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Das Gesundheitssystem und Frauen mit Behinderung


Frauen mit Behinderung

Brigitte Faber

Fehlende medizinische Fachkenntnisse

Für Frauen mit Behinderung bestehen weitere Probleme. So können sie selbst bei frauenspezifischen Themen wie Schwangerschaft oder Verhütung auf fehlende Fachkenntnis sowie auf Unsicherheiten bis hin zu Vorurteilen stoßen. Zwar ist hier insgesamt ein Wandel zu beobachten: wurden noch vor einigen Jahren Frauen mit Behinderung weder Sexualität noch Schwangerschaft zugetraut, so wird beides mehr und mehr zur „Normalität". Diese „Akzeptanz" ist jedoch sowohl bei Fachkräften als auch in der Bevölkerung je nach Behinderungsart unterschiedlich vorhanden. Die größten Probleme haben nach wie vor Mädchen und Frauen mit Lernschwierigkeiten (oder so genannter „geistiger Behinderung"). Zwar wird ihnen in zunehmenden Maß ein Sexualleben „zugestanden", doch eine Mutterschaft stößt häufig immer noch auf mehr oder weniger vehemente Ablehnung. Und trotz zunehmender „Normalität" fehlen zumeist fachliche Kenntnisse darüber, wie Schwangerschaft und Geburt zum Beispiel bei einer Frau mit Querschnittlähmung verlaufen. So kann es geschehen, dass schwangere Frauen mit einer Querschnittlähmung von den Kliniken in ihrer Umgebung abgelehnt werden, da sich keine für kompetent genug hält, diese Frau zu entbinden. Auch die Anwendung der Hormontherapie birgt für Frauen mit Behinderung noch einmal andere Risiken, da die Auswirkungen der Hormonpräparate auf bestimmte Behinderungen wie z.B. Muskel- oder Skeletterkrankungen unerforscht sind.

