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Überblick: Zur Situation von Mädchen mit Behinderung



Mädchen und junge Frauen mit Behinderung

von Franziska Swars

In diesem Artikel kann nur ein Ausschnitt zur Situation der Mädchen mit unterschiedlichen Behinderungen wiedergegeben werden. Es geht vorwiegend um Mädchen und junge Frauen mit körperlicher, Lern- oder sogenannter geistiger Behinderung -bzw. einer Mehrfachbehinderung.

Die Entwicklungen von Mädchen mit Behinderungen sind vom Umfang ihrer Beeinträchtigungen geprägt und davon, wie groß die Bereitschaft und die Fähigkeit des Umfeldes ist, sich auf ein Mädchen/eine junge Frau mit Behinderung einzustellen, und sie mit ihren Fähigkeiten zu akzeptieren. Gesellschaftliche Bedingungen und die Infrastruktur sind ebenso bestimmende Faktoren.

In ländlichen Gegenden sind meist weite Strecken zur Kontaktaufnahme mit Gleichaltrigen bzw. den Freundinnen und Freunden zu bewältigen. Dies bedeutet für Mädchen, die Assistenz benötigen, dass sie auf die Unterstützung der Familie angewiesen sind. Die Fahrtwege in die Sonderschulen sind in der Regel lang und der Alltag ist vom Hin- und Rückweg und langen Abwesenheiten vom sozialen Umfeld bestimmt. Mädchen und junge Frauen, die den ganzen Tag Sondereinrichtungen besuchen, müssen ihr soziales Umfeld meist in der Schule aufbauen.

Haben die Mädchen/jungen Frauen umfassendere Beeinträchtigungen, so sind sie oft in hohem Maß von dem abhängig, was ihre Eltern für sie bestimmen. Der Ablöseprozess von den Eltern ist durch deren offene oder abhängig machende Haltung geprägt. Oft beantragen Eltern die gesetzliche Betreuung, wenn ihre Tochter volljährig wird und meist wird sie ihnen auch zugesprochen. Die Erfahrung zeigt, dass eine gute Abklärung der Situation vor der Betreuung stattfinden sollte. Wenn junge Frauen mit Behinderungen von ihren Eltern als Hilfskraft genutzt, als "Dazuverdienst" durch das Pflegegeld oder als Gewaltobjekt missbraucht werden, so ist es für die Töchter fast unmöglich, sich diesen Umständen wieder zu entziehen, wenn den Eltern die Betreuungsrechte übertragen wurden.

Die Rechtslage zur Unterstützung behinderter Mädchen und junger Frauen Jugendlicher ist leider bis heute noch immer nicht eindeutig geregelt.

Im Ersten Kapitel des KJHG (Kinder und Jugendhilfegesetz oder auch SGB VIII), das für alle Kinder und Jugendlichen gilt, steht: "Jeder junge Mensch hat ein Recht auf Förderung seiner Entwicklung und auf Erziehung zu einer eigenverantwortlichen und gemeinschaftsfähigen Persönlichkeit" (§1 Absatz 1 KJHG). Das liest sich als wäre damit ist jedes junge Mädchen/Frau und jeder Junge/Mann gemeint. §9 des KJHG gibt zusätzlich vor, dass die Grundrichtung der Erziehung "Gleichberechtigung von Jungen und Mädchen" sein soll: "die unterschiedlichen Lebenslagen von Mädchen und Jungen sind zu berücksichtigen, Benachteiligungen abzubauen und die Gleichberechtigung von Mädchen und Jungen zu fördern." Im §10 Abs. 2 KJHG wird dann jedoch festgestellt, dass die Eingliederungshilfe des BSHG (Bundessozialhilfegesetzes) für Kinder und Jugendliche, die körperlich oder geistig behindert, oder von einer solchen Behinderung bedroht sind, Vorrang vor den Leistungen des KJHG haben.

