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(Bio-) Ethik


Interessenvertretung Selbstbestimmt Leben (ISL) - PID/Prä-Implementations-Diagnostik -
da machen wir nicht mit!

WAS DARF'S DENN SEIN? KINDER NACH MAß

Durch vorgeburtliche Untersuchungen werden eine ganze Reihe von Merkmalen des kommenden Kindes schon früh bekannt. Dazu gehören neben der Geschlechtsbestimmung auch die Erkennung einer ganzen Reihe von Behinderungen. Schon die Tatsache, dass im Rahmen der pränatalen Diagnostik (PND) diese Untersuchungen als "Vorsorge" deklariert werden, ist eine Irreführung. Vorsorge beinhaltet eine Früherkennung mit dem Ziel und der Möglichkeit, gerade durch die frühe Erkennung heilend einzugreifen. Anders ist es bei den vorgeburtlich festgestellten Schädigungen des Embryos: fast alle dieser Behinderungen und Krankheiten sind unheilbar, und ihre Feststellung führt zwangsläufig zu der Entscheidung für oder gegen die Fortsetzung der Schwangerschaft und nicht für ein krankes oder ein gesundes Kind. Es handelt sich also in der Regel um reine Selektionsuntersuchungen.

Ist im Falle der PND das Kind noch durch die Mutter geschützt, die als schwangere Frau ein ganz besonderes Verhältnis zu dem in ihr heranwachsenden Kind hat, ist es bei der IVF, und in der Folge bei der PID, völlig ungeschützt dem Zugriff der modernen Eugenik und der Wissenschaft preisgegeben. Die Auswahl wird in diesem Fall von FortpflanzungsmedizinerInnen von außen und völlig losgelöst von Bindungen an die Embryonen getroffen, was einem Missbrauch Tür und Tor öffnet.

Die Geschlechtsbestimmung ist ein Beispiel dafür, wie eng die Grenzen zwischen einfachem Wissen und Missbrauch sind: während hierzulande das Wissen um das Geschlecht des Nachwuchses gelegentlich abgelehnt wird, weil die werdenden Eltern sich lieber überraschen lassen wollen, wird die Geschlechtsbestimmung in anderen Ländern, wo die Geschlechts-zugehörigkeit ganz andere Konsequenzen hat, zu einer echten Gefährdung des natürlichen Geschlechterverhältnisses. In Indien z.B. werden vorgeburtliche Geschlechtsbestimmungen dazu benutzt oder besser missbraucht, die Geburt von Mädchen zu verhindern. Mädchen haben dort keinen großen Wert, werden oft und heftig diskriminiert und sind eine große Belastung für die Eltern. Wenn durch vorgeburtliche Untersuchungen festgestellt wird, dass ein Mädchen erwartet wird, werden viele Schwangerschaften abgebrochen. Dagegen gibt es in Deutschland Proteste. Die Tatsache aber, dass hierzulande ungeborene Kinder mit genau der gleichen Argumentation bereits im Mutterleib auf Behinderungen untersucht werden, wird dabei gar nicht wahrgenommen. Schon heute werden beispielsweise etwa 90 % aller Schwangerschaften abgebrochen, wenn durch PND ein Down-Syndrom nachgewiesen wird, obwohl die vorgeburtliche Untersuchung keine Aussagen über das Ausmaß, in dem diese Behinderung auftreten wird, zulässt. Hieran wird deutlich wie stark kulturelle Vorstellungen und Ideale die Grenzen für Missbrauch bestimmen. Wer kann heute dafür garantieren, dass in absehbarer Zukunft nicht nur noch Kinder mit der genetischen Veranlagung für Hochintelligenz oder Rothaarigkeit oder Schlankheit fertig ausgetragen werden? Nach einer 1993 veröffentlichten Umfrage lehnen 19 % der befragten Frauen die Fortsetzung einer Schwangerschaft ab, wenn eine (heute noch nicht nachweisbare) genetische Veranlagung zur Fettleibigkeit vorliegen würde, bei Homosexualität wären es 14 % (Riewenherm 2001). In der industrialisierten Gesellschaft herrscht ein zunehmend geformtes Menschenbild vor, gefördert durch eine ständige Beeinflussung über die modernen Massenmedien.

