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Arzneimittelrichtlinie: wer nicht in´s System passt, bleibt auf der Strecke

"Die Kosten im Arzneimittelsektor sind in den letzten Jahren explodiert", so lautet die Feststellung. Als Ursache dafür wird unnötige Medikamenteneinnahme angenommen. Im Klartext: PatientInnen verlangen Medikamente, die sie gar nicht brauchen und Ärztlnnen verschreiben sie, obwohl sie gar nicht oder nicht in dieser Form nötig wären. Um diesen Missbrauch zu beenden, wurde eine nicht geringe Anzahl von Medikamenten ab Anfang diesen Jahres nicht mehr von den Kassen übernommen. Darunter fielen auch Medikamente, die für bestimmte Patientinnen durchaus wirkungsvoll und wichtig waren. Sie mussten nun aus eigener Tasche bezahlt werden. Am 16.03. wurde im Gemeinsamen Bundesausschuss nun eine Liste der nicht verschreibungspflichtigen Medikamente beschlossen, die bei bestimmten Erkrankungen als Ausnahme weiterhin von der Kasse übernommen werden.

In dieser so genannten QTC-Liste sind sowohl die Erkrankungen als auch die ihnen zugeordneten Medikamente aufgeführt. (otc ist die Abkürzung für "over the counter" und beschreibt Medikamente, die ohne ärztliche Verschreibung "über die Ladentheke" verkauft werden.) Dabei sind Ausnahmen nur dann zulässig, wenn die Arzneimittel bei der Behandlung schwerwiegender Erkrankungen als Therapiestandard gelten. Eine Krankheit ist dann schwerwiegend, wenn sie lebensbedrohlich oder so schwer ist, dass die Gesundheitsstörungen die Lebensqualität auf Dauer nachhaltig beeinträchtigen. Kinder bis zum 12. Lebensjahr und Jugendliche mit Entwicklungsstörungen bis zum 18. Lebensjahr sind von dieser Regelung ausgenommen.

Weiterhin wurde auf Drängen sowohl der PatientInnenvertretung als auch des Bundesministeriums für Gesundheit und soziale Sicherung die Möglichkeit, Arzneimittel der Anthroposophie und Homöopathie zu verordnen, in die Richtlinie aufgenommen. Dies ist jedoch nur für die insgesamt in der Liste genannten Erkrankungen möglich und auch nur dann, wenn die Präparate als Therapiestandard anerkannt sind.

Was nicht auf der Liste steht, wird nicht übernommen

Dass die OTC- Liste, die in relativ kurzer Zeit unter Hochdruck erstellt wurde, nicht abschließend sein kann, darin waren sich alle VertreterInnen im Gemeinsamen Bundesausschuss einig. Sie soll daher auch ständig ergänzt werden. Trotzdem ist sie in Zukunft der alleinige Maßstab. Eine von PatientInnenseite geforderte Öffnungsklausel, die den ÄrztInnen für vorhandene Lücken in der Liste einen Handlungsspielraum lässt, wurde sowohl von Seiten der Kasse, der Kassenärzte als auch vom Ministerium abgelehnt. Als Begründung wurde die wiederum gegebene Möglichkeit des Missbrauchs angegeben. Nun gehören in diesem Fall zu einem Missbrauch zwei: PatientInnen, die Medikamente verlangen, die sich nicht brauchen und Ärztlnnen, die sie verschreiben. Bei einem verantwortungsvollen Umgang seitens der Ärztlnnenschaft sollte ein solcher Missbrauch eigentlich minimal sein.

In Zukunft ist die Sache klar: was nicht auf der Liste steht, wird nicht übernommen. Fertig. Die Regel ist maßgebend, nicht der Einzelfall. Patientinnen, deren Medikament nicht aufgeführt ist, müssen dies in Zukunft selbst bezahlen - auch dann, wenn es sich für sie als äußerst wirksam erwiesen hat. Sie werden so einerseits für die allgemeine Kostenexplosion "bestraft" und haften andererseits persönlich für die Lücke im neuen System. Gerade für einkommensschwache chronisch kranke oder behinderte Personen kann dies drastische Auswirkungen haben. Hart ausgedrückt: Wer nicht in das vorgegebene System passt, bleibt auf der Strecke.

Brigitte Faber

Die Arzneimittelrichtlinie kann unter www.weibernetz.de/gesundheit.html  herunter geladen werden. Oder beim Gemeinsamen Bundesausschuss
www.g-ba.de 


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