Tatsächlich müssen die Leistungen des KJHG auch Mädchen und Jungen mit Behinderungen diesen Kindern und Jugendlichen in vollem Umfang zur Verfügung gestellt werden. Nur in wenigen Bereichen decken sich die Leistungen der Eingliederungshilfe mit der der Kinder- und Jugendhilfe.

Im Alltag wird jedoch deutlich, dass vor allem der §10 des KJHG im Hinblick auf behinderte Mädchen keine Berücksichtigung findet. Die Interessen von Mädchen und jungen Frauen mit Körper-, geistiger oder Mehrfachbehinderung werden in den Angeboten der Kinder- und Jugendhilfe nicht berücksichtigt, und bestehende Angebote sind nicht auf ihre Bedürfnisse ausgerichtet. Damit sind behinderten Mädchen die meisten Angebote für Beruf, Beratung und Wohnen der Jugendhilfe versperrt.

Die Folgen für Mädchen mit unterschiedlichen Behinderungen sind:

- Kaum Aufnahme in Schutzstellen für (nichtbehinderte) Mädchen, wenn sie Gewalt ausgesetzt sind;
- Kaum ein adäquates Angebot in Beratungsstellen, die ansonsten nichtbehinderte Mädchen/junge Frauen beraten;
- Kaum integrative Wohnangebote, während für nichtbehinderte Mädchen und junge Frauen ein recht breites Spektrum angeboten wird;
- Exotinnen in Freizeiteinrichtungen, die in großem Umfang für nichtbehinderte Kinder und Jugendliche zur Verfügung stehen;
- Exotinnen in den Angeboten der Mädchenarbeit (usw.)

In Zukunft können sich Mädchen/ junge Frauen mit Behinderungen, bzw. deren Eltern, eher stärker auf den Verbleib im sozialen Umfeld und die gemeinsame Erziehung mit nichtbehinderten Mädchen und Jungen Kindern berufen. Diese Möglichkeit wurde durch den § 4 Abs. 3 des SGB IX geschaffen, welches am 1. Juli 2001 in Kraft trat. Ob und welche Folgen dies hat, kann jedoch erst in einigen Jahren überprüft werden, da das Gesetz noch sehr neu ist - sicher werden einige Kämpfe nötig sein, um dieses Recht in der täglichen Praxis durchzusetzen.

Die Praxis der Nichtaussonderung und auch die gesellschaftlichen Normen verändern sich nur langsam, auch wenn immer wieder Ansätze und Gesetzesgrundlagen dafür entstehen. Mädchen und junge Erauen mit Behinderung und ihrem damit verbundenen Pflege- und Assistenzbedarf sind in hohem Maße von der Offenheit und dem Zusammenwirken verschiedener Einrichtungen abhängig. Grundlegende Veränderungen sind unverzichtbar. Es ist notwendig, dass sich die Sondeeinrichtungen mit den Standards zur geschlechtsspezifisch-differenzierten Arbeit auseinandersetzen, die im § 9 Abs. 3 KJHG vorgegeben sind. Sie sind gefordert die allge- meinen Diskussionen der Kinder- und Jugendhilfe, der Mädchenarbeit, zum Gender-Mainstreaming etc. aufzugreifen. Es müssen - analog zur Kinder- und Jugendhilfe - Standards diskutiert werden für die QuaIität der Arbeit, den Schutz vor Gwalt usw.. Die Kinder- und Jugendhilfe und die Einrichtungen der Behindertenhilfe sind gefordert, sich auszuzutauschen; die unterschiedlichen Schulen und Einrichtungen sollten sich stärker den anstehenden Diskussionen öffnen und zur Kooperation bereit sein.