Barrierefreiheit

Weitere Probleme ergeben sich durch die fehlende Barrierefreiheit. Diese betrifft zwar grundsätzlich Männer und Frauen mit Behinderung. Doch kommen bei Frauen neben dem krankheits- oder behinderungsbedingten „Gang zur Ärztin oder zum Arzt" eben noch Schwangerschaft, Verhütung sowie gynäkologische Vorsorgeuntersuchungen hinzu. So waren viele Frauen, die einen Rollstuhl nutzen, noch nie bei einer solchen Vorsorgeuntersuchung - für nicht behinderte Frauen in der Regel eine Selbstverständlichkeit. Aber auch für Frauen mit anderen Behinderungen wie z.B. gehörlose Frauen oder Frauen mit einer Lernschwierigkeit (oder so genannter „geistiger Behinderung") gibt es Barrieren, die erst einmal überwunden werden wollen. Diese können in erster Linie in einem grundsätzlichen Kommunikationsproblem bestehen, dem sich dann sowohl ein mündliches als auch schriftliches Informationsproblem anschließt. So sind herkömmliche Informationsbroschüren sowohl für lernbeeinträchtige Frauen aber oftmals auch für gehörlose Frauen weitestgehend unverständlich. Von blinden Frauen sind sie erst gar nicht lesbar. Auch Untersuchungen, die völlig kommentarlos durchgeführt werden, können durchaus als bedrohlich wahrgenommen werden - eine Erfahrung, von der z.B. blinde Frauen oft berichten. Und der Umstand, dass Frauen mit Behinderung seltener als Männer über einen eigenen (behinderungsgerechten) Pkw verfügen, macht das Aufsuchen einer geeigneten barrierefreien Praxis - besonders auch im ländlichen Bereich - nicht gerade einfacher. Haben Frauen mit Behinderung kleine Kinder, die betreut werden müssen, ist das Aufsuchen einer Praxis um ein Weiteres erschwert. So kann die seit 01. Juli 2004 gültige Regelung, dass bei einer längerfristigen Verordnung von Heilmitteln durch spätestens alle drei Monate ein Kontrollbesuch bei der Ärztin oder dem Arzt zu erfolgen hat, besonders für Frauen mit Behinderung zum Problem werden. Sind die Barrieren zu vielfältig, der Organisations- und Zeitaufwand zu groß, so verzichten sie unter Umständen auf die notwendige Behandlung. Das Aufsuchen einer geeigneten Praxis wird durch die Einführung, aber vor allem auch durch die Handhabung der seit Januar 2004 gültigen Fahrtkostenregelung nicht gerade vereinfacht. Mit Januar 2004 war die Fahrtkostenerstattung bei der Nutzung eines Taxis fast vollständig weggefallen, wurde aber nach dem Auftreten großer Probleme und dem massiven Protest seitens der Behindertenverbände aber auch des Bundesbeauftragten für die Belange behinderter Menschen, Herrn Haack und zu guter letzt auch der Intervention des Bundesministeriums für Gesundheit und soziale Sicherung korrigiert. Stark mobilitätseingeschränkte Menschen haben weiterhin die Möglichkeit, für das Aufsuchen der Praxis ein Taxi zu nutzen, wobei die Taxikosten von den Kassen übernommen werden. Und sah der Entwurf selbst der korrigierten Regelung noch vor, dass für den Nachweis der Mobilitätseinschränkung ein Schwerbehindertenausweis mit mind. 60% oder die Eingruppierung in Pflegestufe 2 oder 3 vorliegen muss, so konnte letztendlich durchgesetzt werden, dass Menschen mit einer entsprechenden Mobilitätseinschränkung ohne amtlichen Nachweis ebenfalls eine Übernahme der Fahrtkosten erhalten können, wenn ihre Lage vergleichbar ist. Dies ist gerade für Frauen mit Behinderung wichtig. Denn nicht erwerbstätige Frauen mit Behinderung schrecken aus unterschiedlichen Gründen oft davor zurück, einen Schwerbehindertenausweis zu beantragen. In der Praxis allerdings drängen Ärztinnen und Kassenvertreterlnnen häufig auf die Beantragung eines Schwerbehindertenausweises. Dies entspricht nicht der Vorgabe und der damit verbundenen Absicht, die genau darin bestand, nun nicht alle Betroffenen (und hier eben vor allem Frauen) zu dem Gang zu den Versorgungsämtern zu zwingen. (Die neuen grundlegenden Regelungen werden am Ende des Artikels in einer Übersicht noch einmal vorgestellt.)

Zu einer Gesundheitsversorgung gehören neben den medizinischen auch andere Bereiche wie z.B. die Psychotherapie. Hier ergeben sich die gleichen Probleme, eine barrierefreie Praxis zu finden. Darüber hinaus gibt es die Schwierigkeiten, dass zum Teil grundsätzliche Vorbehalte welcher Art auch immer gegen die Behandlung von Frauen mit spezifischen Behinderungen bestehen. Mädchen und Frauen mit einer Lernschwierigkeit (oder so genannten „geistigen Behinderung") sind mit am häufigsten von sexualisierter Gewalt betroffen. Doch es gibt in Deutschland nur wenige Therapeutlnnen, die bereit sind, gerade mit diesen Mädchen und Frauen zu arbeiten.

Und nicht zuletzt können steigende Eigenbeteiligungen zu einer Barriere werden. Denn ganz grundsätzlich bleibt festzustellen, dass Frauen mit Behinderung meist deutlich weniger Geld für ihren Lebensunterhalt zur Verfügung haben als Männer mit Behinderung oder als nichtbehinderte Menschen. Daher treffen sie die Kostensteigerungen im Gesundheitswesen härter.

aus: SGB XII, Hartz IV, Gesundheitsversorgung - aus Sicht von Frauen mit Behinderung, Kassel 2005, hrsg. v. Weibernetz e.V., Seite 54


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