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(Bio-) Ethik


Interessenvertretung Selbstbestimmt Leben (ISL) - PID/Prä-Implementations-Diagnostik -
da machen wir nicht mit!

EINLEITUNG

Im Mai 2000 veranstaltete die damalige Bundesgesundheitsministerin A. Fischer ein Symposion, um KritikerInnen und BefürworterInnen der neuen Fortpflanzungsmedizin zu Worte kommen zu lassen, einen Eindruck vom Stand des Wissens und Pro und Contra zu bekommen und zu klären, ob das Embryonenschutzgesetz noch ausreichend sei. In der Folge legte sie Ende 2000 den Entwurf für ein neues Fortpflanzungsmedizingesetz vor, das unter anderem ein eindeutiges Verbot der Prä-Implantations-Diagnostik (PID) beinhalten sollte. Bundeskanzler G. Schröder sprach sich zeitgleich gegen "ideologische Scheuklappen" auf dem Gebiet der Biomedizin und der Stammzellenforschung aus. Im Februar 2001 trat die Bundesgesundheitsministerin wegen des BSE-Skandals zurück. Ihre Nachfolgerin, U. Schmidt, wollte als erste Amtshandlung die Anwendung der PID erlauben (was sie später zurücknehmen musste) und sah keinen Bedarf für ein Fortpf1anzungsmedizingesetz.

Die Diskussionen um die PID sind seither nicht abgerissen. Sie werden in den Medien fast immer im Zusammenhang mit "Leid"-verminderung geführt - das Leid der ungewollt kinderlosen Paare, das Leid der Eltern von behinderten Kindern, das Leid der behinderten Menschen selbst - ohne dass dabei "Leiden" definiert oder gar in Frage gestellt wird. Dadurch wird der Eindruck erweckt, dass Leid durch die vorgeburtliche Selektion behinderter Föten zu verhindern sei. Der zunehmende routinemäßige Einsatz der pränatalen Diagnostik (PND) in der "normalen" Schwangerschaftsvorsorge verstärkt diesen Eindruck noch. Doch die meisten behinderten Menschen empfinden ihr Leben durchaus nicht als ständiges "Leiden", sondern leben gern, und auch die meisten Eltern behinderter Kinder leiden weniger unter der Behinderung ihrer Kinder als unter den behindertenfeindlichen Bedingungen in dieser Gesellschaft, denen sie und ihre Kinder ausgesetzt sind. Die den Eltern eines behinderten Kindes immer häufiger gestellte Frage "Ist denn so etwas heute noch nötig?" ‚ wobei "so etwas" sich eben auf das Kind und nicht etwa auf dessen Behinderung bezieht, ist da nur die Spitze des Eisberges. Abgesehen davon ist die gesellschaftliche Akzeptanz und Verinnerlichung der Argumentation, "Leid"-verminderung sei möglich durch Selektion, absurd angesichts der Tatsache, dass lediglich 5 % der Behinderungen von Geburt an bestehen und nur 1 % genetisch bedingt und vererbbar sind, während die meisten Schädigungen entweder während der Geburt oder zu 95 % im späteren Leben auftreten. Behinderungen und chronische Krankheiten wird es also trotz PID und PND auch weiterhin geben, und nicht nur darum wäre es wesentlich sinnvoller, die Lebensbedingungen behinderter Menschen zu verbessern als mit großem Aufwand ihre vorgeburtliche Selektion zu betreiben.

Die PID, also die genetische Untersuchung des Embryos vor der Einpflanzung in die Gebärmutter der Frau, ist nur möglich im Zusammenhang mit künstlicher Befruchtung (in-vitro-Fertilisation, IVF). Die Anwendung der IVF in der Behandlung ungewollter Kinderlosigkeit hat in den letzten 10 Jahren sprunghaft zugenommen: wurden Anfang der 90er Jahre etwa 9.000 Behandlungen durchgeführt, waren es Ende der 90er Jahre bereits über 60.000 (Riewenherm 2001). Das ist erstaunlich angesichts des großen, oft jahrelangen physischen, psychischen und nicht zuletzt finanziellen Aufwandes und der geringen "Baby-take-home"-Rate, die bei der VF nach wie vor zwischen 9 und 15 % liegt (zum Vergleich: in einer Studie lag nach einer viermonatigen psychologischen Kurzberatung die Schwangerschaftsrate bei ca. 16 % (Hölzle et al. 2000)).

