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Überblick: behinderte Frauen und Gesundheit



Behinderte Frauen und Gesundheit

von Gisela Hermes

Aufgrund ihrer körperlichen Einschränkungen und/oder Beschwerden werden Menschen mit Behinderung besonders häufig mit unserem Gesundheitssystem und einem vorherrschenden Gesundheitsbegriff konfrontiert, der Behinderung als ein rein individuelles medizinisches Problem definiert. Krankheit und Behinderung werden automatisch gleichgesetzt, mit der Folge, dass Menschen mit Behinderung häufig in die Rolle des passiven Leidenden gedrängt werden, der hilflos, abhängig und nicht entscheidungsfähig ist. Diese Sichtweise hat weitreichende Folgen auch für ihr tägliches Leben. Selten werden behinderte Menschen nach ihren Bedürfnissen gefragt, und ihre Lebensbedingungen werden ihnen noch immer "verordnet".

Behinderung ist jedoch kein rein medizinisches, sondern auch ein politisches Problem. In der Bundespolitik setzt sich dieser Perspektivenwechsel mehr und mehr durch, was sich an Gesetzen wie dem SGB IX und an Gesetzesvorhaben wie den beiden geplanten Gleichstellungsgesetzen für Behinderte zeigt. Diese sollen zum Abbau von gesellschaftlichen Barrieren und Diskriminierungen beitragen.

Auswirkung der medizinischen Sichtweise von Behinderung auf behinderte Mädchen und Frauen In der Medizin ist die Sicht auf den behinderten Menschen entscheidend für das Behandlungskonzept und die angewandten Methoden. Die Geschichte der Medizin ist durchgängig von dem Wunsch nach Gesundheit und Unversehrtheit geprägt. Ihre Zuspitzung findet diese Vorstellung in der zur Zeit geführten Bioethik - Debatte, "in der das individuelle Lebensrecht unter Bedingungen gestellt (...) wird."(1)

Schon früh werden behinderte Mädchen mit den gesellschaftlichen Vorstellungen von körperlicher Unversehrtheit und Schönheit konfrontiert. Sie erleben häufig, dass Familienangehörige, Therapeuten und Ärzte ihr Anderssein als "Defizit" sehen. Statt die individuellen Fähigkeiten der betroffenen Mädchen zu betonen und zu fördern werden ihre "Mängel" in den Vordergrund gestellt. Medizinische Behandlungen haben deshalb meistens als Ziel, körperliche Einschränkungen durch Operationen, orthopädische Hilfsmittel, Therapien und Trainings möglichst zu beseitigen.

Gerade auf der therapeutischen Ebene wurden in den vergangenen Jahren eine Vielzahl an differenzierten Angeboten entwickelt wie z.B. "Krankengymnastik für körperbehinderte, Mobilitätstraining für blinde oder sehbehinderte, Lautsprachetraining für gehörlose, Selbstständigkeitstraining für sogenannt geistig behinderte Mädchen und Frauen."(2) Für kranke Menschen bedeutet die Therapie des derzeitigen Gesundheitszustandes oft eine Verbesserung ihrer Lebenssituation. Frauen mit einer Behinderung, einer dauerhaften, nicht vorübergehenden körperlichen Funktionseinschränkung, erleben diese Maßnahmen jedoch häufig als Ablehnung ihres Andersseins. Sie haben das Gefühl, dass ihre körperlichen Bedingungen negativ bewertet werden. Häufig geht es bei medizinischen Maßnahmen nicht nur um die Beseitigung einer körperlichen Einschränkung sondern auch, so Brigitte Faber vom Weibernetz e.V. "um die Angleichung des äußeren Erscheinungsbildes an die Normalität. So scheint eine wenn auch mühsame Fortbewegung an Krücken erstrebenswerter als eine behende Fahrt im Rollstuhl, die Nutzung von Armprothesen erstrebenswerter als das Nutzen der Füße zum Essen oder Tippen, das Erlernen der Lautsprache erstrebenswerter als die Aneignung anderer Kommunikationsformen."(3)

Schon für nichtbehinderte Frauen ist es schwer, die Ideale von körperlicher Unversehrtheit und Schönheit zu erreichen, Frauen mit Behinderung haben dagegen kaum eine Chance diese zu erfüllen. Durch das vermittelte Gefühl, ihr Körper sei nicht akzeptabel und müsse immer wieder durch medizinische und therapeutische Maßnahmen verbessert werden, leiden ihr Körperbewusstsein und Selbstwertgefühl.

