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Überblick: Behinderung im aktuellen Kinder- und Jugendbuch



Mädchen mit Behinderung und chronischer Krankheit im aktuellen Kinder- und Jugendbuch

von Hedwig Kaster-Bieker

Es ist bekannt, dass Kinder, denen vorgelesen wird, und die später selbst lesen, ihren Horizont erweitern und sensibler für andere Menschen und Lebensweisen werden. Deshalb ist es begrüßenswert, dass seit etwa Anfang der 70er Jahre Themen, von denen man lange annahm, sie seien Heranwachsenden nicht zuzumuten, allmählich Einzug in das Kinder- und Jugendbuch gehalten haben. Zunehmend spiegelt sich auch hier die Realität, sachlich und ungeschönt, wider.

Man hat jedoch auch erkannt, dass Literatur mehr ist als Sozialreportage - sie darf nicht nur belehrend sein, nein, sie muss, um überhaupt zur Kenntnis genommen zu werden, in erster Linie gut unterhalten. Nichts stört den Leser und die Leserin mehr, als der didaktisch erhobene Zeigefinger. Will ein Autor oder eine Autorin eine "Botschaft" mit einem Buch aussenden, muss diese geschickt verpackt werden. Im deutschsprachigen Raum haben mehrere renommierte Jugendbuchautoren und -autorinnen Behinderungen und chronische Krankheiten bei Kindern als Thema aufgegriffen. Den Anfang machten mehrere mittlerweile zu "Klassikern" gewordene Bücher - sie stehen auf Lektüreplänen im Deutschunterricht! - von Peter Härtling, Max von der Grün und Mirjam Pressler, sowie Cordula Zickgrafs. Mit einem Bein im Leben. Im letztgenannten, 1991 erschienenen Buch hat ein junges, sportliches Mädchen bei einem Unfall ein Bein verloren. Die Autorin schildert sehr realistisch, wie sich alle an das neue Leben mit dem "Beinstumpf" gewöhnen müssen. Streckenweise wird in diesem frühen realistischen Buch zum Thema Mädchen mit Behinderung noch zu viel psychologisiert. Ein wenig penetrant ist auch der häufige Hinweis auf das "Damit-fertig-werden-müssen", als könne man je mit einer solchen Behinderung "fertig werden" und sie dann sozusagen ad acta legen. Positiv bleibt jedoch festzuhalten: Ein Anfang ist gemacht. Mädchen mit Behinderungen werden ernst genommen, sind nicht mehr ausschließlich - man denke an die gelähmte Klara in Johanna Spyris berühmtem Klassiker Heidi von 1880 - Gegenstand des allgemeinen Mitleides.

Fahndet man in den Neuerscheinungen der letzten Jahre etwas genauer nach Büchern über behinderte Mädchen, kann man einige interessante Entdeckungen machen. Zunächst einmal: Es gibt sie häufiger als vermutet. Und zum zweiten: Es sind etliche sehr gute Bücher darunter, die mit diversen Literaturpreisen ausgezeichnet wurden. Der Schwede Henning Mankell beispielsweise, bekannt in erster Linie als Krimiautor, bekam 1999 für sein Jugendbuch Das Geheimnis des Feuers unter anderem den Katholischen Kinder- und Jugendbuchpreis. Mankell erzählt auf eindringliche Weise, wie einem Mädchen in Mosambik durch Landminen beide Beine abgerissen werden und wie sie mit dieser starken Beeinträchtigung ihren Platz in der Gesellschaft findet. Bereits für ganz kleine Kinder gibt es phantasievolle, gut gemachte Bilderbücher, die auf spielerisch-leichte Art etwas vom Anders- und gleichzeitig doch ganz Normalsein behinderter Menschen vermitteln. An erster Stelle zu nennen ist hier das in diesem Jahr wieder neu aufgelegte Buch Kathrin spricht mit den Augen von Kathrin Lemler und Stefan Gemmel. Aus der Perspektive eines schwer körperlich behinderten Mädchens erfährt man - unterstützt von anschaulichen Illustrationen -‚ was es bedeutet, sich nicht über die übliche Lautsprache mitteilen zu können.