Andererseits ist die VF zur Zeit fast die einzige Möglichkeit, an Eizellen heranzukommen. Für die VF werden immer mehr Eizellen entnommen, als tatsächlich gebraucht werden. "Überzählige" Eizellen werden befruchtet und - in Deutschland als Vorkernstadien, da das Einfrieren von Embryonen nach dem Embryonenschutzgesetz verboten ist - eingefroren, um sie bei späteren Versuchen evtl. der Frau einpflanzen zu können und ihr die unangenehme und gesundheitsgefährdende Prozedur der Stimulation und Eizellentnahme zu ersparen. So wurden beispielsweise 1985 bei 10.000 Eizellentnahmen zur VF 24.000 Eizellen entnommen, davon 18.000 Eizellen befruchtet, davon 1 .200 Schwangerschaften begonnen und davon 569 Kinder geboren, das entspricht 3,16 % der befruchteten Eizellen (Gräning 1988). Zwischen 1993 und 2000 haben europaweit 886 Paare eine PID in Anspruch genommen. Dabei sind 6465 Embryonen im Reagenzglas erzeugt worden, geboren wurden aber nur 162 Kinder. also 2.510c. In Großbritannien wurden zwischen 1991 und 1998 über 760.000 Embryonen im Labor erzeugt, von denen 48.000 als "überzählig" in die Forschung gingen, das sind 6,32 % (Riewenherm 2001). Die "überzähligen" Eizellen sind ein begehrter Rohstoff für die embryonale Stammzellenforschung, weil die Gewinnung von embryonalen Stammzellen aus Eierstockgewebe spätabgetriebener weiblicher Föten noch in den Kinderschuhen steckt. Dasselbe gilt für die Forschung an adulten Stammzellen.

Bei der PID treffen Fortpflanzungsmedizin und Genetik direkt aufeinander. Wie die VF, so wird auch die PID damit begründet, dass sie der Bekämpfung von "Leid" dienlich sei. Unzweifelhaft ist die Motivation vieler FortpflanzungsmedizinerInnen tatsächlich, ungewollt kinderlosen Paaren mit Hilfe der künstlichen Befruchtung zu einem Kind zu verhelfen, und durch die PID zudem noch eine "Qualitätssicherung" zu bieten. Hinter den Heils- und Heilungsversprechen verbergen sich aber auch massive wirtschaftliche Interessen. Weitgehend unbeachtet von der Öffentlichkeit und sehr schwer nachweisbar tobt im Hintergrund ein Kampf um Marktanteile für die Pharma-Industrie. Ein Blick auf die beantragten und genehmigten Patente entlarvt schnell deren reine Profitorientierung, entgegen den Behauptungen hehrer Menschenfreundlichkeit, wie es in unserem Interview mit C. Then zum Ausdruck kommt (S. 27). Eine Vergleichs-Untersuchung von verschiedenen Zentren für Fortpflanzungsmedizin in Großbritannien zeigte einen deutlichen Zusammenhang zwischen der Anzahl von bei der VF anfallenden überzähligen Eizellen und der Frage, ob in der Klinik auch Forschung an embryonalen Stammzellen betrieben wird (Craft 2001). Zudem ist die IVF eine rein symptomatische Behandlung, und man muss sich fragen, ob eine Ursachenforschung nicht der bessere Weg zur Bekämpfung ungewollter Kinderlosigkeit wäre. Wo sind die Milliardenbeträge, die in die Umweltmedizin fließen, damit die Ursachen der zunehmenden Fruchtbarkeitsstörungen in den Industrienationen erforscht werden? Der rasante Fortschritt in der modernen Medizin, Biologie und Biotechnologie eröffnet ständig neue Anwendungsmöglichkeiten und Ideen, die - in der Regel zunächst von der Gesellschaft völlig unkontrolliert - wissenschaftlich getestet und für gut befunden oder verworfen werden. Die Entschlüsselung des menschlichen Genoms war nicht nur ein symbolträchtiger Meilenstein in der internationalen Forschung, sondern auch ein weiterer großer Schritt in eine fatale Richtung auf ein sehr eingeschränktes und einseitiges Menschenbild. Wie schon seit langem das Leben an sich, wird nun auch das menschliche Dasein reduziert auf eine bestimmte Abfolge von Genen. Ungeachtet der zur Zeit noch weitgehend unverstandenen unzähligen Wechselwirkungen der Gene untereinander und der vielfältigen anderen Einflüsse, die letztendlich das Leben eines Individuums ausmachen, wird der Eindruck erweckt, daß es für alle möglichen menschlichen Probleme (gen)technische Lösungen gäbe. Alle anderen Komponenten werden in eklatanter Weise vernachlässigt. Dieses Menschenbild sieht den Menschen als kalkulierbare und planbare Summe aus genetischen Kombinationen an, die mit ausreichendem Know-how beeinflussbar sind. Einer Gestaltung des Menschen nach irgendwelchen beliebigen Gesichtspunkten scheint Tür und Tor geöffnet.

