BM Online 

Überblick: behinderte Frauen


Ein klares Nein macht stark

Marburger Verein AG Freizeit trainiert mit geistig behinderten Mädchen und jungen Frauen die Selbstbehauptung
- Lücke im Angebot geschlossen -

Sie zerschlagen Bretter, ziehen Taue, streiten sich - und lernen dabei nicht nur, klar "nein" zu sagen: Geistig behinderte Mädchen und junge Frauen erfahren in speziellen Selbstbehauptungskursen in Marbug, wie sie sich durchsetzen können.

VON ULRIKE BAUER

"Nein" - "Nee" -"Neein" - "Nö" - "Neinnnn" - "N-e-i-n". Energisch, wütend, bestimmt, locker oder zögerlich: Es gibt viele Möglichkeiten, nein zusagen. Doch manchmal ist es gar nicht so leicht. "Erst recht nicht, wenn das ganze Leben lang andere bestimmen, was gut für einen sein soll" sagt Angie Zipprich. Darum ist das Nein-Sagen eine ganz wichtige Übung im Selbstbehauptungstraining für geistig behinderte Mädchen und junge Frauen, das der Marburger Verein "AG Freizeit" anbietet.

Acht Schülerinnen der Marburger Schule für praktisch Bildbare stehen in der Turnhalle im Kreis. Wie bei der Stillen Post geben sie das Nein weiter von einer zur anderen. Zwei-, dreimal macht es die Runde, manchmal ist es ein ganz sicheres "Nein" -wie bei Eva - manchmal aber auch noch eher leise - wie bei Sandra. Aber Hauptsache, es darf raus, dieses Nein. Widerständig, abgrenzend, deutlich. Genau wie das "Stopp' das anschließend durch die Runde geht, oder das "Hilfe".

Aber auch das klare "Ja" lädt sich von einer zur anderen mit Kraft auf, kommt immer leichter über die Lippen. Und je selbstverständlicher es hier im Training ausgesprochen wird, desto selbstverständlicher ist es auch im Alltag, hofft Diplom-Pädagogin Angie Zipprich. Seit ihrem Studium arbeitet sie bei der AG Freizeit mit behinderten und nicht behinderten Menschen, für die der Verein gemeinsame Freizeitaktivitäteil anbietet. Beim Treff im Jugendhaus gab die Bemerkung einer jungen Frau den Anstoß für die Entwicklung des Selbstbehauptungstrainings: "Ich möchte endlich mal lernen, wie man nein sagt." Da hat es bei Angie Zipprich klick gemacht: "Ich habe hier im Treff häufiger mitbekommen, wie schwer es für manche Mädchen ist, bei ganz einfachen Fragen zu entscheiden, was sie wollen."

Es falle ihnen beispielsweise schwer, klar auf die Frage zu antworten, ob sie Lust auf einen Spaziergang haben - selbst wenn sie gerade erst spazieren waren, berichtet Zipprich. Auch Menschen ohne Behinderung drückten sich mitunter undeutlich aus, bei Mädchen oder Frauen mit geistiger Behinderung führe das aber schneller dazu, dass sie überrollt, ihre persönlichen Bedürfnisse nicht wahrgenommen und ablehnende Gefühle übergangen werden. Als wichtigen Beitrag zur Prävention von Gewalt - auch sexueller Gewalt - gegenüber Mädchen und Frauen mit behinderungsbedingten Einschränkungen betrachtet Angie Zipprich daher das Selbstbehauptungstraining.

Besonderes Konzept

Gemeinsam mit ihrer Kollegin Anja Fischer, die das Projekt leitet, hat die Pädagogin das Konzept fürs Training erarbeitet, das der Verein seit Mitte vorigen Jahres anbietet. "Vieles, was es im Selbstbehauptungstraining für nicht behinderte Frauen gibt, lässt sich nicht 1:1 auf behinderte Mädchen übertragen" sagt Anja Fischer. Sie hätten die Konzepte erst für ihre Kundinnen nutzbar machen müssen, so Fischer, die auch ihre Diplomarbeit über das Selbstbehauptungstraining geschrieben hat. Körper-, Stimm- und Wahrnehmungsübungen haben die beiden Frauen so modifiziert, dass sie für die geistig behinderten Mädchen und Frauen nachvollziehbar sind. Im Rollenspiel beispielsweise ärgern sich die Mädchen gegenseitig und lernen, sich zu wehren oder ein anderes Mädchen zu Hilfe zu holen.

