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Das Gesundheitssystem und die Kategorie Geschlecht


In der Gesundheitsversorgung fehlt der „weibliche Blick"

Brigitte Faber

Unsere medizinische Versorgung ist per se geschlechtsneutral und somit für alle gleichermaßen gut geeignet. Den Eindruck könnte man frau jedenfalls bekommen. Medizinische Standards, evidenzbasierte Medizin, Medikamentenforschung, Datenerfassung und -darstellung - nur in Ausnahmen lassen sich Angaben über die unterschiedlichen Auswirkungen bei Frauen und Männern bzw. nach Geschlecht differenziertes Datenmaterial finden. Bei genauerer Betrachtung wird jedoch deutlich, dass in der derzeitigen gesetzlichen Gesundheitsversorgung in fast allen Bereichen der weiße (eurasische) Mann mittleren Alters das Maß der Dinge ist. An ihm wurden und werden Medikamente erprobt, er wird für Methodenbewertungen herangezogen, Therapien orientieren sich an seinen Lebensrealitäten.

Beispiel Arzneimittelerprobung

Viele der Arzneimittel, die heute im Gebrauch sind, wurden fast ausschließlich an Männern getestet. Wenn Frauen beteiligt waren, dann jenseits des gebährfähigen Alters. Zwar ordnete z.B. die amerikanische Behörde für die Zulassung von Arzneimitteln (FDA) bereits 1988 an, dass Medikamente, die von Frauen genommen werden, auch an Frauen getestet werden müssen. Doch erst 1993 wurden spezifische Richtlinien für die geschlechtsspezifische Erprobung herausgegeben. Hinzu kommt, dass selbst bei einer Datenerhebung festgestellte Unterschiede nicht unbedingt in die Produktbeschreibung aufgenommen werden müssen - und daher nicht auftauchen. Zur Wirkung von Medikamenten, die vor 1990 zugelassen wurden, fehlen daher häufig jegliche geschlechtsspezifische Informationen. In Deutschland wurde im Juli 2004 mit der Änderung des Arzneimittelgesetzes - das die Forderung der EU-Richtlinie 2001 /83/EG umsetzt - erstmals festgeschrieben, dass in der klinischen Prüfung eines Medikamentes unterschiedliche Wirkungsweisen bei Frauen und Männern zu berücksichtigen sind.

Für die Herausnahme der Frauen aus der Forschung gab und gibt es verschiedene Begründungen. Bei dem Testen von Medikamenten an Frauen im gebährfähigen Alter wurde zum einen befürchtet, schwangere Frauen zu belasten und die Gesundheit der Embryonen bzw. der zukünftigen Kinder zu gefährden. Auch machen die hormonellen Schwankungen bei Frauen das Erlangen von vergleichbaren Testergebnissen schwieriger und aufwendiger -und somit teurer. Doch auch wenn die Argumente auf den ersten Blick zumindest teilweise einleuchten, so werden diese Medikamente im Krankheitsfall Frauen ebenso wie Männern verschrieben - nur dass für die Wirksamkeit sowie die Nebenwirkungen von Medikamenten für Frauen dann keine expliziten Erkenntnisse vorliegen.

Als Folge ergibt sich für Frauen, dass

• die Standarddosis für sie häufig falsch ist (sie müsste von der Ärztin/dem Arzt bei der Verschreibung entsprechend korrigiert werden)
• Frauen häufiger an Nebenwirkungen leiden wie Männer und zum Teil Nebenwirkungen auftreten, die nicht einmal als solche in der Fachwelt allgemein bekannt sind
• manche Medikamente, die für Männer durchaus wirksam und sicher sind, sich für Frauen als gefährlich bis sogar tödlich erweisen. Der kleine Unterschied

Darüber hinaus wurde (und wird) angenommen, dass der kleine biologische Unterschied zu vernachlässigen ist. Zelle ist Zelle - egal ob in einem männlichen oder in einem weiblichen Körper. Doch Frauen sind nicht einfach nur leichtere Männer. Frauen und Männer haben bei gleicher Erkrankung zum Teil andere Symptome und Krankheitsverläufe, reagieren auf Medikamente und Therapien zum Teil anders, haben andere Lebensumstände - und haben häufig ein anderes Verständnis von Krankheit und Gesundheit. Geschlechtsspezifische Unterschiede wurden in der Medizin jedoch häufig nur an so Offensichtlichem wie einer Schwangerschaft oder „typischen" Erkrankungen wie Brust- oder Prostatakrebs grundsätzlich registriert.

