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Petra Rieth:

Der lange Weg in die Selbständigkeit



"...das will ich alleine"

Lisa Nagel - NAGELtech

"Lisa - das ist Chaos pur"; so habe ich sie jedenfalls lange Zeit empfunden. Darauf meint sie nur "Aus dem Chaos wächst die Kraft für eine neue Ordnung". So gesehen sprießt bei ihr schier übermenschliche Kraft, gemessen daran, was sie bisher schon erreicht hat.

Lisa wurde 1962 in München geboren, wuchs erst in Erlangen, dann in Bad Homburg auf. Zuerst verlief ihre Entwicklung normal, doch als 2 Jahre nach ihr ein Bruder geboren wurde, begannen ihre Schwierigkeiten beim Laufen. Sie meint dazu "es ist eine Sache, ob frau eine Krankheit hat, aber es ist eine andere Sache, ob sie ausbricht."

Als sie 5 war, diagnostizierten die Ärzte "neurale Muskelathrophie, Typ Wereling-Hoffmann". Seit einiger Zeit weiß sie, daß das eine Fehldiagnose war: sie hat zwar Muskelschwund, aber eine andere "Sorte", mit weniger dramatischem Verlauf. Während ihrer ganzen Kindheit und Jugend hatte sie selbst, aber genauso ihre Eltern, ständig das Gefühl von Todeserwartung. Die Beziehung zu ihrer Mutter bezeichnet sie selbst als total symbiotisch. Trotzdem verläuft ihre schulische Karriere in der Regelschule sehr erfolgreich. 1980 machte sie nach nur 12 Schuljahren das Abitur.

Bald darauf heiratete sie, zog aus dem behüteten gutbürgerlichen Milieu des Elternhauses aus, stürzte sich rein ins Frankfurter Bahnhofsviertel.

Sie begann ein Jurastudium an der Uni Frankfurt. Aber als ihr an der Unibibliothek erklärt wurde, der besondere Eingang für Rollstuhlfahrer werde abgeschlossen, damit da keine Nichtbehinderten durchgehen, da "hatte ich das deutliche Gefühl, ich sei da falsch" und brach nach 2 Semestern das Studium ab.

Den Lebensunterhalt bestritten sie anfangs durch die Jobs ihres Mannes, dann nur noch durch Lisas Straßenmusik mit der Blockflöte. Diese Beziehung war genauso symbiotisch wie die zu ihrer Mutter. Mit 21 Jahren trennt sie sich von ihrem Mann, weil sie nicht mit ihm zusammen untergehen wollte. Rückblickend gab ihr diese Ehe zum ersten Mal Bestätigung als Frau, und sie war ein Mittel zur Trennung vom Elternhaus.

Mit Unterstützung von Helfern eines Ambulanten Dienstes führte sie nun erstmals ein wirklich eigenständiges Leben, garniert mit ständigem Kampf mit dem Sozialamt, aber auch vielen Reisen. Bei längeren Aufenthalten auf Kreta lebte sie in den Tag hinein, lernte griechisch und Haare schneiden. Auf Kreta fühlt sie sich heute noch mehr zuhause als im kalten, verschlossenen Deutschland.

1985 zog sie nach Bremen und machte neuen Anlauf zu studieren, diesmal Kunsttherapie in Ottersberg bei Bremen. Doch auch die Anthroposophen waren nach einem Jahr nicht mehr ihr Fall. Stattdessen kam sie zu der Erkenntnis, daß sie erst einmal selbst eine Therapie brauchte. Sie begann 1986 eine Gesprächstherapie mit bioenergetischer Grundlage."19 Jahre hatte ich eine symbiotische Beziehung zu meiner Mutter; da wäre ich allein nie rausgekommen. Also holte ich mir therapeutische Hilfe." In diesem Rahmen setzte sie sich erstmals bewußt mit ihrer Behindeurng und ihrem Körper auseinander. Ein zentraler Punkt waren ihre Bewegungsmöglichkeiten bzw. ihr Bewegungsmangel - das hatte sie in Depressionen gebracht, aber auch aggressiv gegen ihren Körper gemacht. Ein zweiter wichiger Schritt der Therapie: "In den Muskeln liegen Gefühle. Und wenn Du die nicht zulassen kannst, verspannst Du Dich!" Dagegen mußte sie angehen. Rückblickend stellt sie verblüffende Wirkungen fest: sie arbeitete die Gefühle und dabei auch ihre Verspannungen ab - und hat heute bessere Bewegunsmöglichkeiten und einen größeren Aktionsradius denn je.