Im Bilderbuch werden menschliche Probleme oft ins Tierreich verlegt, weshalb bei Büchern für Kinder im Vorschulalter selten geschlechtsspezifisch differenziert wird, d.h. der Hase auf Rädern oder der kleine Spatz kann Junge und Mädchen sein (siehe unten: "Empfehlenswerte Bilderbücher").

Interessante Bücher für Kinder von etwa 8 -11 Jahren, in denen behinderte Mädchen eine wichtige Rolle spielen, sind schon vor einigen Jahren erschienen. Dazu gehören Martina Dierks Rollstuhlprinzessin (1997), Moritz Gleitzmans Quasselstrippe (1998) über ein nicht sprechendes Mädchen und Heidi Hassenmüllers Kein Beinbruch (1999). Hier wird ein Mädchen mit sogenannter geistiger Behinderung allmählich von ihrem nicht behindertem Zwillingsbruder akzeptiert. Bei den Neuerscheinungen ab dem Jahr 2000 für Leser und Leserinnen ab ca. 13/14 Jahren gibt es mehrere sehr bemerkenswerte Bücher:

Der Fall Mary-Lou des Schweden Stefan Casta wurde 2001 mit der "Silbernen Feder" des "Deutschen Arztinnenbundes" * prämiert. In diesem Roman geht es sensibel und unsentimental um ein junges Mädchen, das seit zwei Jahren auf den Rollstuhl angewiesen ist. Alleine mit einem Freund, den sie noch aus der Zeit vor ihrem Unfall kennt, verbringt sie ein paar Ferienwochen in einem Sommerhaus am Meer. Beide lernen sich und den anderen besser kennen, doch verzichtet der Autor auf ein plattes Happy-End. Sehr vielschichtig ist der Roman von Martina Dierks Romeos Küsse. Ob sich die Autorin deshalb so gut in die Gefühlswelt eines fünfzehnjährigen Mädchens mit Spastik versetzen kann, weil ihre eigene Tochter mit dieser Behinderung lebt?

Gute Unterhaltung bietet das flott geschriebene Buch von Tor Seidler Das Geheimnis der Luft. Es handelt von einem couragierten Mädchen, das stottert. Unübersehbar bei Büchern für Jugendliche ist ein Trend, den es so leider auch in der Realität gibt: die Zunahme psychischer Probleme verschiedenster Art. Da gibt es magersüchtige Mädchen, etwa bei Heidi Hassenmüller Majas Macht und Moira Müllers Ich hatte Anorexie. Packend geschildert werden Mädchen mit Angstneurosen, beispielsweise von der Engländerin Rosie Rushton Wer hält mich, wenn ich falle? oder Verrückt vor Angst von Jana Frey die schon mit einigen "Problembüchern" Aufmerksamkeit erregte. Im jüngsten Werk aus ihrer Feder, Der verlorene Blick, schildert sie eine Heranwachsende, deren Augen bei einem Autounfall irreparabel geschädigt werden. Das Buch beschreibt vor allem die erste Zeit nah dem Unfall. Die 15-Jährige durchlebt extreme Gefühlsschwankungen, von Wut, Selbsthass und Depression bis zur allmählichen Annäherung und Akzeptanz der Tatsache, dass sie blind ist. Jana Freys Bücher sind aus Gesprächen mit betroffenen Mädchen entstanden, sie wirken überwiegend sehr überzeugend, doch leiden sie manchmal an einer Problemüberfrachtung und dem zwanghaft wirkenden guten Ausgang. Psychologisch eindringlich und gleichzeitig aus medizinischer Sicht sehr kompetent, schildert die Amerikanerin Terry Spencer Hesser in Tyrannen im Kopf was es bedeutet, an OCD zu leiden, einer sogenannten Zwangserkrankung.

Eine ganz andere Atmosphäre herrscht in Ruth Whites - ebenfalls Amerikanerin - Helle Sonne, dunkler Schatten: Poetisch und mit großem Mitgefühl erinnert sich eine Dreizehnjährige an ihre ältere Schwester, die unheilbar an Schizophrenie erkrankte.

