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Petra Rieth:

Porträt: Rana



Als Rana 1947 geboren wurde, war Abadan eine blühende iranische Hafenstadt mit großer, englisch verwalteter Ölraffinierie. Die Familie - Vater, Mutter und 8 Geschwister - lebte in einem eigens für die Mittelschicht der Raffiniere-Mitarbeiter gebauten Stadtviertel, mit eignenen Bussen, Supermarkt und Swimming pools, die gelegentlich sogar von Mädchen und Jungen gemeinsam genutzt wurden. Die jungen Frauen suchten sich ihre Partner selbst aus. In dieser Umgebung herrschte ein sehr liberales, westliches Klima. Ihre Mutter trug keinen Schleier mehr. Schon unter dem Vater des letzten Schah mußten Frauen eher Hüte als einen Tschador tragen. Monir ging selbstverständlich aufs Gymnasium, wenn es auch getrennte Schulen für Mädchen und Jungen gab.

Monir erinnert sich, daß die Familie beim Urlaub in anderen Städten Persiens in Konflikt mit traditionelleren Vorstellungen der dortigen Bevölkerung kam - die Mädchen wurden einmal sogar beschimpft, weil sie Sommerkleider und kurze Röckchen trugen.

Heute ist Rana bewußt, daß es eine sehr weitgehende Trennung sozialer Schichten gab - die Mitarbeiter der Ölfirmen lebten weitgehend vom Rest der Bevölkerung getrennt, und innerhalb dieser Siedlungen gab es starke Unterschiede zwischen Arbeitern, Angestellten und Management. Heute betrachtet sie das als eine Art von Apartheid.

Nach dem Abitur fuhr Rana nach Österreich, besuchte in Graz ein Studienkolleg, lernte Deutsch und bestand das österreicherische Abitur. Danach - 1969 - wollte sie in München Medizin studieren, leider bekam sie keinen Studienplatz, also studierte sie Architektur. 1970 heiratete sie, ihren Mann hatte sie im Studienkolleg kennengelernt; er studierte ebenfalls Architektur. Gemeinsam engagierten sie sich in der Studentenbewegung, vor allem in der Conföderation iranischer Studenten, einer internationalen linken Gruppe. Sie organisierten Demonstrationen, machten Hungerstreik, studierten. Nebenbei mußten sie jobben, um ihren Lebensunterhalt zu verdienen, wohnten in einem Zimmer im Studentenwohnheim.

Rana schloß ihr Studium 1973 ab, sie hatte durch ihre Jobs bereits einige Erfahrungen in Architekturbüros gesammelt, einschließlich der Beteiligung an internationalen Projekten.

Nach dem Studium überlegten sie, ob und wie sie in den Iran zurückkehren sollten; die politische Situation dort war gefährlich - schon für die Mitgliedschaft in der Conföderation drohte ihnen 3-10 Jahre Gefängnis. Nach langen Diskussionen flog sie erst einmal allein zurück. Nach ihrer Ankunft hatte sie keine Probleme mit der Polizei, sie fand einen guten Job als Architektin in Teheran. 6 Monate später kam ihr Mann nach - und wurde gleich am Flughafen festgenommen.

Am nächsten Tag wurde sie von der SAVAK (der Geheimpolizei des Schah) vorgeladen, angeblich um das Gepäck ihres Mannes abzuholen. Ihr Bruder brachte sie hin - und auch sie wurde festgenommen. Ihr Mann und sie erhielten jeweils 5 Jahre Gefängnis. Die vielen Demonstrationen, die Besetzung der Botschaft in München - die SAVAK wußte alles. Erst kamen sie in ein spezielles Gefängnis für politische Gefangene. Sie hatte Einzelhaft, mußte ständig Angst vor Folter oder noch schlimmerem haben. Das schlimmste, sagte sie, war die unheimliche Stille wie auf einem Friedhof.

Nach 6 Monaten Haft wurden sie in ein anderes Gefängnis verlegt, wo es wesentlich offener zuging. Sie konnte Besuch haben, im Hof spazierengehen. Aber es gab auch viel Streit unter den verschiedenen Gruppierungen politischer Häftlinge.

Draußen begannen die Demonstrationen in Teheran, und eine der ersten Parolen war: Freilassung der politischen Gefangenen. Im Gefängnis wurde alles neu gestrichen, um die Spuren der Folterungen zu übertünchen. Amnesty International wurde vorgeführt, wie gut es den Gefangenen gehe. Rana berichtete und übersetzte auf deutsch, wie es den Gefangenen tatsächlich erging.

Zum Geburtstag des Schah war eine Amnestie üblich. Rana wurde nach 3 1/2 Jahren freigelassen, schon bei der ersten Amnestie für politische Gefangene. Nach einigen Jahren kamen die meisten politischen Gefangenen frei.

1978 wurde der Schah gestürzt, und Ayatollah Khomeny kam zurück. Schon bald nach der "Befreiung" gab es wieder neue Repressionen - diesmal traf es zuerst die Frauen. Viele linke Männer waren froh, daß der vom Imperialismus abhängige Schah gestürzt war, nahmen den Druck gegen die Frauen nicht so wichtig. Frauen wurde verboten, in bestimmten Berufen zu arbeiten, die Verhaltens-Vorschriften wurden strenger.