Um Angebote auch für Mädchen/ junge Frauen mit Behinderung entsprechend ihren Wünschen und Bedürfnissen nutzbar zu machen, sind Ideen und Innovationen gefragt. Alle Angebote in den Bereichen der Kinder- und Jugendhilfe müssen daraufhin überprüft werden, was sie für Mädchen/junge Frauen mit Behinderung bieten bzw. ob sie diese einbeziehen. Solange die meisten Mädchen/jungen Frauen mit Behinderung in Sondereinrichtungen beschult und betreut werden, ist es wichtig, dass dort Angebote der Mädchenarbeit und auch der Schulsozialarbeit gemacht werden. Experimentierfreude und immer wieder neue kreative Ideen sind bei der Gestaltung solcher Angebote gefragt. Die Verankerung parteilicher Mädchenarbeit in der Schule, Veränderung der Komm-Struktur in der Kinder- und Jugendhilfe und ein Zugehen auf Sondereinrichtungen sind einige Möglichkeiten.

Die beruflichen Möglichkeiten sind für viele Mädchen und junge Frauen mit Behinderungen stark eingeschränkt. Dieses Wissen prägt die Zukunftsvorstellungen der Mädchen und jungen Frauen entscheidend. Für viele junge Frauen mit umfassenden Beeinträchtigungen ist der Weg in die Werkstatt für Behinderte (WfB) scheinbar automatisch der "richtige". Für eine wirklich gleichberechtigte Teilhabe am Leben ist es unabdingbar, dass die Integration von jungen Frauen in unterschiedlichen Bereichen des ersten Arbeitsmarktes vorangetrieben wird und neue Modelle zur beruflichen Integration entwickelt werden. Das Engagement aller, die am Prozess der Berufs- und Arbeitsfindung beteiligt sind, müsste dahin gehen, die Interessen und Berufswünsche der jungen Frauen stärker zu unterstützen und ihnen Alternativen zur WfB anzubieten. Für junge Frauen, die in der WfB arbeiten, müssen die dortigen Bedingungen frauengerechter gestaltet werden. Dazu gehören unter anderem Maßnahmen zum Schutz vor Gewalt. Durch das SGB IX wurden hierfür Grundlagen geschaffen - jetzt ist eine Umsetzung angesagt!

In den letzten Jahren lässt sich zunehmend eine positive Entwicklung verzeichnen. In vielen Städten erschließen sich vor allem körper- und sinnesbehinderte Mädchen und junge Frauen die "Welten", in denen Nichtbehinderte bisher unter sich waren. Sie besuchen verstärkt Regelschulen und Vereinzelte wagen sich in Jugendtreffs. Auch tauchen Angebote auf, die sich speziell an Mädchen mit Behinderung richten (so z.B. Mixed Pickles in Lübeck, Autonom Leben in Hamburg...). Die Integration behinderter Mädchen wird verstärkt in der Mädchen- und Jugendarbeit diskutiert, das WIE bleibt jedoch häufig offen. Es lässt sich eine größere Offenheit der nichtbehinderten Fachkräfte in der Kinder-und Jugendhilfe feststellen. Hier ist es hilfreich, wenn Fachfrauen mit Behinderungen den Austausch mit nichtbehinderten Pädagoginnen vertiefen und gemeinsame Modelle entwickeln.

Das Modellprojekt des Bundesverbandes für Körper- und Mehrfachbehinderte "Mittendrin" hat durch sein edie Begleitung von Fachfrauen und Mädchenangeboten, insbesondere den bundesweiten Mädchenkonferenzen, einiges bewegt. Mädchen und junge Frauen mit sehr unterschiedlichen Behinderungen konnten sich austauschen, haben ihre Power wahrgenommen und erlebt, dass sie nicht alleine sondern das viele sind.

Durch das Engagement einzelner Fachkräfte eröffnen sich für Mädchen mit Behinderungen in Sondereinrichtungen neue Möglichkeiten. Es entstehen Projekte in Jugendeinrichtungen, vereinzelt entwickeln sich Mischformen zwischen offener und schulischer Arbeit. Mädchengruppen in Schulen werden angeboten, die Strukturen werden immer öfter geschlechtsspezifisch differenziert reflektiert. Sexuelle, körperliche und seelische Gewalt an Mädchen und jungen Frauen mit unterschiedlichen Behinderungen wird immer häufiger thematisiert und Schutzmaßnahmen diskutiert, bzw. konkrete Hilfen angeboten. Rechtsanwältinnen werden sensibilisiert und bilden sich weiter.