Mit am besten sind die Unterschiede für Männer und Frauen derzeit für die koronare Herzerkrankung bekannt:

• Bei Frauen treten zum Teil andere Warnanzeichen als die üblicherweise (von Männern) bekannten auf. (So können bei Frauen plötzliche Übelkeit mit Erbrechen sowie Schmerzausstrahlung in den Rücken Anzeichen für einen bevorstehenden Herzinfarkt sein).
• Sowohl die „biologischen" (z.B. Bluthochdruck) als auch „sozialen" (z.B. weniger sportliche Betätigung) Risikofaktoren sind unterschiedlich.
• Die Diagnostik (z.B. Belastungs-EKG) ist zum Teil unterschiedlich aussagekräftig
• Therapien wie z.B. Medikamente oder Operationen haben zum Teil nicht die gleiche Wirkung
• Die Sterblichkeit vor allem von jüngeren Frauen nach einem Infarkt ist höher sowie die Genesung nach einem Infarkt schlechter als bei Männern. (Die Gründe hierfür sind zur Zeit noch unerforscht)
• An Rehamaßnahmen nehmen weniger Frauen teil als Männer.

Unterschiedliche Lebenswelten und Erfahrungen

Ein weiterer Faktor, der sich unterschiedlich auf die Gesundheit auswirkt, sind die verschiedenen Lebenswelten von Frauen und Männern. Auch dieser Umstand bleibt in der Gesundheitsversorgung zumeist völlig unberücksichtigt. Ein Beispiel ist die frühzeitige Entlassung aus dem Krankenhaus. Menschen nicht länger als nötig in Krankenhäusern zu versorgen, ist ja im Prinzip begrüßenswert. Nur kann eine pauschale Regelung, die sich rein an der Diagnose und nicht auch an den Lebensumständen außerhalb des Krankenhauses orientiert für die Person sowie ihr Umfeld unterschiedliche Folgen haben:

• Wenn die Person, die entlassen wird, eigentlich noch der Erholung bedarf, sich zu Hause aber gleich wieder um Haushalt und Kinder kümmern muss - in der Regel ist dies die Frau (Für diesen Arbeits-Bereich gibt es keine Krankschreibung)
• Wenn die Person entlassen wird und noch der Pflege bedarf, es zu Hause aber keine entsprechenden Personen gibt. Auch hier sind Frauen wieder stärker betroffen, da sie im Alter häufiger alleine leben als Männer.

Obwohl sich ganz allgemein die Bedeutung des biologischen und sozialen Geschlechts für die Gesundheitsversorgung seit ca. 30 Jahren - seit den Anfängen der frauenspezifischen Gesundheitsforschung - auch in Deutschland immer deutlicher abzeichnet, tut sich sowohl in Theorie als auch in Praxis wenig bis gar nichts. So finden die Erkenntnisse in medizinischen Leitlinien (wie z.B. der Leitlinie koronare Herzerkrankungen) oder in Methodenbewertungen bislang in Deutschland keinen Niederschlag. Auch in Forschung oder Lehre finden Unterschiede aufgrund des Geschlechts eher keine Beachtung. Selbst für den „kleinen" Unterschied sensibilisierte Ärztinnen haben so Schwierigkeiten, ihre Behandlungsmethode entsprechend zu verändern, da ihnen schlicht die entsprechenden Fachinformationen dazu fehlen.

Diese Ignoranz der Kategorie Geschlecht gegenüber bedeutet jedoch nicht, dass Frauen und Männer völlig gleich behandelt werden. Denn nach wie vor gilt ein Herzinfarkt auch in Fachkreisen als eher „typisch männliche" Erkrankung, die Frauen erst einmal nicht betrifft. In der Realität ist Herzinfarkt noch vor Brustkrebs die häufigste Todesursache bei Frauen. Dagegen erhalten Frauen deutlich häufiger Psychopharmaka. In der Gesundheitsversorgung wird gelegentlich somit doch „geschlechterspezifisch" gedacht. Nur leider unhinterfragt und mit negativen Konsequenzen - zumeist für Frauen.

aus: SGB XII, Hartz IV, Gesundheitsversorgung - aus Sicht von Frauen mit Behinderung, Kassel 2005, hrsg. v. Weibernetz e.V., Seite 50


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