Sehr spannend erzählt und sowohl thematisch als auch erzähltechnisch hochinteressant ist Adriana Sterns Buch Hannah und die Anderen. Die vielen Ich-Perspektiven entsprechen hier den verschiedenen Personen, die ein Mädchen mit Multipler Persönlichkeit in sich vereinigt. Auch das Thema der Euthanasie behinderter Menschen findet sich in Jugendbüchern wieder. Lois Lowrys Auf der Suche nach dem Blau ist ein sehr ernstes und auch umstrittenes Buch. Von manchen Rezensenten als zu deprimierend abgelehnt, wurde es von anderen hochgelobt und als "Buch des Monats" ausgezeichnet. In poetischer Form wird dargestellt, wie das Ausmerzen Arbeitsunfähiger eine brutale Zukunftswelt beherrscht, in der nur Außenseiter unter ihnen die hinkende Kira - ein wenig Humanität gerettet haben.

Ganz realistisch, ohne jede Beschönigung, greift ein anderes Buch die Themen Schwerstbehinderung und Euthanasie auf: Cornelia Kurth in Ein Jahr mit 90 Tagen. Gerade für behinderte LeserInnen dürfte dieses Buch "starker Tobak" sein, denn streckenweise artikuliert hier die 19-jährige Palma, eine Behindertenassistentin, unverblümt ihren Hass auf pflegebedürftige Menschen. Nur allmählich entwickelt sich bei dieser Figur eine humanere Einstellung.

Wie selbstverständlich Heranwachsende mit einem Handicap leben können, schildert dagegen Doris Meißner-Johannknecht in E-M@il in der Nacht. Durch einen besonderen Überraschungseffekt erfährt man erst am Schluss des Buches, dass die Hauptperson, die Farbige Rosanna, nicht laufen kann.

Nicht unerwähnt bleiben darf die neueste einfühlsame Biografie über Helen Keller, die in einem Jugendbuchverlag erschienen ist und vor allem die frühen Jahre der weltbekannten taubblinden Amerikanern schildert: Katja Behrens, Alles Sehen kommt von der Seele.

Fazit: Es lohnt sich, Bücher über Mädchen mit Behinderung und chronischer Krankheit zu lesen. Zwar wirkt - wie so oft im Jugendbuch -manches noch leicht geschönt und vielleicht auch zu optimistisch (die vielen verständnisvollen Eltern und Freunde!, die häufig zum Teil an den Haaren herbeigezogenen glücklichen Zufälle!), aber: Mädchen mit Behinderung werden als ganz "normale" Jugendliche erkannt - und auch ihnen wird zugestanden, sich zu verlieben, wütend zu sein, ratlos, traurig und lebensfroh.

Und ganz zum Schluss noch ein Buch, das niemanden kalt lassen dürfte: Gabor Steingast zeichnet in Die stumme Prinzessin die Geschichte der gehörlosen elfjährigen Danijela auf, die auf der Flucht aus Ex-Jugoslawien in einer Hamburger Obdachlosensiedlung gelandet ist. Das Buch ist ganz aus der Perspektive des Kindes erzählt und kann deshalb auch mühelos von Jugendlichen verstanden werden. Fesselnd geschrieben, sachlich und poetisch gleichermaßen, ist das Buch hervorragend geeignet, Vorurteile abzubauen. Danijela darf in Deutschland zum ersten Mal eine Schule für Gehörlose besuchen. Eine neue Welt eröffnet sich ihr. Diese Erfahrung wird zu einem wunderbaren Plädoyer für die Gebärdensprache:

"Diese Sprache ist wie Malen, nur ohne Farbe und ohne Papier, sie besteht aus feinen und groben Pinsel-strichen, die mit der Hand direkt in die Luft gezeichnet werden. Dieser Schleier, der sich so oft über die Dinge legt, der in meinem Leben vieles unklar und unscharf, manches komplett unverständlich gemacht hat, ist plötzlich wie weggerissen. Endlich habe ich eine klare Sicht..."

* Der Deutsche Ärztinnenbund zeichnet Kinder- und Jugendbücher aus, die sich im weitesten Sinne mit Gesundheit und Krankheit befassen.
Eine Dokumentation "25 Jahre Silberne Feder 1976-2001" kann gegen eine Schutzgebühr von 3 Euro plus Portokosten angefordert werden bei: Dr. Barbara von Korff Schmising, Königstr. 56, 53115 Bonn, Tel. 0228/327808, Fax: 0228/2424549; e-mail: bschmising @aol.com


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