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Bioethik - Singer und kein Ende

( aus: Phoenix e.V. Regensburg )

(Unter Berücksichtigung der Artikel von Monika Feyerabend und Christian Winter in der randschau 2/96)

Seit zahlreiche vehemente Proteste bewirkt haben, daß Peter Singer vom Science/Fiction-Kongreß, der am 1. Mai letzten Jahres in Heidelberg stattfand, wieder ausgeladen wurde, ist die Bioethik in ein größeres gesellschaftliches Bewußtsein gerückt.

Gerade in Zeiten knapper Gesundheitsressourcen, so der offizielle Sprachgebrauch, erfährt die Argumentationsweise der BioethikerInnen immer breitere gesellschaftliche Zustimmung. Allein am Beispiel der Pflegeversicherung läßt sich ablesen, daß die Bioethik heutzutage bereits wesentlich die Grundstruktur des Gesundheits- und Sozialwesens bestimmt: (Unsere) Lebensqualität wird über die Pflegeversicherung eine meßbare und damit in Zahlen ausdrückbare Größe. Zur Rechtfertigung dieses menschenunwürdign Sachverhaltes wird auf bioethische Begründungen zrückgegriffen.

Was will nun Biomedizin? Welche Ziele verfolgt die Bioethik?

Die Biomedizin hat sich der Verbesserung der Volksgesundheit, der Vision einer Gesellschaft ohne Kranke und Gebrechliche verschrieben (nationalsozialistische Ideologie läßt grüßen). Es geht dabei keineswegs, wie es auf den ersten Blick scheinen mag, darum, den Menschen ein glücklicheres, weil gesünderes Leben zu ermöglichen. BioethikerInnen betrachten vielmehr Ethik als reine Serviceleistung für die Biomedizin, also für die Wissenschaft und auch für die Industrie. Zwischen Industrie- und Wissenschaftsinteressen suchen sie einen Konsens. BioethikerInnen argumentieren nach bürokratischen und ökonomischen Gesichtspunkten und ordnen so die Verhältnisse im Sinne einer Ermöglichungsperspektive - nach dem Modell der Güterabwägung, der Kosten-Nutzen-Analyse. Es geht um das Erreichen bzw. die Stabilisierung von Karrierepositionen, um Drittmittelzuweisungen und Weltmarktanteile durch die Vermeidung von Kranken.

Nach Auffassung der BioethikerInnen sollen medizinische Leistungen, Therapieangebote usw. in Zukunft nach interdisziplinär erarbeiteten Maßstäben zugeteilt werden. Offen wird in der Bioethik die Frage nach dem ärztlichen Tötungsrecht, nach der Euthanasie an behinderten Neugeborenen, alten Menschen und chronisch Kranken diskutiert. So spricht der Rechtsphilosoph N. Hoerster unverhohlen von verschiedenen Wertigkeiten des Lebens - davon, daß ein Leben mit einem Defizit, einer Schädigung oder einer Behinderung einen geringeren Eigenwert besitze als ein Leben ohne Behinderung. Nach den Vorstellungen der BioethikerInnen, denen sich, man höre und staune, auch die Deutsche Forschungsgesellschaft in einem Positionspapier weitgehend anschloß, hat Forschungsfreiheit Vorrang vor Menschenwürde. Im angeblidh übergeordneten Interesse künftiger Generationen wird die Gewalt eines medizinischen Eingriffs an nicht entsdcheidungsfähigen Personen gerechtfertigt. Die Autonomie der PatientInnen endet immer dann, wenn diese nicht in der Lage sind, selbst vernünftig, d.h. im übergeordneten gesellschaftlichen Interesse, zu entscheiden. Der Forschungswille wird Menschenrecht; den Status des Forschungsobjektes hält die Bioethik für menschenwürdig. BioethikerInnen fordern noch mehr -Entscheidungspositionen, um auf die Veränderungen im Gesundheitswesen in ihrem Sinne Einfluß nehmen zu können. Mit ihrer Rhetorik treiben sie ein Umdenken hinsichtlich moralischer Werte voran.

Singer wurde ausgeladen. Aber Vorsicht! Gewissermaßen unter seinem Schutz können andere BioethikerInnen ihre Positionen unwidersprochen vertreten und auf bundesdeutsche Rechtsverhältnisse anwendbar machen. Die endgültige Fassung der Bioethik-Konvention der EU steht auch noch aus. "Die nachdenkliche Schwachsinnigkeit die(ser) Intellektuellen", so die Philosophin Hannah Arendt, wird viel zu wenig beachtet.


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