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Krankheitssymptome und Geschlecht


Der kleine Unterschied

Frauen haben andere Symptome als Männer und benötigen spezielle Medikamente und Therapien

Von Robert Lücke

Hertha Sonnenschein würde nicht mehr leben, hätte nicht die junge Assistenzärztin in der Notaufnahme kurz überlegt und richtig gehandelt. Denn Sonnenschein klagte über ein starkes Brennen im Oberbauch, und der Notarzt hatte auf eine Magenerkrankung getippt. Es war aber ein Herzinfarkt.

„Bei Frauen sind Krankheitssymptome oft völlig anders als bei Männern' sagt der Kardiologe Professor Hartmut Gülker vom Klinikum Wuppertal. Auch die Behandlung ist häufig eine andere. Viele Männer werden heute mit Kathedern behandelt, mit denen die verstopften Arterien wieder freigeräumt werden, bei Frauen setze man oft nur auf gerinnselauflösende Medikamente oder Behandlung mit Schmerz- und Beruhigungsmitteln und Sauerstoff, die Verengung aber werde gar nicht beseitigt.

Todesursache: weiblich

240 000 Frauen starben im vergangenen Jahr an Herz- und Kreislauferkrankungen, hingegen nur 167 000 Männer. Während beim Männer-Infarkt der Brustkorb schmerzt, die Luft knapp und der linke Arm taub wird, klagen Frauen mit Herzinfarkt meist über allgemeines Schlappheitsgefühl und Oberbauchschmerzen. „Der erstbehandelnde Arzt kann dann harmlose Magenbeschwerden vermuten" sagt Gülker, die Mitglied der Enquete-Kommission des Landes Nordrhein-Westfalen zur Verbesserung der Frauengesundheit ist. Immer häufiger seien auch Frauen zwischen 25 und 35 Jahren betroffen, meist aus unteren sozialen Schichten, „wo das Bewusstsein für Risikovorsorge nicht so groß ist".

Aber auch Ärzte und Pharmahersteller hatten die Frauengesundheit bisher nicht im Blick: Untersuchungen über Infarktverläufe etwa wurden fast immer an Männern erhoben. Nur die wenigsten wissen, dass Frauen in vielen Fällen auch auf Medikamente ganz anders als Männer reagieren.

Die Pharmakologin Petra Thürmann ist bei Medikamenten und ihren Inhaltsstoffen eine bundesweit gefragte Expertin. Vor Kommissionen und dem Bundestag beklagt sie regelmäßig Missstände in diesem Bereich. Die Tabletten sind auf die durchschnittliche Körpergröße und das Gewicht von Männern zugeschnitten. Eine Frau klage bei vielen Krankheiten, aber auch nach der Einnahme von Medizin, über ganz andere Symptome und Nebenwirkungen. In der unlängst von Bundestag und Bundesrat beschlossenen 12. Novelle des Arzneimittelgesetzes von 1976 wird nun neben einer klinischen Prüfung von Arzneimitteln an Kindern unter bestimmten Auflagen erstmals auch die unterschiedliche Wirksamkeit bei Männer und Frauen berücksichtigt.

„Ein weiblicher Organismus hat einen anderen Stoffwechsel, das liegt nicht nur am Gewicht", sagt Thürmann. „Nehmen Sie mich als Beispiel. Ich wiege 52 Kilo. Soll ich etwa von allem die die selbe Dosis nehmen wie ein 80-Kilo-Mann?". fragt sie. Als Thürmann das letzte Mal bei einem Aufenthalt in den Tropen das Malariamittel Lariam schluckte, „da sah das Treppenhaus im Hotel hinterher wie in einem Escher-Bild aus, ich wusste nicht mehr, ob rauf oder runter, hatte Halluzinationen und hörte Stimmen".