Rana und ihr Mann bewarben sich in ihrer Heimatstadt Abadan. "Leider können wir keine Frau nehmen" teilte man ihr mit, obwohl sie sehr gute Referenzen hatte. Also bekam ihr Mann die Stelle bei der Stadt, und sie arbeitete in einem kleinen privaten Architekturbüro, zusammen mit einem Statiker, in ihrer Wohnung.

Dann begann erneut die Verfolgung der Linken, die Gefängnisse des Iran waren wieder voll.

In dieser schwierigen Zeit wurde 1980 ihre Tochter geboren. Wenige Monate später begann der Krieg zwischen Iran und Irak. Die irakischen Düsenjäger flogen so tief über die Stadt, daß sie die Beschriftung der Flugzeuge lesen konnten. Abadan wurde bombardiert. Von den Kriegserlebnissen hat sie heute noch Alpträume. Überall gab es Verletzte und Tote. Ihre Tochter war gerade 3 Monate , als sie nach Ahwas flohen, und als Ahwas auch bombardiert wurde, mußten sie wieder fliehen. Ihre Tochter wurde krank, aber sie mußten weiter.

Rana war 3 Jahre auf der Flucht vor dem Krieg und vor der Polizei. Die Pasdaran, eine islamische Miliz, hatte Wohnung und Büro in Abadan konfisziert, und dabei war ihnen sicher auch viele Dokumente in die Hände gefallen.

Schließlich erreichten sie Teheran, aber auch Teheran wurde vom Irak angegriffen. Rana wollte gerade auf dem Flachdach ihres Hauses Wäsche aufhängen, als ein Angriff kam. Sie versuchte, 3,5m in einen Lichthof hinunterspringen, aber sie stürzte auf den Rücken. Im Krankenhaus dann die Diagnose: Querschnittlähmung. Ihr Rücken wurde mit einem Metallstab stabilisiert, das war die ganze Behandlung. Von Rehabilitation keine Spur. Nach 40 Tagen Krankenhaus bekam sie ein Visum und konnte mit ihrer Tochter und einer Nichte nach Deutschland ausreisen. Ihr Mann mußte illegal über die Türkei nachkommen.

Das Sitzen im Flugzeug, der lange Flug - das war eine Qual. Vom Flughafen-Sozialdienst Frankfurt wurden sie freundlich empfangen und gut versorgt. Anschließend ging es nach Sprendlingen in ein Hotel für Asylbewerber. Im Rollstuhl war das Leben unter diesen Bedingungen fast unerträglich. Nach einer Woche zog sie in eine Wohnung in Langen, dort lebte sie 3 Jahre. In vieler Hinsicht half ihr in dieser Zeit der CeBeeF Dreieich.

Weihnachten 83 fand ihr Bruder eine kleine Wohnung für sie in Offenbach. Kurz danach, im Februar 84, kam sie zum ersten Mal in die Unfallklinik Frankfurt. Sie war noch nicht als Asylantin anerkannt und mußte für Krankenhausaufenthalt und Behandlung über 30.ooo,-DM bezahlen. Ihr Bruder nahm einen Kredit auf, um diese Summe zu finanzieren.

Ein Jahr später wurde sie als Flüchtling anerkannt, war dadurch regulär krankenversichert, und bei einem zweiten Klinik-Aufenthalt konnte der Metallstab aus ihrem Rücken entfernt werden. Danach konnte sie sich viel selbständiger bewegen.

Am 1.April 87 zog sie endlich eine behindertengerechte Wohnung in Frankfurt, in der sie heute noch lebt. Der einzige Wermutstropfen war, daß 3 Monate nach dem Einzug ihr Mann sie verließ, ihre Tochter war gerade 7 Jahre alt. Sie versuchte, Arbeit als Architektin zu finden, wurde fast verrückt dabei, immer nur zuhause zu sitzen.

Von einer Freundin bekam sie den Tip, es mal bei der "Werkstatt Frankfurt" zu versuchen, einem Projekt zur Arbeitsbeschaffung für Langzeitarbeitslose. Nach vielen vergeblichen Versuchen meldete sich die Werkstatt dann doch bei ihr, und 1990 konnte sie in der Verwaltung anfangen. Erst eine befristete ABM für 18 Monate, sie hatte ständig Angst, wie es danach weitergehen sollte. Sie hatte Glück und bekam einen unbefristeten Vertrag. Noch heute arbeitet sie halbtags in der Buchhaltung. Die Arbeit füllt sie nicht aus, aber sie gibt ihr doch Bestätigung und Einkommen.

In ihrer Freizeit ist sie in der Autonomen Iranischen Frauenbewegung aktiv, hat u.a. eine Selbsthilfegruppe von Müttern mit pubertierenden Kindern gegründet, denn das Leben zwischen iranischer und deutscher Kultur führt immer wieder zu enormen Problemen. Sie hält Referate und organisiert Seminare über Gewalt gegen Frauen und Mädchen im Islam.

Ranas Schwerpunkt ist die Frauenbewegung, das würde sie sehr gern intensiver machen. Aber sie beteiligt sich auch an den Treffen behinderter Frauen.

In diesem Sommer hat sie sich einen lange gehegten Wunsch erfüllt: Urlaub mit ihrer Tochter, in einer rollstuhlgerechten Ferienwohnung am Mittelmeer.