Das in der westlichen Welt gängige Schönheitsideal - alle Menschen sollten jung, schön, schlank, sportlich und gesund sowie möglichst auch noch wohlhabend sein entspricht schon heute in keiner Weise der Realität. Tatsächlich sind mehr als die Hälfte der BürgerInnen der Industriestaaten übergewichtig, etwa 10 Prozent der Bevölkerung sind in irgendeiner Weise körperlich, geistig oder seelisch beeinträchtigt, und der Anteil alter Menschen nimmt ebenso zu wie die Armut, um nur einige Beispiele zu nennen. Dennoch wird das durch die Werbung und Spielfilme vermittelte unrealistische Menschenbild weitgehend kritiklos und unbewusst übernommen, mit drastischen Folgen, die bei Diätwahn schon bei Jugendlichen anfangen und bei hoffnungsloser Dauerarbeitslosigkeit ab einem Alter ab 40 noch lange nicht aufhören.

Hinzu kommt, dass jede Abweichung von der unsinnigen Norm nicht nur häufig zu Selbstwertproblemen führt, sondern auch zu heftigen Abwehrreaktionen gegen alles Fremde, Andersartige. Gewaltsame Ausschreitungen gegen "Ausländer" und Behinderte sind traurige Auswirkungen. Die Möglichkeiten der modernen Genetik lassen einen "normierten" Menschen immer wahrscheinlicher werden und ziehen die Grenzen für Andersartigkeit immer enger. Wer aber setzt die Normen fest?

Die PID treibt dieses Normieren dann auf die Spitze, denn bei dieser Methode ist die Aussonderung nach nicht erwünschten Kriterien schon als Voraussetzung enthalten. Während es heute noch verboten ist, für eine PID andere als strenge medizinische Indikationen zugrunde zu legen, ist die Versuchung bei dieser Methode sehr groß, auch gleich andere Merkmale wunschgemäß abzugleichen. Wie wenig dies in den Bereich der Utopie gehört, zeigt der Fall einer Familie in den USA, die zwei Kinder mit der seltenen, genetisch bedingten FanconiAnämie hatten. Ein Kind ist bereits an dieser Erkrankung gestorben, die nur durch Knochenmarksspende geheilt werden kann. Die Eltern planten ein weiteres Kind, und wegen der großen Gefahr einer genetischen Schädigung wurde die Indikation für eine PID gegeben. Bei der PID wurden die Embryonen dann aber nicht nur auf die Krankheit hin gecheckt, sondern auch gleich in Bezug auf Blutgruppen usw. soweit ausgewählt, dass das neugeborene Kind als Knochenmarksspender für das Geschwisterkind auf die Welt kam. Was für Auswirkungen wird es auf dieses Kind haben, dass es mit einer ganz bestimmten Funktion auf die Welt kam? Was passiert, wenn dieses Kind vorzeitig durch z.B. einen Verkehrsunfall stirbt? Wie wird das Verhältnis der Geschwister zueinander geprägt werden durch diese soziale Konstruktion? Vor allem ist hier die Grenze überschritten worden zur gezielten Gestaltung der Nachkommenschaft, ein Versuch, den Zufall, der für die Vielfalt des Lebens unentbehrlich ist, ein Stück weit auszuschalten.

Aber die PID wirft noch ganz andere soziale Fragen auf: Was werden die sozialen Konsequenzen sein, wenn sich herausstellt, dass auch das perfekte Wunschkind Fehler hat? Werden die Eltern sich irgendwann fragen, ob nicht vielleicht doch ein anderer der Embryonen besser gewesen wäre? Was für Auswirkungen wird es auf die Kinder haben, wenn sie erfahren, dass zu ihren Gunsten andere Geschwisterembryonen "verworfen" wurden? Wie werden Eltern und Geschwister mit sogenannten "reduzierenden Abtreibungen" bei Mehrlingsschwangerschaften fertig?

FAZIT:

PID gaukelt eine Garantie auf ein unbehindertes Kind vor. Krankheit und Behinderung wird es aber immer geben. Dennoch wird gesamtellschaftlich der Eindruck erweckt, Behinderungen seien generell vermeidbar. Behinderte Menschen werden zunehmend als Menschen betrachtet, die "heutzutage doch nun wirklich nicht mehr nötig" seien. Die Auswahl der Embryonen nach bestimmten Kriterien und das Verwerfen der anderen stellt Eltern und Arzte vor Entscheidungen, die das menschliche Maß überschreiten und deren soziale Spätfolgen schwer abschätzbar sind.

Wir sagen: NEIN!!!
PID GEHT ALLE AN!!!

Eine Informationsschrift der Interessenvertretung Selbstbestimmt Leben (ISL) zur Initiative gegen genetische Selektion 2002


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