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Methoden der Pränataldiagnostik


Einblicke mit Folgen

Die Methoden der Pränataldiagnostik werden immer feiner - mit schwierigen Fragen für die Eltern

Von Nathalie Heinke

Ultraschall-Untersuchungen sind für werdende Mütter eine schöne Gelegenheit, ihr Kind zu betrachten. Was manche Schwangere nicht wissen: Gynäkologen sehen weitaus mehr als nur das Ungeborene - sie können auch mögliche Krankheiten sehen, auch die unheilbaren. Alle Untersuchungen, die während der Schwangerschaft an Mutter und Kind durchgeführt werden, fasst man unter dem Begriff der Pränataldiagnostik zusammen. Ihr Ziel: Die Suche nach kindlichen Fehlbildungen - im besten Fall, um eine geeignete Therapie für das Ungeborene zu im schlechtesten Fall, um die Schwangerschaft zu beenden.

Mit diesem Wissen aber gehen die wenigsten Schwangeren zur ersten Vorsorgeuntersuchung, auch Ersttrimesterscreening genannt. „Viele Frauen unterziehen sich den Untersuchungen, um bestätigt zu bekommen, dass ihr Kind gesund ist", weiß Margaretha Kurmann, Referentin der Arbeitsstelle Pränataldiagnostik/Reproduktionsmedizin beim Bundesverband Körper und Mehrfachbehinderte. „Tritt das Gegenteil ein, entsteht große Verunsicherung." Und: Nicht selten werden die schockierten Mütter mit den Ergebnissen alleine gelassen. Einfühlsame Gespräche und umfassende Aufklärung über die Aussagekraft der durchgeführten Tests: Fehlanzeige. Stattdessen wird den aufgewühlten Eltern geraten, weitergehende Untersuchungen durchführen zu lassen. Was viele werdende Eltern nicht wissen: Definitive Aussagen über die Gesundheit oder Krankheit ihres Kindes können Ärzte nicht geben. „Zwar können mit Hilfe des Ultraschalls, von Bluttests und etwa der Untersuchung des Fruchtwassers einige Krankheiten etwa Herzfehler, und Chromosomenstörungen erkannt werden, zahlreiche andere Krankheiten aber können bislang nicht nachgewiesen werden'~ weiß auch Professor Frank Louwen, Leiter des Schwerpunktes Geburtshilfe und Pränatalmedizin von der Frankfurter Universitätsklinik. Weil es bei weitem noch nicht für alle Krankheiten Tests gibt, suchen Ärzte nur nach nachweisbaren Fehlbildungen wie etwa Trisomie 21, einer der häufigsten Chromosomenschäden bei Ungeborenen.

Keine Sicherheit

Vor allem die erste Ultraschalluntersuchung, oft kombiniert mit Alter und Blutwerten der Schwangeren, gibt keine Sicherheit. Im Gegenteil: Tatsächlich wird nur die Wahrscheinlichkeit berechnet, die das Kind hat, diesen Chromosomenschaden aufzuweisen. Doch wie mit solchen statistischen Risikowerten umgehen? Schließlich beziehen sich die Werte auf eine große Anzahl von Personen, nicht aber auf die eine getestete Schwangere. Frank Louwen kennt das Problem nur zu gut. Um die Relation herzustellen, verändert der Geburtshelfer den Wert. „Die Wahrscheinlichkeit, dass eine 35-Jährige ein Kind zur Welt bringt, dass keine Trisomie 21 hat, liegt statistisch gesehen bei 99,4 Prozent. Das hört sich doch schon anders an", beruhigt er. „So sehr man auch drängt, die Ärzte sprechen immer nur von Wahrscheinlichkeiten, Garantien geben sie nicht", kritisiert ein betroffener Vater. Doch genau danach sehnen sich die verunsicherten Eltern. Wer mehr Sicherheit will, muss beispielsweise das Fruchtwasser untersuchen lassen. Und das geschieht immer häufiger: 1976 als die Kassen die Kosten für die Fruchtwasseruntersuchungen erstmals übernahmen, wurden 796 Punktionen gezählt, heute sind es etwa 80. 000 pro Jahr.

Doch selbst nach einer Fruchtwasseruntersuchung gibt es keine absolute Sicherheit, dass das Kind gesund zur Welt kommt. Schließlich können mit diesen Tests nicht alle Krankheiten nachgewiesen werden. Und: Etwa fünf Prozent aller Behinderungen entstehen vorgeburtlich, der größere Teil geschieht unter oder nach der Geburt' konstatiert Kurmann.

Ihre Kritik: „In der Schwangerschaftsvorsorge wird immer mehr das Risiko in den Vordergrund gerückt." Gemeinsam mit Ärzten, Hebammen, Frauenbeauftragten und anderen Organisationen hat der Bundesverband für Körper- und Mehrfachbehinderte deshalb eine Aufklärungskampagne mit dem Titel „Bitte nicht stören" ins Leben gerufen, die in Deutschland bereits in mehreren Städten lief. „95 Prozent aller Kinder kommen gesund auf die Welt. Den Frauen wird ein Blick auf die Schwangerschaft aufgezwungen, den sich selbst erst einmal nicht haben. Sie freuen sich über das Kind, die Pränataldiagnostik aber fokussiert die möglichen Behinderung des Ungeborenen' beklagt Margaretha Kurmann.

