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(Bio-) Ethik


Interessenvertretung Selbstbestimmt Leben (ISL) - PID/Prä-Implementations-Diagnostik -
da machen wir nicht mit!

Versicherung gewünscht?
Zeigen sie uns ihre Gen-Check

Die Kampagne "PID - da machen wir nicht mit" wehrt sich gegen den flächendeckenden Einsatz von vorgeburtlichen Untersuchungen mit dem Ziel der Selektion von behinderten Kindern nicht nur aus moralisch-ethischen Gesichtspunkten. Die Auswirkungen dieser Verfahren sind viel weitreichender und haben auch massive finanzielle Hintergründe.

In den Vereinigten Staaten haben bereits heute Krankenkassen die Kostenübernahme für die Behandlung behinderter Kinder abgelehnt mit dem Hinweis darauf, dass die jeweilige Behinderung ja schon vorgeburtlich hätte festgestellt und die Schwangerschaft daraufhin hätte abgebrochen werden können (Uhlemann 1999). Dies entlarvt sofort, wie es um die vielbeschworene freie Entscheidung der Eltern für oder gegen ein Kind mit Behinderungen bestellt ist, die so gerne als Argument für vorgeburtliche Diagnostik benutzt wird.

Es geht keineswegs in erster Linie um die individuelle Entscheidungsfreiheit der Eltern, sondern hauptsächlich um Kostenersparnis für die Krankenkassen. Eine vorgeburtliche Untersuchung und ggfs. Abtreibung ist weitaus billiger als die lebenslange, teilweise recht intensive Behandlung von behinderungsbedingten Schäden. Hier wird am Menschen gespart, eine Einteilung nach Kosten vorgenommen, und wer zu teuer ist, kommt auf den Abfallhaufen. Diese gesellschaftliche Einstellung hatten wir in Deutschland schon einmal: die Ausrottung "Iebensunwerten Lebens" im Dritten Reich wurde auch mit finanziellen Argumenten unterstützt.

Die Verweigerung der Kostenübernahme für behinderte Kinder ist denn auch nur ein Anfangspunkt. Behinderten Menschen werden schon jetzt regelmäßig Unfall- und Lebensversicherungen verwehrt. Immer häufiger wird aber auch die Mitgliedschaft in manchen privaten Krankenkassen entweder direkt abgelehnt oder es werden dermaßen hohe Beiträge verlangt, dass gerade die oft finanziell sehr schwach ausgestatteten behinderten Menschen sich das nicht mehr leisten können (z.B. Dietrich 1997). Die Folge dieser Praktiken ist ein Zwei-Klassen-System der Versicherungen: die gesetzlichen Krankenkassen werden zunehmend nur die "ernsten", d.h. kostenintensiven Fälle zugewiesen bekommen, während in den privaten Kassen die jungen, gesunden Menschen versichert sind, bei dadurch entsprechend günstigeren Tarifen. Schon jetzt protestieren die gesetzlichen Krankenkassen dagegen und verlangen einen Ausgleich.

Es ist nur eine Frage der Zeit, wann zu diesen bereits heute konkreten Bedrohungen für Menschen mit Behinderungen und ihre Angehörigen eine weitere Zumutung für alle Menschen hinzukommen wird. Durch Genomuntersuchungen kann die genetische Veranlagung für eine Anzahl von vererbbaren Krankheiten und Unzulänglichkeiten festgestellt werden. Dies bezieht sich nicht nur auf ernstzunehmende Krankheiten, sondern auch z.B. auf Veranlagung zu Ubergewicht und Ahnliches. Bislang ist es zwar noch völlig unerforscht, unter welchen Voraussetzungen und ob sich solche genetischen Dispositionen letztendlich durchsetzen, und inwieweit die äußeren Gegebenheiten eine Rolle spielen, aber dennoch könnten solche Gen-Checks über Aufnahme in bestimmte Kassen bzw. über die Beitragshöhe entscheidend sein.

Vor allen Dingen wird durch diese Praktiken aber eine Grundvoraussetzung unserer sozialstaatlichen Gesellschaft torpediert: das Solidarprinzip. Die Frage an alle Teile unserer Gesellschaft ist nun, ob wir eine solche Entsolidarisierung wirklich wünschen und zugunsten reiner Kosten-Nutzen-Kalkulationen ein erprobtes Instrument des Zusammenlebens stürzen wollen.

FAZIT

Die Forderung, dass wir angesichts der modernen Biotechnologien dringend Sozialutopien benötigen, die sich genau damit auseinandersetzen, wie eine Gesellschaft z.B. ohne Solidarprinzip aussehen könnte, ist offensichtlich. Die Dringlichkeit wird besonders deutlich angesichts der Sozialutopien, die bereits jetzt vertreten werden und deutlich vom Kosten-Nutzen-Denken geprägt sind. Ein besonders krasses Beispiel ist sicherlich der Ausspruch von Crick, der ernsthaft darüber nachdachte, alle Menschen mit Hilfe von Biomedizin und Medikamenten bis zum Alter von 70 Jahren auf einem gleichbleibenden Level von Wohlbefinden zu halten, und sie dann "auszuschalten".

Wir sagen: NEIN!!!
PID GEHT ALLE AN!!!

Eine Informationsschrift der Interessenvertretung Selbstbestimmt Leben (ISL) zur Initiative gegen genetische Selektion 2002


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