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Überblick: Frau und geistige Behinderung



Zur gesundheitlichen Situation von Frauen mit sogenannter geistiger Behinderung

von Elke Schön

Die folgende Situationsbeschreibung beruht auf dem Erfahrungswissen von Frauen mit sogenannter geistiger Behinderung (1), die in der Region Tübingen - Reutlingen leben und arbeiten.(2) Die dargestellten Erfahrungen wurden auf unterschiedlichen Wegen als ein kollektiv geteiltes Wissen sichtbar:

• auf institutionenübergreifenden Frauentreffen, die der Multiplikatorinnen-Treff Tübingen (3) seit einigen Jahren veranstaltet;
• in einem gemeinsam mit dem "Bildungszentrum und Archiv zur Frauengeschichte Baden-Württembergs" organisierten Erzählcafe zum Thema "Frauen machen sich auf den Weg und gestalten ihr Leben";
• über Interviews, die in den 90er Jahren mit Frauen geführt wurden.(4)

Auf regionalen Frauentreffen thematisieren Frauen mit sogenannter geistiger Behinderung immer wieder ihre gesundheitlichen Beschwerden:

diese reichen von Befindlichkeitsstörungen (Müdigkeit, Kopfschmerzen, Ubelkeit) bis hin zu gravierenden organischen Schmerzen. Zurückgeführt werden diese auf chronische Erkrankungen, Allergien, Mykosen und häufige Infektionen (Blasenentzündungen, Entzündungen im Vaginalbereich, etc.). Manche Frauen haben Epilepsie, andere Suchtprobleme (vor allem durch erhöhte Medikamenteneinnahme). Bei einigen der Frauen ist in jüngster Zeit eine Krebserkrankung (insbesondere das Mammakarzinom) ohne Hoffnung auf Heilung (da zu spät erkannt ) diagnostiziert worden.

Frauen, die den Holocaust im Kleinkindalter überlebten oder die unmittelbar nach dem 2. Weltkrieg geboren wurden, befinden sich heute im Lebensalter der "Wechseljahre". Gerade dieser Gruppe fehlen kollektive Orientierungen zum Umgang mit gesundheitlichen Beschwerden und Prozessen des Alterns, die üblicherweise informell von der älteren Frauengeneration an die folgende weitergegeben werden. Vor allem von Frauen im Alter der Wechseljahre sind auf den Frauentreffen vehement folgende Wünsche zum Ausdruck gebracht worden:

• Austausch zwischen (betroffenen) Frauen aus verschiedenen Einrichtungen/Orten;
• fachkundige und zugleich verständliche Informationen von Fachfrauen über Methoden der Verhütung, gynäkologische Untersuchungen, Möglichkeiten und Erfolge von Behandlungen;
• Lebensformen, die einen individuellen Umgang mit dem eigenen Körper, der Gesunderhaltung, aber auch mit Abschiednehmen, Sterben und Tod zulassen.

Nur wenige Frauen benennen Zusammenhänge zwischen ihren gesundheitlichen Beschwerden und ihren Lebenslagen (genannt werden Armut, Wohn- und Familienverhältnisse, Arbeitsbedingungen), kulturellen Gewohnheiten (genannt werden Ernährungsprobleme) und erfahrenen Geschlechterverhältnissen (Hierarchien und Gewalt). Aber die Mehrheit der Frauen verbindet das Thema "Gesundheit" mit der Frage nach möglichen positiven Lebensformen. Wenig thematisiert werden eigene sexuelle Bedürfnisse und Wünsche. Frauen im Alter von Ende 20 bis Mitte 50 machen diese eher implizit zum Thema, indem sie auf erlebte sexistische Ubergriffe und damit verbundene traumatische Erfahrungen verweisen. In diesen Erzählungen werden manchmal eigene Sehnsüchte nach lustvoll erlebter Sexualität transparent. Berichte in Einzelinterviews über erfahrene Vergewaltigungen enthalten häufig Mitteilungen über anschließende Abtreibungen und damit zugleich vorgenommenen Sterilisationen. Aus Sicht der Frauen sind die Sterilisation und die Depotspritze ("Dreimonatsspritze") - absurder Weise - präventive Maßnahmen gegen Vergewaltigung. Sexistische Ubergriffe und Gewalt erfahren Frauen mit sogenannter geistiger Behinderung im Heim, der Außenwohngruppe, der Freizeit, in Betrieben, vor allem in der WfB, aber auch in der Herkunftsfamilie und im Paarwohnen. Sie fordern deshalb immer wieder Selbstverteidigungs- und Selbstbehauptungskurse für sich ein. In der WfB versuchen sie in Selbsthilfe, sich gegenseitig zu schützen. Dienstvereinbarungen zu Verfahrensschritten im konkreten Fall sexistischer Gewalt und präventive Maßnahmen sind gerade im Werkstattbereich von Nöten. Multiplikatorinnen haben eine Mustervereinbarung erarbeitet. Es wird in einem nächsten Schritt darum gehen, Leitungsebenen im Interesse von Qualitätsentwicklung zur Umsetzung zu gewinnen.