„Pränatale Diagnostik ist dort sinnvoll, wo das Leben oder die Ausgangssituation des Kindes verbessert werden kann, etwa bei Infektionen, Blutarmut oder anderen therapierbaren Krankheiten' stellt Louwen fest. Der Geburtshelfer ist sich dennoch über den Widerspruch bewusst: Diagnostiziert ein Arzt Entwicklungsstörungen beim Ungeborenen, ermöglicht das im besten Fall die Therapie des Kindes, im schlimmsten Fall das Ende der Schwangerschaft. Denn: „Per Gesetz steht das Lebensrecht des Ungeborenen neben dem Persönlichkeitsrecht der Frau." Für den Mediziner bedeutet das: Leben zu retten oder zu beenden, für die Schwangere bedeutet es, sich für oder gegen ein Kind zu entscheiden, das möglicherweise behindert ist. „Hauptaufgaben für uns Pränatalmediziner ist es deshalb aus meiner Sicht, einer Frau die Situation so ehrlich wie möglich zu schildern und andererseits sie über alle Möglichkeiten zu informieren", sagt Louwen. „Was gewinnt man mit den frühen Untersuchungen?" fragt Kurmann. Schließlich ließen sich nur die wenigsten Krankheiten im frühen Schwangerschaftsstadium behandeln. Gerade die Suche nach Fehlbildungen im ersten Schwangerschaftstrimester dient ihrer Ansicht nach deshalb der Selektion. Die Frühdiagnose kann auch in anderer Hinsicht sinnvoll sein, erklärt Louwen: „Je später sich eine Frau dazu entscheidet, die Schwangerschaft zu beenden, desto schwerer wird es in der Regel psychisch und psychisch." Kurmann hält dagegen: „Frauen die sich gegen ihr behindertes Kind entschieden haben, haben nicht selten Jahre später noch mit dieser Entscheidung zu kämpfen. Das wird oft verschwiegen." Sie fordert deshalb: „Frauen müssen über die Möglichkeiten der Pränataldiagnostik hinreichend aufgeklärt werden und zwar bevor sie durchgeführt wird, damit die Schwangeren wissen, auf was genau sie sich einlassen." Das ist in der Praxis aber oftmals nicht der Fall. Statt dessen werden die Frauen nach der Untersuchung mit den Ergebnissen konfrontiert. „Wann immer ich ein Kind anschaue, nur um zu sehen, ob es dem Kind gut geht, sehe ich als Pränataldiagnostiker auch mögliche Fehlbildungen. Die kann ich der Schwangeren schon rein rechtlich nicht vorenthalten", sagt Louwen. Und: Ärzte, die ihre Patientinnen nicht über mögliche Schäden des Kindes aufklären oder diese übersehen, können verklagt werden.

Zu Schmerzensgeld verurteilt

Eine Ärztin, die bei einer Ultraschalluntersuchung eine schwere Missbildung übersehen hatte, wurde erst kürzlich in Deutschland dazu verurteilt 10 000 Euro Schmerzensgeld zu zahlen. Solche Urteile bringen Ärzte in Zugzwang. Beratung tut also Not. Anders aber als die Tests, bringt das Gespräch mit den Schwangeren einem Arzt kein Geld. „Wer aber eine Schwangere in Notsituationen gründlich beraten möchte, braucht viel Zeit", weiß Louwen aus Erfahrung. „Der Prozess, bis es zur Entscheidung kommt, kann über Tage und Wochen gehen."

Neun von zehn Schwangeren, die den Befund Trisomie 21 erhalten, entscheiden sich für einen Abbruch, darauf verwies kürzlich die Wochenzeitung Die Zeit in einem Beitrag. „Frauen reparieren im Grunde über die Pränataldiagnostik ein gesellschaftliches Versorgungsdefizit' kritisiert Kurmann. „In Deutschland als berufstätige Mutter ein Kind aufzuziehen ist bereits schwierig. Kinder, die eine bestimmte Versorgung benötigen, fordern Paaren einen erhöhten Kraftaufwand ab." Das müsse geändert werden.

„Die Gesellschaft muss es Eltern mit behinderten Kinder möglich machen, diese erziehen zu können", verlangt auch Louwen. Er konstatiert: „Aus dem verständlichen Wunsch nach einem gesunden Kind lässt sich nicht das Recht auf ein gesundes Kind ableiten." Die Pränataldiagnostik fördere aber genau diese Sicht, moniert Kurmann. Schwangeren würde vermittelt: „Sieh zu, dass du kein pflegebedürftiges Kind hast. Dafür gibt es keinen Platz in der Gesellschaft." Das Problem werde letztendlich durch Abtreibungen gelöst, die über den Leib und die Seele von Frauen ausgetragen werden. Margaretha Kurmann: „Das ist ein gesellschaftspolitischer Skandal."

Aus FR vom 10. Mai 2005, S. 24 - 24


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