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Schwangerschaftsberatung und Behinderung


Raum für Gefühle

Das Thema Behinderung ist mit sehr unterschiedlichen Vorstellungen und Ängsten behaftet, sagt Diplompädagogin Gabriele Frech. Sie berät Frauen beim Bremer Verein Cara.

Frankfurter Rundschau: Frau Frech, mit welchen Fragen rufen Frauen bei Ihnen an?

Gabriele Frech: Inzwischen wenden sich am häufigsten Frauen an Cara, die noch ganz am Anfang ihrer Schwangerschaft sind. Sie möchten genauere Informationen speziell zur Nackenfaltenmessung und zum Thema pränatale Diagnostik insgesamt. Andere haben bereits ein Unbehagen gegenüber der Diagnostik und suchen nach Unterstützung. Eine andere Gruppe möchte beispielsweise eine Fruchtwasseruntersuchung vornehmen lassen, ängstigt sich aber zugleich vor der Untersuchung und möchte Informationen zu den Untersuchungsrisiken.

Wie gehen Sie mit diesen Fragen um?

Wir informieren die Frauen über die verschiedenen Untersuchungen. Dieses ist eine notwendige Voraussetzung, damit Frauen die Diagnostik, deren Möglichkeiten, aber auch die Grenzen realistischer einschätzen können. Vielfach gehen Frauen von der Annahme aus, die Diagnostik könne ihnen sicher darüber Auskunft geben, ob ihr Kind eine Behinderung hat und wie stark diese ausgeprägt ist. Hier werden die Möglichkeiten überschätzt. Sie wissen auch nicht, dass etwa das Erst-Trimester-screening eine reine Risikoberechnung ist und keine Diagnostik. Immer mehr Frauen werden durch die Wahrscheinlichkeitsberechnungen mit einem auffälligen Ergebnis konfrontiert, das sich dann aber etwa durch eine Fruchtwasseruntersuchung nicht bestätigt.

Und wenn es doch bestätigt wird?

Dann sprechen wir mit den Frauen über den Befund. Wir lassen Raum und Zeit für die Gefühle, die durch die Befundmitteilung ausgelöst werden. Wir sprechen über Vorstellungen, Bilder zu dem Leben mit einem behinderten Kind. Wir stellen auch immer wieder fest, dass gerade das Thema Behinderung mit sehr unterschiedlichen Vorstellungen und Ängsten behaftet ist. Viele Frauen sagen etwa, ihr größte Angst sei, dass sie keinen Kontakt zu dem Kind aufnehmen könnten. Gerade bei Kindern mit Down-Syndrom (Trisomie 21) gibt es viele andere Erfahrungen. Und gerade bei Trisomie 21 gibt es ein gutes Netz an Unterstützung.

Bewerten Sie die Entscheidungen der Frauen?

Es entspricht nicht unserem Selbstverständnis, die Entscheidungen der Frauen zu bewerten. Unser Anliegen ist es, Frauen möglichst frühzeitig umfassend über die Diagnostik zu informieren und aufzuklären. In der Beratung ist es unser Ziel, Frauen Raum und Zeit zu geben, ihre Konflikte und ihre ambivalenten Gefühle wahrzunehmen, sie verstehen und einordnen zu können. Dies kann helfen, eine persönliche, tragfähige Entscheidung zu treffen.

Erhalten Sie auch Anrufe von Frauen, die ihre Schwangerschaft abgebrochen haben?

Das ist selten der Fall. Viele Frauen haben die Tendenz, sich zurück zu ziehen. Die Entscheidung gegen ein Kind ist oft mit Schuld und Trauer belastet, die erst wieder thematisiert wird, wenn Frauen sich innerlich stabiler fühlen. Oft werden sie mit dieser Last alleine gelassen, auch in der Klinik. Dann will sich keiner mehr mit den Frauen auseinander setzen, „wenn sie es doch selber gewollt haben". Die Erfahrung in der Beratung zeigt, dass es besonders wichtig ist, dass sich Frauen und Paare nach einer Befundmitteilung Zeit für eine Entscheidung nehmen und nicht unter Schock handeln.

Interview: Nathalie Heinke

Aus: FR vom 10. Mai 2005, S. 25


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