Die Gründe dafür, dass neue Tropfen und Pillen bislang nicht an Frauen getestet wurden, liegen weit zurück: Als in den 70er Jahren Frauen, die in der Schwangerschaft das Schlafmittel Contergan genommen hatten, reihenweise schwer missgebildete Kinder zur Welt brachten, gerieten die Zulassungsbehörden in Aufregung. Als dann noch Diethylstilbestrol, ein Mittel gegen vorzeitige Wehen und Frühgeburten, dazu führte, dass die weiblichen Kinder zwölf Jahre später an Vaginalkarzinomen erkrankten, entschloss man sich, neue Medikamente vor ihrer Zulassung nur an männlichen Probanden zu testen. „Mit dem höchst zweifelhaften Argument, Frauen als Testpersonen könnten ja in der Testphase schwanger werden und die Embryos dann Schaden nehmen", sagt Thürmann. Natürlich ist sie nicht für Versuche an Schwangeren, aber schließlich sei ja nicht jede Frau automatisch potenziell schwanger und dürfe daher von vorneherein ausgeschlossen bleiben.

Es waren US-Internistinnen, die in den 80er Jahren den Gesundheitszustand von an Bluthochdruck leidenden Frauen untersuchten und dabei feststellten, dass die Medikamente, die diese Frauen erhielten, weder das Schlaganfallrisiko senkten noch die Zahl von Herzinfarkten reduzierten - sie waren schlicht wirkungslos.

Die dortigen Zulassungsbehörden sorgten dafür, dass künftig alle Medikamente an Männern und Frauen, Schwarzen und Weißen, Hispanics und anderen Volksgruppen getestet wurden. Man stellte fest, dass Frauen überdurchschnittlich häufig unverträglich reagierten und die Nebenwirkungen heftiger ausfielen als bei Männern. In Beipackzettel werden die Patienten in den USA seither darauf hingewiesen, Dosierungsanleitungen wurden geschlechtsspezifischer formuliert, Ärzte auf Kongressen und Fortbildungen darüber informiert, Medizinstudenten an den Hochschulen darin unterrichtet.

Hersteller halten sich zurück

Auch Pillen und Tropfen, die schon lange auf dem Markt waren, wurden untersucht. All das kostete die Pharmaindustrie natürlich viel Geld - weil mehr und mehr neue Testreihen nötig waren, bevor ein Präparat zugelassen wurde. „Davor schrecken die Hersteller hierzulande immer noch zurück' sagt Thürmann. So wurden Frauen bei der Entwicklung neuer Medikamente gegen Aids ausgenommen. Niemand weise auch darauf hin, dass bei bestimmten Heuschnupfenmitteln tödliche Herzrhythmusstörungen bei Frauen doppelt so oft auftreten wie bei Männern oder das Herzmittel Digitalis bei älteren Männern lebensverlängernd wirke, weibliche Digitalis-Patienten aber wesentlich früher und häufiger sterben.

Charlotte Kloft, Pharmazeutin an der Freien Universität Berlin, begrüßt die Änderungen im neuen Gesetz. „Aber es muss weiter untersucht werden." Gerade entwickelt sie ein Verfahren, bei dem Daten bisheriger klinischer Prüfungen durchforstet werden, inwieweit Geschlecht, Alter, Nierenfunktion und auch ethnische Abstammung eine Rolle bei der Verträglichkeit spielen. Dabei förderte sie Erstaunliches zutage: Das von vielen Zahnärzten zur Schmerzlinderung verabreichte Codein wird im Körper zu Morphin, einem der stärksten Schmerzkil1er, verstoffwechselt. Während 90 bis 95 Prozent der Angehörigen des kaukasisch Menschentyps über das hierfür notwendige Enzym verfügen, fehlt es bei fast jedem fürnften Asiaten. Chinesen und Japaner leiden so oft unter großen Schmerzen im Zahnarztstuhl - trotz Codein.

„Die Industrie zieht sich darauf zurück zu sagen: Wir sind Global Player, und machen unsere Untersuchungen ja sowie~ schon für den US-Markt' sagt Thürman. Auf Beipackzetteln für Patienten oder Fachanleitungen für Ärzte erscheine davon ab meist nichts. Auch die Ärzteverbände unterstützen Forderungen der Pharmakologin. Bundesärztekammer, Kassenärztliche Bundesvereinigung (KBV) und die Arzneimittelkommission der deutschen Ärzteschaft fordern eine bessere Qualitätssicherung bei den Zulassungsstudien.