Dann, im Winter 86/87, fuhr sie auf die Kanaren, lebte dort 9 Monate im Zelt. "Ich habe nie eine behindertengerechtere Wohnung gehabt!" Sie wollte dauerhaft dort leben, aber sie scheiterte daran, daß sie nicht genügend Helferinnen fand. Alle vernünftigen Leute dort hatten schon einen Job. Was nützte ihr da die "Helferkohle"? Das ging max. 1/2 Jahr gut, dann bröckelten die Leute ab.

Retour in Bremen lebte sie bei einer Bekannten, hatte nicht mal ein eigenes Zimmer. Nahm wieder ihre Therapie auf. Wieder wurde das Thema "körperliche Abhängigkeit" akut. In dieser Situation fing Lisa an, selbst Hilfsmittel zu entwickeln, und zwar einen Flaschenzug, mit dem sie allein umsetzen kann, und das Kniemobil. Es hatte sie immer mehr geärgert, daß viele Hilfsmittel, so z.B. alle Lifter, nur auf eine Entlastung des Pflegepersonals zielen, dem Betroffenen aber kein bißchen Selbständigkeit bringen. Mit dem Flaschenzug kann sie sich dagegen allein übersetzen - nebenbei: damit kann sie sogar wieder aufrecht stehen.

Beruflich machte sie ein Praktikum in einem Kindergarten mit der Perspektive, Hilfsmittel-Beratung zu lernen. In den Sommerferien traf sie dann einen Unternehmensberater, der ihr eine Reihe von Tips gab, wie sie sich mit einem Hilfsmittel-Laden selbständig machen könnte. Dann ging plötzlich alles ganz schnell, und schon zum 1.10.90 fand sie geeignete Räume. Drei Tage vor der Eröffnung stellte sie bei der Hauptfürsorgestelle einen Antrag auf Finanzierung, und schlußendlich bekam sie einen sehr günstigen Kredit großen Umfangs, für den allerdings ihre Eltern bürgten.

Die Zeit bis zur Eröffnung waren 3 extrem hektische Monate - "der Sprung ins kälteste Wasser meines Lebens!"

Sie mußte sich - von den kaufmännischen Grundkenntsnissen bis zum Arbeiten am Computer - in viele Bereiche von Grund auf einarbeiten .

Dann kam der Kampf mit den Krankenkassen, die sie nicht anerkannten. Eigene Erfahrung? Nein, das zählte nicht, sie mußte der formalen Qualifikation zuliebe einen Orthopädiemechaniker einstellen, der diese Situation weidlich ausnutzte. Schließlich blieb ihr keine andere Wahl - sie mußte ihm kündigen. Anfang 93 bekam sie dann endlich die Ausnahmegenehmigung der Handwerkskammer zum Zweiradmechaniker-Handwerk, beschränkt auf Rollstühle und ohne Lehrlinge ausbilden zu dürfen - sie ist sozusagen die erste Rollstuhlmechaniker-Meisterin Deutschlands.

Auf dem Papier stimmte alles, aber im Alltag hatte sie viel geringere Umsätze als geplant. Ihr Laden war aber recht teuer, und so geriet sie langsam aber sicher immer tiefer in die roten Zahlen. Noch einmal halfen ihr ihre Eltern finanziell aus.

Zu den Auseinandersetzungen mit Kostenträgern und Handwerkskammer kommt auch noch das nicht immer einfache Verhältnis zu ihren Kunden. Es gibt Menschen, die ein Verhältnis zu ihrer Behinderung haben, und die lassen sich gern von Lisa Nagel beraten. Manche kommen sogar von weit her angereist. Andererseits gibt es mehr Behinderte als sie angenommen hätte, die aus welchen Gründen auch immer lieber zu irgendeinem herkömmlichen Sanitätshaus gehen als sich von einer behinderten Frau beraten zu lassen. Von "Solidaritätskundschaft" kann sie eigentlich nur träumen.