Nicht ihre Weiblichkeit sondern die Behinderung steht meist im Blickpunkt aller Maßnahmen und Aktivitäten. Aus diesem Grund erhalten behinderte Mädchen und junge Frauen selten Unterstützung bei der Entwicklung einer weiblichen Identität. In der Regel haben sie deshalb wenig Informationen über ihren weiblichen Körper, über Sexualität, über Verhütung, Schwangerschaft und Wechseljahre.

Da Behinderung häufig mit Unattraktivität, Abhängigkeit und Geschlechtslosigkeit verbunden wird, erleben behinderte Mädchen und Frauen, dass ihr Umfeld ihnen vermittelt, Sexualität und Partnerschaft würden für sie kaum in Frage kommen. Diese Vorurteile haben sie häufig selbst verinnerlicht und viele Frauen können sich selbst nicht vorstellen, dass eine zufriedenstellende Partnerschaft für sie möglich ist. Ihr angeschlagenes Selbstwertgefühl hat oft insgesamt negative Auswirkungen auf ihre Möglichkeiten, das Leben aktiv in die Hand zu nehmen und selbstbestimmt zu leben.

In den vergangenen Jahren erkannten einige Netzwerke und Projekte behinderter Frauen die Notwendigkeit, betroffene Frauen in ihrem Selbstwert- und Körpergefühl positiv zu bestärken. Ein gutes Selbstwertgefühl bietet die Grundlage dafür, eigene Bedürfnisse zu erkennen, sie zu formulieren und sich für ein selbstbestimmtes Leben einzusetzen. Deshalb werden von Selbsthilfeinitiativen verstärkt Kurse für behinderte Mädchen und Frauen angeboten, die darauf ausgerichtet sind, die Entwicklung eines positiven Selbstwert- und Körpergefühls zu unterstützen. Auch in Sondereinrichtungen sind solche Angebote inzwischen immer häufiger zu finden.

Dagegen finden behinderte Mädchen und Frauen noch immer wenig Berücksichtigung in allgemeinen Unterstützungsprojekten für Frauen. Eine telefonische Umfrage bei zehn Frauengesundheitszentren ergab, dass sich behinderte Frauen selten von deren allgemeinen Angeboten angesprochen fühlen. Ein Grund hierfür sind sicherlich räumliche Barrieren, die in fast allen Zentren bestehen. Aber auch wenn die Angebote zugänglich sind, werden sie jedoch kaum von behinderten Frauen nachgefragt. Die Mitarbeiterin eines Frauengesundheitszentrums vermutet als Grund, dass sich behinderte Frauen selbst in erster Linie über ihre Behinderung und seltener über ihr Frau-Sein definieren. Deshalb sind sie eher in allgemeinen Selbsthilfe-gruppen behinderter Menschen zu finden, in denen sie sich über ihre Behinderung austauschen. Erst wenn Beratungsangebote und Kurse speziell auf behinderte Frauen zugeschnitten sind und die Mitarbeiterinnen direkt auf sie zugehen, wächst das Interesse. Die Selbsthilfefähigkeit und das Selbstbewusstsein behinderter Mädchen und Frauen stärker zu fördern, würde auch die Förderung ihrer Gesundheit bedeuten.