Neidischer Blick

Die Gesetzesnovelle von Gesundheitsministerin Ulla Schmidt (SPD) unterscheidet deutlicher als bisher zwischen differenzierten Testverfahren auch für Frauen, Kranke und Gesunde, Kinder und Jugendlich. Rolf Hömke vom Verband Forschender Arzneimittelhersteller bestreitet, dass sich die Industrie bisher gedrückt habe. Zwar würde die Medikamente in ersten Testphasen nur an Männern ausprobiert, aber bei weitere Tests natürlich auch Frauen einbezogen. Die Unterschiede in Nebenwirkungen und Verträglichkeit seien aber nicht größer als zwischen dicken und dünnen Menschen. Deswegen werde in Beipackzetteln nicht gesondert darauf hingewiesen.

Derweil blickt Petra Thürmann weit neidisch in die USA. Dort wurde gerade ein Mittel gegen Herzrhythmusstörungen völlig getrennt für Männer und Frauen entwickelt, ein anderes gegen das Reizdarmsyndrom ist sogar nur für Frauen zugelassen „Soweit sind wir noch lange nicht", sagt sie.

Johanniskraut etwa schätzten viele a mildes, weil pflanzliches Beruhigungsmittel. „Es setzt jedoch ab einer bestimmten Dosierung die Wirkung der Pille außer Kraft. Der maßgebliche Hersteller tat so, als wisse er von nichts." Die Frauen bemerkten das schon - sie wurden einfach schwanger. Die meisten Pharmakologen und Experte in Ministerin und Unternehmen hätte eben einen anderem Blickwinkel: weil sie fast alle Männer sind. Petra Thürmann „Und wenn man wie ich auf solche Missstände hinweist, wird das nicht wie im Ausland als naturwissenschaftlicher Hinweis behandelt. Dann bin ich direkt die Alice Schwarzer der Pharmakologie."

Die Zulassung neuer Medikamente

Studien zur Zulassung neuer Medikamente werden nur mit Zustimmung der Ethikkommissionen an den Landesärztekammern und Universitäten durchgeführt. Bevor Patienten und Gesunde ihr Einverständnis zur Teilnahme geben, werden Sie vom Arzt über Ziele und Risiken der Studie aufgeklärt. Dabei erfahren die Patienten auch, dass sie nach dem Zufallsprinzip einer von mehreren, unterschiedlich therapierten Gruppen zugeteilt werden. In der Regel erhält eine Patientengruppe die bisherige Therapie, eine andere stattdessen oder zusätzlich das neue Medikament. Je nach Art und Umfang der Wirkstoffe werden hierzu Hunderte oder Tausende Probanden untersucht.

In der 12. Novelle des Arzneimittelgesetzes heißt es in Paragraph 42, Absatz 2.2.: „Die Genehmigung darf nur dann versagt werden, wenn die vorgelegten Unterlagen, insbesondere die Angaben zum Arzneimittel und der Prüfplan einschließlich der Prüferinformation nicht dem Stand der wissenschaftlichen Erkenntnisse entsprechen, insbesondere die klinische Prüfung ungeeignet ist, den Nachweis der Unbedenklichkeit oder Wirksamkeit eines Arzneimittels einschließlich einer unterschiedlichen Wirkungsweise bei Männern und Frauen zu erbringen." In den USA werden Medikamente bereits heute grundsätzlich an Männern und Frauen getestet. Die Verbraucherrechte und das Informationsrecht der Bürger werden dort höher bewertet, Interessen der Industrie standen demgegenüber zurück. Ein weiterer Grund ist das grundsätzlich anders ausgeprägte Haftungsrecht. Mit Hinweisen zu Nebenwirkungen sichern sich die Unternehmen dort wirkungsvoller gegen etwaige Klagen von Patienten ab, die sehr kostspielige Folgen haben können.

FR vom 10.August 2004, Seite 28


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