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Überblick: behinderte Frauen


(K)Ein Markt für Technologien in der Schwangerschaft

Seit die Pränataldiagnostik (PD) vor 28 Jahren in ein Leistungskatalog der gesetzlichen Krankenkassen aufgenommen wurde, hat sich eine Menge verändert. Zunächst nur für eine kleine Zahl schwangerer Frauen, die ein erhöhtes Risiko für bestimmte genetische Erkrankungen trugen, geplant, ist die PD längst zur Routine geworden. Routiniert ist inzwischen auch der Umgang mit der PD, sowohl auf Seiten der Nutzerinnen als auch auf Seiten der Anbietenden. So kommen immer wieder neue Technologien, die u.a. dabei helfen sollen, noch genauer und früher eine ‚Abweichung" in der frühen Schwangerschaft zu erkennen, auf den Markt. Und genau wie ein käufliches Produkt werden sie in den Arztpraxen und Zeitschriften beworben. So verhält es sich z.B. mit der relativ neuen Methode des so genannten "Ersttrimester -Screenings". Mit dieser Methode wird insbesondere geworben, das Down-Syndrom besonders gut erkennen zu können.

Die im Netzwerk gegen Selektion durch Pränataldiagnostik zusammengeschlossenen 89 Dachorganisationen (darunter auch das Weibernetz) und 147 Einzelpersonen sowie weitere Zusammenschlüsse haben eine Stellungnahme gegen die Etablierung dieses Frühscreenings abgegeben. Sie erklären ihre ablehnende Haltung mit 5 Punkten (Auszug aus der Stellungnahme vom Oktober 2003):

1. Die Zielsetzung des Frühscreenings ist ausschließlich selektiv. Befunde für therapeutische Maßnahmen sind nicht vorgesehen. Dies als "Qualitätsverbesserung" in der Schwangerenvorsorge darzustellen, halten wir für falsch.
2. Das Ersttrimester-Screening widerspricht unserem Verständnis von einer frauen-bezogenen und psychosomatisch orientierten Schwangerenvorsorge. Es konfrontiert Frauen/Paare zu einem sehr frühen Zeitpunkt (ab der 10. Woche) mit einem technischen, distanzierenden Umgang mit der Schwangerschaft. Zudem besteht das "Ergebnis" dieses Screenings aus einem statistisch basierten "Risikowert", der mit der realen Lebenssituation der schwangeren Frau nichts zu tun hat.
3. Die als Ersttrimester-Screening propagierten Untersuchungen erfüllen nicht die wissenschaftlichen und ethischen Anforderungen und Qualitätsstandards, die an ein Screening zu stellen sind. Normalerweise werden Screenings in der Gesundheitsversorgung mit dem therapeutischen Nutzen gerechtfertigt. Dieser ist hier nicht vorhanden. Vielmehr wird der Begriff des "Screenings" missbraucht, um das Ziel der Selektion positiv zu ummänteln.
3. Eine eingehende Aufklärung und Beratung über die angebotenen Tests, Voraussetzung für eine informierte Entscheidung der schwangeren Frau, ist in der gynäkologischen Praxis schwer möglich und zu diesem frühen Zeitpunkt in der Schwangerschaft auch eher kontraproduktiv.
5. Die Einführung des Ersttrimester-Screenings hat nicht die schwangeren Frauen und deren Gesundheit im Blick, sondern verfolgt vor allem ökonomische Interessen des extra gegründeten "Vereins zur Förderung der Pränatalmedizin FMF (Fetal Medicine Foundation) Deutschland". Dieser forciert die Methode, ohne dass es zuvor eine gesellschaftliche Auseinandersetzung gegeben hat. Verkaufsstrategien in der Schwangerschaft, die sich die Angst vor Behinderung zunutze machen, halten wir für einen Skandal.

Statt der immer differenzierteren Suche nach Abweichungen, sollten vielmehr alle selektiven Untersuchungen aus der Schwangerenvorsorge herausgenommen werden, damit Frauen wieder "guter Hoffnung" sein können. Daher lautet der letzte Satz der Stellungnahme: "Wir ermutigen alle Frauen und Paare, ihren eigenen Weg im Umgang mit der neuen Situation Schwangerschaft zu suchen, und Ärzte/Ärztinnen, sich der Zumutungen immer neuer selektiver Verfahren zu widersetzen."

Was verbirgt sich hinter dem Ersttrimester-Screening?

Reihe von Untersuchungen in der 10.-12. Schwangerschaftswoche. Dazu gehören Ultraschalluntersuchungen, Messen der Dicke der Nackenfalte, Blutuntersuchung der Frau auf bestimme Hormonwerte. Aus diesen Daten wird ein statistischer Risikowert errechnet, der die Wahrscheinlichkeit von Fehlbildungen des Ungeborenen angibt. Je nach Höhe des Risikowertes werden weitere Untersuchungen wie Fruchtwasseruntersuchungen etc. empfohlen. Die Untersuchungsreihe wird nicht von der Krankenkasse bezahlt, da sie nicht in den Mutterschaftsrichtlinien festgelegt ist.

den kompletten Text der Stellungnahme finden Sie im Internet unter
www.netzwerk-praenataldiagnostik.de 

Martina Puschke


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