Anfang der 90er Jahre standen die Multiplikatorinnen in der Behindertenarbeit vor dem Problem, in der Region Therapeutinnen zu finden, die mit Methoden arbeiten, die bei sexuell missbrauchten Mädchen und Frauen mit sogenannter geistiger Behinderung "ankommen". Ebenso zeigten sich bei der Finanzierung von Therapien viele Hindernisse. Diese Hürde scheint inzwischen genommen. Einige Frauen haben sich therapeutisch qualifiziert und die Multiplikatorinnen sind findig geworden in der Finanzierung von Therapien. In einer Reutlinger Einrichtung der Behindertenhilfe bietet heute eine Multiplikatorin eine Therapiegruppe für vergewaltigte Frauen an. Auch wird darüber nachgedacht, welche neuen Wohnformen (etwa eine Frauenwohngruppe) gerade den von Gewalterfahrungen betroffenen Frauen angeboten werden können. Professionelle aus der Multiplikatorinnenrunde entwickeln seit einigen Jahren für Frauen und Mädchen Zugänge zu Gesundheitsangeboten. Ihnen ist wichtig, dass beispielsweise Frauen die Möglichkeit erhalten, ihre Gynäkologin/ihren Gynäkologen selber "auszuwählen". In Behandlungssituationen sollen sie ihre Rechte geltend machen können. Auf Wunsch der Frauen fand im vergangenen Jahr eine gemeinsame Veranstaltung mit einer Gynäkologin statt. Frauen konnten Fragen stellen, erhielten anschauliche Informationen und nahmen die Gelegenheit wahr, untereinander Erfahrungen über Verhütungsmethoden auszutauschen. Viele Frauen vertragen weder Pille noch Depotspritze. Sie sind inzwischen gut über deren Nebenwirkungen informiert. Ich vermute, an der Mehrheit der älteren Frauen wurden in der biographischen Vergangenheit Sterilisationen vorgenommen, konkrete Daten dazu liegen jedoch nicht vor. Sterilisationen, die uns Multiplikatorinnen bekannt wurden, werden anscheinend heutzutage nicht mehr in der rechtlichen Grauzone vorgenommen. Sie finden entweder mit Zustimmung der betroffenen Frau statt oder - im Falle sogenannter "einwilligungsunfähiger" Frauen - über die Genehmigung des Vormundschaftsgerichts auf der Grundlage von zwei befürwortenden Gutachten (wohl zumeist auf Betreiben der Eltern). Oftmals willigen die betroffenen Frauen aus dem Glauben in ein Sterilisation ein, sie könnten durch diesen Eingriff eine (zukünftige) Vergewaltigung verhindern. Die Sterilisation verhindert eine Schwangerschaft, nicht aber (weitere) Vergewaltigungen und die Infizierung mit Geschlechtskrankheiten und dem Aidsvirus. Das sollten Verantwortliche unbedingt bedenken!

In der Erwachsenenbildung der Lebenshilfe Tübingen e.V. finden Frauenseminare und Frauen-Wochenenden großen Anklang (Themen: weibliche Sexualität, Fragen der Verhütung, Selbstbehauptung, vor allem Körperarbeit und Entspannung). Uber Mädchen- und Jungenarbeit werden mit geschlechterdifferenzierenden Ansätzen Körpererfahrungen mit "Nähe und Distanz" erprobt.

Die Initiativen und entwickelten Zugänge resultieren freilich aus dem persönlichen und frauenpolitischen Engagement einzelner Frauen! Multiplikatorinnen. Ihre Aufrechterhaltung ist somit von deren "Weitermachen" abhängig. Geschlechterdifferenzierende Inhalte und Arbeitsansätze haben noch keinen selbstverständlichen Platz in Einrichtungen der Behindertenhilfe und in ambulanten Diensten. Öffentliche Gesundheitsangebote und Selbsthilfestrukturen von (nichtbehinderten) Frauen haben von sich aus noch keine Zugänge für Mädchen und Frauen mit sogenannter geistiger Behinderung geschaffen. Strukturelle Verankerungen stehen also an.

Anmerkungen:
1) Von der Zuschreibung betroffene Frauen schätzen sich selbst meist nicht als "geistig" behindert ein, deshalb wird hier von "sogenannter" geistiger Behinderung gesprochen.
2) Die Frauen leben vor allem in Heimen, Außenwohngruppen und Herkunftsfamilien. Sie arbeiten in WfB's oder in Betrieben auf dem allgemeinen Arbeitsmarkt.
3) Der "Multiplikatorinnen-Treff Tübingen ist ein regionales außerinstitutionelles Netzwerk von Professionellen. Der Zusammenschluss entstand im Jahre 1991 zur Lobbybildung und Verbesserung der Situation von Frauen und Mädchen mit sogenannter geistiger Behinderung in der Region Tübingen -Reutlingen.
4) Die Interviews fanden im Rahmen eines beruflichen Eingliederungsprojektes statt. Die befragten Frauen thematisierten von sich aus erfahrene sexistische Gewalt in ihrer biographischen Vergangenheit und Gegenwart. Schilderungen über sexistische Ubergriffe in WfB's und in Betrieben kamen auffallend häufig vor.

aus: info - informationsblatt bundesorganisationsstelle behinderte frauen
nr. 9 / märz 2002 seite 7


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