Oder: Jemand setzt sich im Bus zu dicht neben dich - was machst du? Gemeinsam überlegen die Mädchen Reaktionen und spielen sie durch. Sie lernen peu a peu, Situationen zu beobachten, zu analysieren, achtsam zu sein, ihre eigene Haltung zu entwickeln und sich ohne Schuldgefühl für ihre Interessen einzusetzen.

Beim Tauziehen steht auf der einen Seite "Ich will" auf der anderen "Ich will nicht" Angie Zipprich: "So spüren die Mädchen ihre Kraft - und wie sich ein Gefühl im Körper festsetzt." Beim Ballspiel lernen sie, sich durchzusetzen. Und hier spielt auch Karina, die im Rollstuhl sitzt, einen fast unschlagbaren Part: Sie passt auf, dass kein Ball im Tor landet. Ein Höhepunkt ist das Brett-Zerschlagen - eine Übung, bei der die Mädchen und Frauen besonders deutlich spüren, was Wille und innere Kraft bewirken, wenn sie mit der angespannten Faust eine richtig dicke Llatte zertrümmert haben. Und auch Karina kann im Rollstuhl auf einem Schaumstoffpolster das kräftige Zuschlagen üben.

"Nicht immer freundlich sein"

Juppie, die 41 ist und sich nur aus Spaß einen Männer-Namen gibt, schwärmt immer vom Selbstbehauptungstraining, an dem sie vor ein paar Monaten teilgenommen hat. "Das Brett-Zerschlagen war das Beste. Da kann man richtig Wut rauslassen. Die Rollenspiele fand sie eher anstrengend, aber auch prima." Da kann man mal einfach so Leute beleidigen und muss nicht immer freundlich sein." Angie Zipprich und Anja Fischer haben zwei verschiedene Varianten des Selbstbehauptungstrainings entwickelt. Zum einen Basistraining, das, das sie vor allem in Kooperation mit Schulen in Marburg und im Kreis Marburg-Biedenkopf umsetzen. Zweitens Wochenendworkshops und eine Vertiefungswoche in einem behindertengerechten Seminarhaus, die auch für Teilnehmerinnen zu empfehlen sind, die weiter entfernt wohnen.

Das Angebot wird rege genutzt: Statt der zunächst geplanten zwei Basiskurse an Schulen kamen fünf Kurse mit 34 Schülerinnen im Alter zwischen elf und 19 Jahren zustande. Das bestärkte die Initiatorinnen auch in ihrem Vorhaben, ihr Konzept und die Erfahrungen in einem Handbuch zusammenzufassen und anderen Interessierten anzubieten. Angie Zipprich: "Unsere Erfahrungen zeigen, dass es hier eine Lücke im Angebots- und Hilfespektrum für Menschen mit Behinderungen gibt, die geschlossen werden muss." Und auch die Aktion Mensch fördert das Projekt finanziell.

KURSANGEBOTE

Der Verein AG Freizeit bietet sein Selbstbehauptungstraining für geistig behinderte Mädchen ab zwölf Jahren und junge Frauen in Wochenend-Workshops vom 20. bis 22. Februar sowie vom 2. bis 4. April in Arnshain im Vogelsberg an. Eine Vertiefungswoche plant der Verein für den 17. bis 22. Mai. Die Workshops sind auch geeignet für Mädchen und Frauen mit hohem Hilfebedarf bzw. ohne oder mit eingeschränktem Sprechvermögen. Assistentinnen oder Helferinnen können mitgebracht werden oder werden gestellt.

WEITERE INFORMATIONEN: AG Freizeit, Am Erlengraben 12a, 35037 Marburg, 06421/1 69 67-60 (mittwochs, 9 - 12 Uhr), E-Mail: info@ag-freizeit.de


aus: Frankfurter Rundschau, 7. Februar 2004; Seite 33;


BM-Online