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Überblick: psychische Behinderung



Frauen mit psychischen Behinderungen

Bettina Köchling

Nach offiziellen Schätzungen gehen 4-8 Millionen Menschen in der BRD, jeder 7. Mann und jede 3. Frau, insgesamt 1/4 der Bevölkerung, wegen vorwiegend psychischer Beschwerden zum Arzt oder zur Ärztin.(1) Nach den Diagnosen von Ärzten und Ärztinnen (Mehrfachdiagnosen durch unterschiedliche medizinische Fachrichtungen eingeschlossen) leidet im bundesrepublikanischen Durchschnitt jede Frau an einer Neurose, Depression oder deren Vorstadien. (2)

Diese Vorstellung ist erschreckend. Sie zeigt, wie groß die seelische Not von Frauen ist. Dass Frauen besonders oft von psychischen Erkrankungen betroffen sind, wird durch den Frauenanteil in der Psychiatrie deutlich. Dort finden sich doppelt so viele Frauen wie Männer. 80% dieser Frauen haben Missbrauchs- und/oder Gewalterfahrung. Das oder die Trauma(ta) sind durchgängig geprägt von Gefühlen des Ausgeliefertseins, der Macht- und Hilflosigkeit, der Angst/Panik und Scham. In der Psychiatrie treffen diese Frauen dann oft auf Strukturen, die ähnliche Gefühle auslösen. Häufig wird das Stationsklima, trotz deren zahlenmäßiger Unterlegenheit - von männlichen Patienten bestimmt. In der Psychiatrie gibt es selten eine Intimsphäre, selbst die Toiletten sind in einigen Einrichtungen nicht abschließbar. Somit sind sexualisierte Übergriffe jederzeit möglich und kommen häufig vor.

Was sind psychische Erkrankungen?

Psychische Erkrankungen sind sicher nicht genauso "logisch" zu erklären, wie körperliche Erkrankungen. Über "Ursache" und "Wirkung" lässt sich noch weit besser spekulieren. In jedem Fall gibt es jedoch Veränderungen der Gefühle, der Wahrnehmung und des Verhaltens, der Arbeitsfähigkeit und der Fähigkeit, den Alltag zu bewältigen. Die Fähigkeit, soziale Kontakte herzustellen bzw. aufrecht zu erhalten, ist meist eingeschränkt. Dies muss nicht alles zutreffen und kann verschieden stark ausgeprägt sein. Viele körperliche Erscheinungen und Krankheiten sind die Folge solcher Beeinträchtigungen. Umgekehrt können selbstverständlich psychische Erkrankungen Folgen von körperlichen Behinderungen sein.

Eine Vererbungstheorie ist immer wieder im (medizinisch-pharmazeutischen) Gespräch. Die Frage bei einer Anamnese nach "Geisteskrankheiten" in der Familie ist - wissenschaftlich gesehen - unbegründet, zementiert aber den Selbstvorwurf, der "kranke Keim" läge in uns, den psychisch Erkrankten.

Dabei entsprechen viele Frauen mit psychischer Erkrankung gar nicht den landläufigen Vorstellungen der "Verrückten". Gerade Frauen, die ihre "Funktionsfähigkeit" beweisen müssen - obwohl sie schon längst überfordert sind - haben große Angst vor Kontrollverlust. Das bedeutet sowohl den Zwang, sich selbst in der Öffentlichkeit immer "fest im Griff" zu haben - so entsteht das Bild einer sehr disziplinierten, überlegten, souveränen, etwas steifen, tendenziell hochnäsigen Frau. Es bedeutet aber auch die Notwendigkeit, Situationen einschätzbar und damit kontrollierbarer zu machen. Das heißt: Genauer Lageplan des Ortes, wie z.B. Ein- und Ausgänge, dann folgt ein akribisches Studium aller Anwesenden, alles muss gehört, gesehen, jede Regung bemerkt werden. Dabei kann häufig nicht "gefiltert" werden, es wird jedes Detail beachtet. Hintergrund ist die Erfahrung, dass es (lebens-)gefährlich ist, wenn etwas außer Kontrolle gerät. Diese Reizüberflutung - gekoppelt mit der ständigen Alarmbereitschaft - führt schnell zur Überforderung. Deren Folge können wiederum Selbstverletzungen, Schlafstörungen, völliger Rückzug etc. sein. "Schlafstörung" hört sich so harmlos an, ist aber bei psychisch kranken Menschen häufig die Ouvertüre einer schweren Krise.

Der Anspruch, das alles niemandem zu zeigen, sondern zu beweisen, dass wir "funktionsfähig" sind, ist bei Frauen sehr hoch. So verlassen viele nur das Haus, wenn sie sich ihrer sicher sind - und verausgaben sich völlig, weil ein "Ich kann nicht mehr" nicht gelernt, erhört, geglaubt und erlaubt ist bzw. wird.

Dieses "Sich-und-anderen-beweisen-müssen", dass wir leistungsfähig und somit "normal" sind, haben Menschen mit den unterschiedlichsten Behinderungen gemeinsam. Doch während gerade auch Frauen mit offensichtlichen Behinderungen oft dafür kämpfen, dass ihnen überhaupt irgend etwas zugetraut wird, müssen Frauen mit psychischen Behinderungen um die Akzeptanz ringen, nicht alles selbstverständlich Geforderte leisten zu können.

Menschen mit einer anhaltenden psychischen Erkrankung werden eher selten zu der Gruppe der "Behinderten" dazu gezählt. Sie empfinden sich selbst auch meist als krank -und somit therapierbar - und nicht als behindert. Die Möglichkeit, auf Dauer behindert zu sein, muss erst einmal in das Bewusstsein psychisch kranker Menschen gelangen. Die Erkenntnis "Das ist (m)eine Behinderung" kann für viele der entscheidende Schritt sein im Sinne einer ungeheuren Entlastung und der Freude, sich wieder auf eine Gegenwart und sogar Zukunft konzentrieren zu können.

Anmerkungen:
1) Langbein, M., Weiss: Bittere Pillen, 1996, S. 85
2) so., 8. 86 ff
aus: info - informationsblatt der bundesorganisationsstelle behinderte frauen
nr. 9 / märz 2002; seite 7


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