Im Herbst 91 fand sie eine großzügige Wohnung, und im November 92 verlagerte sie ihr Geschäft ins Wohnzimmer. "Vorher war das Wohnzimmer groß und leer, ich war ja immer im Laden..." Nun kann sie sich ihre Zeit besser einteilen, und das kommt sicher ihrer Arbeit und damit ihren Kunden zugute.

Nach beinahe 3 mageren Jahren lief das erste Halbjahr '93 relativ gut, doch dann forderten die Krankenkassen immer höhere Rabatte.

Ein kleiner Händler bekommt von den meisten Herstellern 30% auf den Listenpreis, ein großer 40-50%. Die Krankenkassen verlangen aber inzwischen schon 28% Rabatt! Von 2% kann niemand existieren; das können nur die großen (für die das eben 12 oder gar 22% sind), und Beratung, Schulung oder ähnliches findet einfach nicht mehr statt.

"Früher wurden oft Krüppel und Krankenkassen von Herstellern und Händlern über den Tisch gezogen - heute trifft es nur noch die Krüppel, aber dafür doppelt!"

Andererseits gibt es immer wieder Menschen, die ihre Hilfsmittel aus eigener Tasche bezahlen - und zwar zu 100%. "Da müßte doch mal das Kartellamt prüfen, ob das überhaupt korrekt ist!"

Nach dem guten Einstieg 1993 kam das Sommerloch, und Lisa konnte endlich mal wieder sich amüsieren gehen. Und bei einer solchen Gelegenheit führte ein "One-night-stand" zur Schwangerschaft. Erst einmal stand der Gedanke an eine Abtreibung im Vordergrund. Alleinerziehende Geschäftsfrau mit Behinderung... Nein, das muß nicht sein. Schließlich mündeten ihre Überlegungen in zwei Fragen: "Will ich ein Kind? Ja! Bin ich dazu in der Lage? Das kann mir niemand sagen, das muß ich sehen."

Als sie auf den Kanaren war, wollte sie bleiben, aber konnte nicht. Sie wollte laufen, aber konnte nicht. Will etwas, aber kanns nicht haben. War das mit einem Kind nicht genauso? Alles dasselbe Muster?

Daraufhin traf sie eine Entscheidung pro Kind. Eine Abtreibung "hätte die Herrschaft des Kopfes über den Körper bedeutet", und damit hatte sie noch jedes Mal schlechte Erfahrungen gemacht. In den letzten 8 Jahren hatte sie genug Gelegenheit, auf ihren Körper zu hören. Natürlich ist eine Schwangerschaft für sie nicht ohne. Es gibt eine Reihe Fragen, auf die kein Arzt eine Antwort weiß. Als eine Abtreibung zur Debatte stand, wurde dies natürlich allseits unterstützt und akzeptiert. Seit sie das Kind bekommen will, sind die Ärzte zwar oft ratlos, aber Druck - nein, Druck hat ihr niemand gemacht. Ihr Frauenarzt meinte nur "Das Kind ist ja schon ziemlich groß für die 12.Woche!".

"Wenn mein Körper jetzt schwanger wird, dann wird das auch was werden. Meine Mutter hat immer den Ärzten mehr vertraut als meinem Körper und mir!" Lisa hat das Selbst-Vertrauen, das Kind zu bekommen.

"Ich will - und ich kann nicht!" gegen diesen Satz geht sie immer wieder an, wenn auch immer mal wieder auf ziemlich extreme Weise.

Perspektiven, Träume? "Ich hoffe, daß ich mit 50 Jahren auf Kreta sitze und im Schaukelstuhl meine Memoiren schreibe. Oder vielleicht lerne ich mit 70 noch laufen?!"

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"Erst wenn die/der letzte Behinderte selbständig geworden ist, werdet ihr verstehen, daß Behinderung im Kopf beginnt."

NAGELtech, die lebendige Reha-Technik.