Behinderte Frauen in der Gynäkologie

Die verbreitete Sichtweise, Behinderung sei ein individuelles, medizinisches Problem hat umfassende Auswirkungen für betroffene Frauen. Sie stoßen immer wieder auf Barrieren, wenn sie Gesundheitsangebote wahrnehmen wollen. An Beratungsstellen und Selbsthilfegruppen werden häufig Beschwerden behinderter Frauen herangetragen, dass bereits der Gang oder die Fahrt zum Gynäkologen mit besonderen Hindernissen verbunden ist. Die Liste der beschriebenen Barrieren ist groß. Aufgrund baulicher Hindernisse sind Praxisräume oft gar nicht erst erreichbar, meist ist ein zu schmaler Türeingang, ein fehlender Aufzug oder Behindertenparkplatz einer Praxis schon das erste Hindernis für körperbehinderte Frauen, einen Arzt aufzusuchen. Die Wartezimmer und die Untersuchungsräume sind oft zu eng, um sich mit dem Rollstuhl darin bewegen zu können und Behindertentoiletten fehlen. Viele Frauen mit Behinderung berichten, dass sie sich in ihrer freien Arztwahl eingeschränkt fühlen, da sie ihre Ärztinnen oder Arzte nicht nach Fachlichkeit und Sympathie aussuchen können, sondern danach entscheiden müssen, welche Arztpraxis überhaupt für sie zugänglich ist.

Dass auch Entbindungskliniken selten auf die Bedürfnisse behinderter Frauen eingerichtet sind, haben behinderte Mütter in Einzelberichten und auf Tagungen behinderter Eltern immer wieder bemängelt. So fehlen oftmals zugängliche Toiletten für Rollstuhlbenutzerinnen, und Kinderbetten sowie Wickeltische sind häufig zu hoch, um das Baby selber versorgen zu können. Behinderte Mütter müssen sich daher bei Krankenhausaufenthalten häufig mit behindernden Gegebenheiten abfinden, die ihnen viel von der Selbständigkeit nehmen, die sie zu Hause haben. Möglicherweise ist hier jedoch eine Verbesserung in Sicht: Im "Diskussionsentwurf eines Gesetzes zur Verhinderung von Diskriminierungen im Zivilrecht", der im Dezember 2001 vom BMJ (Bundesministerium für Justiz) vorgelegt wurde, wird die Regelung von "zumutbaren Anpassungen" für die Zugänglichkeit privater Dienstleistungen vorgeschlagen, zu denen auch Arztpraxen gehören.

Ein besonderes Problem stellen die eingeschränkten Kommunikationsmöglichkeiten für gehörlose Frauen mit Ärztinnen und Ärzten dar. In der Studie "gehörlose Frauen 95" wird festgestellt, dass 58,3 %‚ der in einer Fragebogenaktion befragten, gehörlosen Frauen Kinder haben. Darin heißt es: "Es ist ein trauriges Ergebnis für gehörlose Frauen, wenn man hier feststellen muß, daß fast 40% über die Schwangerschaft nicht aufgeklärt sind. Noch schlimmer ist die Situation während der Geburt. 49,3% der gehörlosen Frauen können die Arzte während des Geburtsvorganges nur etwas und 8,6% gar nicht verstehen!"(4)

Hier wurde bereits eine gesetzliche Verbesserung geschaffen. Seit dem 01.06.2001 haben alle Sozialleistungsträger, hierzu gehören auch die Krankenkassen, die Pflicht gehörlosen Menschen bei der Gewährung von Sozialleistungen Gebärdensprachdolmetscher zur Verfügung zu stellen.(5) Gehörlose Frauen können hiervon u.a. Gebrauch machen, wenn sie zur (Frauen) Ärztin oder in die Klinik gehen.

Aber auch Erfahrungen mit Vorurteilen oder abwertenden Bemerkungen halten viele Frauen mit Behinderung vom Arztbesuch ab. Oft haben sie den Eindruck, dass sie in ihrem Frau-Sein nicht wahrgenommen werden. So wird immer wieder berichtet, dass Gynäkologinnen und Gynäkologen selten inhaltlich auf die Situation von Mädchen und Frauen mit Behinderung vorbereitet sind. Dinah Radtke, die seit vielen Jahren in einer Beratungsstelle für behinderte Menschen arbeitet, schreibt über ihre Erfahrungen: Die Ärztinnen und Ärzte "haben kaum Wissen über verschiedene Krankheitsverläufe und gynäkologische Probleme. So kann es vorkommen, dass GynäkologInnen bei einer extremen Skoliose glauben, einen Tumor zu tasten, doch in Wirklichkeit die Wirbelsäule fühlen."(6) Zudem steht bisher wenig Wissen über die Wirkung von Verhütungsmitteln auf bestimmte Behinderungen wie z.B. Muskelkrankheiten, Ataxien, Multipler Sklerose zur Verfügung.

