt, Berlin etc. ( 4 ) Sie kämpfen jedoch jährlich aufs Neue um ihre Existenz, denn die 8,5 Mio. Euro, die die Bundesregierung in dieser Legislatur für die Früherkennung und Therapie von Brustkrebs bereitgestellt hat, werden in erster Linie für die Forschung ausgegeben.

Jede Frau muss für sich selber entscheiden!

Bei aller öffentlicher Diskussion pro oder contra Mammographie-Screening ist es wichtig, die einzelne Frau im Blick zu haben. Es gibt nicht den allgemeingültigen Ratschlag für alle Frauen, sich regelmäßig röntgen zu lassen oder eben nicht. Jede Frau sollte für sich die Chancen und Risiken gegeneinander abwägen und sich dann entscheiden. Wenn Sie davon überzeugt ist, dass sie die Untersuchung nicht will, sollte sie den Mut aufbringen, sich gegen ihren Arzt/ihre Ärztin durchzusetzen oder auch nachzufragen, was denn die Erfolgszahlen aussagen. Denn es kann durchaus sein, dass auch ihr Arzt/ihre Ärztin relative Prozentzahlen falsch interpretiert. Übrigens: Frauen ab 30 haben schon länger den Anspruch auf jährliche Tastuntersuchungen und Unterweisung in Selbsttastuntersuchungen der Brust (im Rahmen der allgemeinen Krebsvorsorge) durch ihren Frauenarzt/ihre Frauenärztin. Für diese Vorsorge-Untersuchung muss auch nach der Gesundheitsreform nichts bezahlt werden, auch nicht die 10 Euro Praxisgebühr! Erst wenn weitere Untersuchungen notwendig werden, muss die Praxisgebühr bezahlt werden.

Martina Puschke

Anmerkungen:
1.) vgl.: Koubenec, Dr. H.-J.: Mammographie Sreening: Überschätzen wir den Nutzen? In: Berliner Ärzte 8/2000, aus: www.brustkrebs-diagnostik-berlin.de; vgl. auch Gigerenzer, Gerd: Das Einmaleins der Skepsis, Berlin 2002 zurück zum Text
2.) ebd. zurück zum Text
3.) Stellungnahme des Deutschen Ärztinnenbundes zum Mammographie-Screening und Artikel "Tastuntersuchungen zur Erkennung von Brustkrebs müssen aufgewertet werden" aus: www.Aerztinnenbund.dezurück zum Text
4.)Adressen unter www.frauengesundheitszentren.dezurück zum Text


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