Die Auswirkungen der im Stillen stattfindenden Forschungen der Biomedizin gehen weit über den rein medizinischen und auch den christlich-ethischen Aspekt hinaus und betreffen weite Bereiche unseres gesellschaftlichen Zusammenlebens. Im Rahmen der Kampagne "PID - da machen wir nicht mit" wollen wir auf breiter gesellschaftlicher Ebene die kritische Auseinandersetzung mit den neuen Technologien vorantreiben. Dabei ist es uns besonders wichtig, auch diejenigen gesellschaftlichen Gruppierungen zu erreichen, die sich bislang noch nicht so intensiv mit diesem Thema beschäftigt haben. PID, an der Schaltstelle zwischen moderner Fortpflanzungsmedizin und Humangenetik, steht dabei für uns als Sinnbild für alle vorgeburtlichen Aussortierungen, für genetisch gestützte Normierungsversuche sowie für die Denk- und Weltbilder, die sich dahinter verbergen. Sie betreffen die gesamte Gesellschaft in ganz erheblichem Maße. Es geht nicht mehr um rein medizinisch-technische Fragen des Helfens und Heilens oder der Machbarkeit oder um ethische Fragen der Zulässigkeit verschiedener Methoden, sondern zuallererst um die politische Entscheidung, welche Gesellschaft wir wollen.

• Wollen wir eine Gesellschaft, in der schon vor der Geburt nach Nützlichkeit selektiert wird?
• Wollen wir eine Gesellschaft, in der menschliche Embryonen zum industriellen Rohstoff und zur Handelsware und Frauen zu Produktionsstätten dieses Rohstoffs werden?
• Wollen wir eine Gesellschaft, die Millionen für fragwürdige medizinische Experimente, aber nicht ausreichend Geld für die Pflege alter, behinderter und kranker Menschen ausgibt?
• Wollen wir, dass Männer wie die Nobelpreisträger James Watson und Francis Crick über die Zukunft der Menschheit entscheiden?

J. Watson sagte jüngst im Magazin der Süddeutschen Zeitung: "Wie solI man mit Ungleichheit umgehen und wie mit den Unglücklichen, deren Gene kein sinnvolles Leben zulassen? ... Hitler sagte: Tötet alle, die diese Chance (einmal heiraten zu können, einmal als gleichberechtigt akzeptiert zu werden, sobald man einen Raum betritt) nicht besitzen. Ich meine, sie sollten gar nicht erst geboren werden. Das ist der Unterschied.

F. Crick schlug schon vor Jahren vor, man sollte keine öffentlichen Mittel für Menschen über achtzig verwenden und bis zwei Tage nach der Geburt warten, bevor man etwas als Leben, als ein Kind mit Zukunft deklariert.

Mit dieser Broschüre wollen wir versuchen, einen Eindruck zu geben in die vielfältigen gesellschaftlichen Veränderungen, die durch die modernen medizinischen und biotechnologischen Entwicklungen möglich werden, sowie offene Fragen aufzuzeigen und eventuell Anregungen zu geben für soziale Utopien als Gegengewicht zur gegenwärtigen Entwicklung.

Wir sagen: NEIN!!!
PID GEHT ALLE AN!!!

eine Informationsschrift der Interessenvertretung Selbstbestimmt Leben (ISL) ur Initiative gegen genetische Selektion


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