Die Frage, wie kann Gesellschaft gestaltet werden, dass alle an einem gemeinsamen Leben Teil haben, steht zunehmend im Vordergrund derer, die Entscheidungen über Werdegänge und berufliche Laufbahnen treffen.

Die Frage, wie die Gesellschaft gestaltet werden muss, damit alle Menschen gleichberechtigt am Leben teilhaben können, steht zunehmend im Vordergrund derer, die Erntscheidungen über Werdegänge und berufliche Lauf bahnen behinderter junger Frauen treffen. Die Kämpfe von Frauen mit Behinderungen tragen langsam aber stetig dazu bei, dass Mädchen mit Behinderungen als Mädchen und junge Frauen wahrgenommen werden und nicht mehr nur ihre Behinderung im Vordergrund steht.

Es gelingt immer häufiger, dass Mädchen mit Körper- und Sinnesbehinderungen Regelschulen besuchen können. Diese Möglichkeit hängt jedoch von den Schulgesetzen des jeweiligen Bundeslandes ab. Nicht alle Länder verfolgen einen integrativen Ansatz, manche setzen weiterhin stark auf Aussonderung. Wenn Mädchen und junge Frauen mit Behinderungen fast ausschließlich unter Nichtbehinderten sind, dann muss es darum gehen, ihnen auch Möglichkeiten des Austausches und der Solidarität mit anderen Mädchen mit Behinderung zu ermöglichen. Hier sind vor allem erwachsene Frauen mit Behinderung mit ihrer Vorbildfunktion wichtig.

Durch die der Integration in die Regelschule wird behinderten Mädchen neben den besseren Berufschancen der selbstverständliche Umgang mit Gleichaltrigen ermöglicht. Gleichzeitig sollten sie durch den Kontakt zu anderen behinderten Menschen lernen, Solidarität untereinander zu üben und ihre eigenen Einschränkungen zu akzeptieren.

Die Entwicklungsmöglichkeiten und die Zukunftschancen für Mädchen und junge Frauen mit Behinderung sind von der Umgestaltung der Gesellschaft und der Einbeziehung ihrer Interessen abhängig. Die jungen Frauen können benötigen die Unterstützung von erwachsenen Frauen und Männern - mit und ohne Behinderung - um grundsätzliche Veränderungen für sich zu erkämpfen. Es wurden durch die politischen Forderungen und das Engagement der Frauen mit Behinderungen bereits einige Fortschritte erreicht. Erwachsenen Frauen mit und ohne Behinderungen sind gefordert, das, was Mädchen mit Behinderung an Bedürfnissen ausdrücken, ernst zu nehmen und sich verstärkt für die Jüngeren und deren Lebensbedingungen einzusetzen, dazu aufgefordert, sich noch stärker mit den Wünschen und den Bedürfnissen der Jüngeren und mit deren Lebensbedingungen auseinander- und sich für sie einzusetzenFür Forscherinnen sollte es zur Selbstverständlichkeit werden, zu prüfen, welche Relevanz ihre Fragen für das Leben von Mädchen und jungen Frauen mit unterschiedlichen Behinderungen haben. Nur so können wichtige Erkenntnisse gewonnen und Änderungsvorschläge entwickelt werden. In der nächsten Shell-Studie, zur Situation von Kindern und Jugendlichen, erwarten wir auch konkrete Aussagen über behinderte Mädchen und jungen Frauen. (und selbstverständlich auch Jungen)!

aus:
info- informationsblatt der bundesorganisationsstelle behinderte frauen
nr. 10 juni 2002 seite 1


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