BMO 

(Bio-) Ethik


Interessenvertretung Selbstbestimmt Leben (ISL) - PID/Prä-Implementations-Diagnostik -
da machen wir nicht mit!

STRUKTURELLE ÄNDERUNGEN DER ELTERNSCHAFT - OHNE SOZIALE KONSEQUENZEN?

Die nach wie vor gesellschaftlich idealisierte Familie besteht aus Mutter - Vater - Kind. Bislang war es so, dass diese Struktur in der Regel die bestehenden genetischen, leiblichen und sozialen Beziehungen widerspiegelt, wobei es durch wechselnde Partnerschaften oder durch Maßnahmen der Jugendhilfe vorkam, dass die biologische und die soziale Elternschaft nicht identisch war (Stiefeltern, Adoptiveltern, Pflegeeltern, usw.). Die Auswirkungen solcher Aufspaltung der Elternschaft auf die Kinder sind erheblich und vielfach untersucht. Die Rolle der leiblichen Eltern ist immens wichtig. Selbst bei sehr schwierigen Verhältnissen bis hin zur Gewalterfahrung hängen Kinder oft stärker an den leiblichen als an "fremden" Eltern. Spätestens in der Pubertät durchlaufen diese Kinder ernsthaftere Identitätsprobleme als andere, die meist zu Auseinandersetzungen nicht nur mit den sozialen, sondern auch mit den leiblichen Eltern führen.

Die moderne Fortpflanzungsmedizin lässt auf dem Wege der künstlichen Befruchtung (IVF) nun noch ganz andere Kombinationen von Elternschaft zu. Die genetische Elternschaft kann von leiblicher und sozialer Elternschaft vollkommen losgelöst werden. Ein Elternteil oder beide können ihre genetische Elternschaft von (unbekannten) Dritten übernehmen lassen, die leibliche Mutterschaft kann von Leihmüttern übernommen werden, und die soziale Elternschaft ist so variabel wie je. An einem Kind können theoretisch also 5 verschiedene Elternteile direkt beteiligt sein, die, und das ist das Neue, sich keineswegs kennen müssen. Welche Konsequenzen wird das für die Kinder haben? Werden sie sich in der Pubertät nicht nur mit ihren sozialen Eltern, sondern auch mit der Suche nach anonymen Samenspendern und Eizellen-Spenderinnen sowie der Geschichte ihrer Leihmütter auseinandersetzen müssen?

Das ursprüngliche Ziel, nämlich durch künstliche Befruchtung ein eigenes Kind bekommen zu können, wird zudem verwässert: eine Neu-Definition dessen, was ein eigenes Kind eigentlich ist, muss erfolgen. Wo liegt die Grenze? Ist ein Kind, das mit einer fremden Eizelle von der sozialen Mutter ausgetragen wurde, noch deren eigenes Kind? Und was ist, wenn es von einer Leihmutter ausgetragen wurde?

Wodurch unterscheidet sich diese Elternschaft dann von einer "normalen" Adoption eines fremden Kindes?

Und: wenn die soziale Mutter eines mit Hilfe einer Eizellenspende gezeugten Kindes stirbt, ist dann nicht die Eizellenspenderin die nächste Verwandte? Welche Bedeutung hat (genetische) Verwandtschaft, und wie soll Verwandtschaft in Zukunft definiert werden? Der alte Grundsatz "Mater certa est", also "die Mutter steht fest", gilt jedenfalls nicht mehr.

Das bereits heute praktizierte "Abernten" von Eizellen von spätabgetriebenen weiblichen Föten mit dem Ziel der künstlichen Reifung zur Herstellung von embryonalen Stammzellen lässt zumindest theoretisch die Möglichkeit zu, dass auf dem Wege der künstlichen Befruchtung Kinder gezeugt werden, deren Mütter nie geboren wurden. Welche Auswirkungen ein solches Auseinanderbrechen der natürlichen Generationenfolge haben wird, kann man heute noch nicht vorhersagen. Die absolute Vorrangstellung, die der Familie in unseren Gesellschaften eingeräumt wird, dürfte damit jedenfalls überholt sein.

Wie wichtig eine grundsätzliche Auseinandersetzung mit diesem Thema und den Verantwortlichkeiten und Beziehungen der genetischen, leiblichen und sozialen Eltern ist, zeigt ein Beispiel aus den USA. Dort brachte eine Leihmutter Zwillinge zur Welt. Die sozialen Eltern hatten jedoch nur ein Kind "bestellt", forderten die Leihmutter zur "reduzierenden Abtreibung" auf und lehnten nun alle Verantwortung für das "überzählige" Kind (welches war das??) ab (taz). Wer sind die Eltern dieses Kindes? Der Samen-Spender oder die Eizellenspenderin? Der Arzt, der die künstliche Befruchtung im Reagenzglas vorgenommen hatte? Die Leihmutter? Die "Bestellereltern"? Aus der Psychologie ist bekannt, dass es für ein Kind sehr wichtig ist, von Anfang an gewollt und willkommen geheißen zu sein. Beziehungsunfähigkeit, Minderwertigkeitskomplexe, Verlust- und andere Ängste, Aggressivität oder Depressionen können die Folgen sein, wenn dies nicht gegeben ist. Folgen, mit denen sich die Kinder - und die Gesellschaft - ein Leben lang herumplagen müssen.

FAZIT:

Das durch die künstliche Befruchtung ermöglichte Auseinanderfallen von genetischer und leiblicher Elternschaft sowie in Zukunft evtl. der natürlichen Generationenfolge kann soziale Auswirkungen für die Kinder und für die gesamte Grundstruktur unserer Gesellschaft haben, die heute noch gar nicht absehbar sind. Ein Überdenken der Definition von verwandtschaftlichen Verhältnissen, von Familie sowie von der Bedeutung von Wahlfamilien und anderen Formen des Zusammenlebens ist erforderlich. Die rechtlichen und ethischen Folgen müssen geklärt werden, und eine neue Definition des Begriffes "eigenes Kind" muss erfolgen.

Wir sagen: NEIN!!!
PID GEHT ALLE AN!!!

Eine Informationsschrift der Interessenvertretung Selbstbestimmt Leben (ISL) zur Initiative gegen genetische Selektion 2002


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ZITATENSCHATZ "Wenn es die Möglichkeit gibt, Kinder künstlich zu erzeugen oder die genetischen Anlagen eines Embryos zu testen - entsteht dann nicht leicht eine Haltung, dass jede und jeder, der eigene Kinder bekommen will, auch das Recht dazu habe - und zwar sogar ein Recht auf gesunde Kinder? Wo bisher unerfüllbare Wünsche erfüllbar werden oder erfüllbar erscheinen, da entsteht daraus schnell ein Anschein von Recht." Johannes Rau, Berliner Rede zur Biomedizin, 2001