Vor allem Frauen mit körperlicher oder geistiger Einschränkung berichten, dass die zu knapp bemessene Untersuchungszeit ein Problem für sie darstellt, weil sie mehr Zeit zum Umziehen benötigen. Manchmal dauert aufgrund der Behinderung auch die Anamnese oder die Untersuchungszeit länger. In Hektik geraten, kann es passieren, dass sich Frauen mit Spastik oder Muskelerkrankungen extrem verspannen und eine Untersuchung unmöglich gemacht wird.

Da behinderte Frauen in der Gynäkologieausbildung weder als Patientinnen noch als Gebärende vorkommen, besteht oft Unsicherheit, wenn eine behinderte Frau in die Praxis kommt. Schwangerschaftsabbruch oder sogar Sterilisation werden Frauen mit Behinderung schnell angeboten. In der Studie LIVE des BMFSFJ wird festgestellt: "Für Frauen mit Behinderung ist es keine Ausnahme, daß Ärzte und Ärztinnen ihnen eine Sterilisation als Verhütungsmethode empfehlen."(7)

Nur wenige Ärztinnen und Ärzte haben umfassende Informationen über die Auswirkungen von Schwangerschaft und Geburt bei behinderten Frauen. Hier könnte Abhilfe geschaffen werden, wenn die reguläre Medizin-Ausbildung um den Themenkomplex "Frauen mit Behinderungen" erweitert würde. Oft haben zudem Selbsthilfegruppen ein enormes Fachwissen über die Auswirkungen und Behandlung einer speziellen Behinderung. Im Zweifelsfall können sich Ärztinnen und Ärzte hier informieren.

Wie eine fruchtbare Zusammenarbeit zwischen Medizinerinnen und Medizinern sowie Selbsthilfegruppen aussehen kann, zeigt seit mehreren Jahren das Kooperationsprojekt "Gynäkologische Sprechstunde für behinderte Frauen" von Pro Familia Frankfurt und dem Selbsthilfeverein CeBeeF. Durch spezielle gynäkologische Sprechzeiten für behinderte Frauen, in denen genügend Zeit für die Untersuchung eingeplant ist, durch zugängliche Praxisräume, eine verstellbare Untersuchungsliege und Ärztinnen, die sich bei speziellen Fragen zur Behinderung bei der Selbsthilfegruppe informieren, soll der Zugang behinderter Frauen zur Gynäkologie aktiv verbessert werden. Dieses Angebot, das jährlich von über 100 behinderten Frauen in Frankfurt wahrgenommen wird, soll Ihnen im folgenden vorgestellt werden.

Anmerkungen:
1) Andrea Fischer: Medizin und Markt, Fortschritt und Gefahr - Quo vadis Psychiatrie? In: Fraktion Bündnis90/DIE GRUNEN im Dt. Bundestag: Infodienst Behindertenpolitik, Ausgabe 7; Januar 2002
2) Brigitte Faber: Die Auswirkungen von Therapien und Trainings auf das Selbstverständnis behinderter Frauen. In: Hermes, G.; Faber, B.: Mit Stock, Tick und Prothese. Das Grundlagenbuch zur Beratung behinderter Frauen. Kassel 2001
3) ebda.
4) Deutscher Gehörlosen-Bund e.V. (Hg.): Gehörlose Frauen 95. Dokumentation einer bundesweiten fragebogenaktion zur situation gehörIoser frauen in deutschland. Kiel 1996, S. 27
5) siehe Julia Zinsmeister: Die Rechte behinderter Mütter in "info" Nr. 8, Dez. 2001
6) Dinah Radtke: Gynäkologische Probleme. In: Hermes, G.; Faber, B.: Mit Stock, Tick und Prothese. Das Grundlagenbuch zur Beratung behinderter Frauen. Kassel 2001
7) BMFSFJ (Hg.): LIVE. Leben und Interessen vertreten - Frauen mit Behinderung. Lebenslagen, Bedarfslagen und Interessenvertretung von Frauen mit Körper- und Sinnesbehinderungen. Stuttgart; Berlin; Köln 2000, S. 237

aus: info - informationsblatt der bundesorganisationsstelle behinderte frauen
nr. 9 märz 2002 seite 1


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