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Schwangerschaftsvorsorge


Die Angst geht um - Schattenseiten der Diagnostik

VON NATHALIE HEINKE

Die Zeit der guten Hoffnung wird Schwangerschaft auch genannt. Eine unbekümmerte Zeit, in der sich Schwangere, gemächlich mit ihrer neuen Lebenssituation vertraut machen können, erleben jedoch immer weniger Frauen. Einfach mal schwanger werden - das gilt fast als unanständig. So werden Frauen inzwischen mit einem immer größer werdenden Vorsorgeangebot konfrontiert, das sie bereitwillig in Anspruch nehmen. Das Ziel: Ein gesundes Kind. Prophylaktisch nehmen Frauen deshalb Jod und Folsäurepräparate noch vor, Eintreten der Schwangerschaft, kümmern sich um ausreichenden Impfschutz, geben das Rauchen auf, schwören sich eine mehrmonatige Abstinenz und lassen ihr Blut auf Toxoplasmose untersuchen.

Speiseplan wird umgestellt

Als ehrbare werdende Mütter sorgen sie für ausreichend Schaf und Bewegung und streichen pflichtschuldig und klaglos Dutzende Lebensmittel vom Speisezettel: Rohmilchprodukte, rohes und unzureichend gegartes Fleisch, Obst und Gemüse und roher Fisch, Salami und Rohschinken, Kaffee und dergleichen mehr. Inzwischen wird Frauen überdies dazu geraten, während der Schwangerschaft wöchentlich ihren vaginalen pH-Wert zu kontrollieren, um nach Hinweisen auf eine bakterielle Vaginose zu suchen, die dann medikamentös behandelt wird, steht sie doch im Verdacht, Auslöser von Fehl- und Frühgeburten zu sein. Hinzu kommen schließlich alle pränatalen Diagnoseverfahren von Ultraschall- bis Fruchtwasseruntersuchungen, die besonders Frauen jenseits der 34 Jahre - so genannten Risikoschwangeren nahe gelegt werden.

Nach Angaben des Berufsverbandes für Frauenärzte wird jedes siebte Baby in Deutschland inzwischen von einer Mutter über 35 Jahren geboren. Durchschnittlich bekommen Frauen ihr erstes Kind hierzulande erst mit 29 Jahren. Das höhere Alter einer Schwangeren aber spricht nicht gleichzeitig für eine erhöhte Komplikationsrat während der Schwangerschaft oder Geburt. Und obwohl die meisten erblichen und nicht erblichen Krankheiten der Kinder unbhängig vom Alter der Mutter sind und statistisch gesehen Chromosomenstörungen wie Trisomie 21 (Down-Syndrom) zwar an steigen, aber nicht sprunghaft ab dem 35. Lebensjahr, nehmen immer mehr Frauen da Angebot zusätzlicher Vorsorgeuntersuchungen wahr: „75 Prozent der schwangeren Frauen ab 35 Jahren machen von einer invasiven Diagnostik Gebrauch", berichtet,die Sozialwissenschaftlerin Johanna Pütz im Rahmen eines Vortrages zur Frauenforschung jüngst an der Berliner Humbold Universität.

Erst nach der zwölften Woche

Der Grund liegt auf der Hand: die Angst vor einem kranken Kind. Zugleich wird mit der pränatalen Diagnostik suggeriert, dass das Kind gesund wird, wenn die Schwangere nur alle Vorsorgeangebote annimmt. Schwangeren ihre Angst zu nehmen, hat die Bundesärztekammer als ein Ziel der Pränataldiagnostik definiert: „Die pränatale Diagnostik dient dazu, die Schwangere vor der Angst vor einem kranken oder behinderten Kind zu befreien." Das Gegenteil ist Realität: So ist es unter Schwangeren längs Usus geworden, ihre Schwangerschaft erst nach der zwölften Woche bekannt zu geben, zu einem Zeitpunkt also, in dem die Schwangerschaft als stabil gilt und erste Testergebnisse vorliegen.

Drei Prozent der Schwangeren werden nach Angaben von Johanna Pütz anhand dieser Diagnostik schließlich mit dem Vorhandensein von leichten bis schweren Fehlbildungen wie Extremitätenanomalien, Chromosomenstörungen und Herzfehlern konfrontiert. Wie sie mit diesem Ergebnis umgehen sollen? Eine Antwort darauf bleiben die Tests den Frauen schuldig.

aus: FR vom 10. Mai 2005, S. 24


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