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(Bio-) Ethik


Patientenverfügungen

Für viel ist es ein Schreckbild, irgendwann hilf- und bewusstlos, an medizinische Apparate angeschlossen dem Tod entgegen zu dämmern. Deshalb soll das Recht todkranker Menschen auf ihren „vorletzten Willen" gestärkt werden. Eine Expertenkommission der Bundesregierung hat kürzlich Hilfestellungen für „Patentienverfügungen" vorgestellt. Doch wie endgültig solche Willensbekundungen zu verstehen sind, ist Ansichtssache.

Die meisten wollen zu Hause sterben

Patientenverfügungen sollten zur Auseinandersetzung mit dem Tod beitragen, anstatt diese zu ersetzen
von Katrin Grüber und Jeanne Nicklas-Faust

Kürzlich wurden die Ergebnisse einer Arbeitsgruppe im Bundesjustizministerium zu Patientenverfügungen der Öffentlichkeit vorgestellt. Sie fordert im Ergebnis eine Absicherung von Patientenverfügungen und eine Klarstellung erlaubter Sterbehilfe durch Gesetzesänderungen. Schon der Arbeitsauftrag hatte die Fragen nach der Verbindlichkeit und möglichen rechtlichen Absicherung von Patientenverfügungen ins Zentrum gestellt. Entscheidende Aspekte wurden jedoch von Anfang an ausgeblendet, z.B. die eigentliche Funktion von Patientenverfügungen und die Frage nach der Bedeutung von Patientenautonomie am Lebensende.

Unnötig langes Leid

Patientenverfügungen sind eine Reaktion auf eine „Hochleistungsmedizin bis zum bitteren Ende, die das Sterben und Leiden unnötig in die Länge ziehe. Sie sollen die Autonomie eines Patienten bewahren, der sich vor medizinischem Aktionismus schützen will. So wird in Patientenverfügungen festgelegt, welche medizinische Maßnahmen in Situationen mit aussichtsloser Prognose, in denen keine Willensäußerung mehr möglich ist, unterbleiben sollen oder inwieweit eine Schmerztherapie Vorrang vor einer Lebensverlängerung haben soll. In anderen Patientenverfügungen wird der Wunsch dokumentiert, dass unter bestimmten Umständen, die als nicht mehr lebenswert angesehen werden, auf künstliche Ernährung verzichtet oder die Flüssigkeitsgabe reduziert werden soll, was zum Tod führt.
Die Ergebnisse zahlreicher Untersuchungen zeigen, dass Patientenverfügungen oft ganz andere Zwecke als die konkrete Planung des Lebensendes erfüllen sollen. Sie können dazu dienen, sich mit einer Krankheit auseinander zusetzen oder dienen als Anlass für ein Gespräch mit Angehörigen über das Sterben.

Patienten, die eine Patientenverfügung erstellt hatten, gaben in einer amerikanischen Befragung an, sie wünschten nur zu einem kleinen Teil eine unbedingte Beachtung der eigenen Patientenverfügung. Die meisten sind der Meinung, wenn es gute Gründe gäbe, solle ihre Patientenverfügung von Nahestehenden und Ärzten nicht beachtet oder übergangen werden. Dies kann auch als Erkenntnis gewertet werden, wie sehr sich Einstellungen im Laufe des Lebens ändern können. Wer gesund ist, denkt über zukünftige Krankheiten und ihren Einfluss auf seine Lebensqualität oft anders als wenn er krank geworden ist. Der amerikanische Arzt Ryan fragt sogar, ob in der Tatsache, dass gesunde Menschen zu einem sehr hohen Prozentsatz eine Therapiebegrenzung für sich wünschen, Kranke dagegen sehr selten, nicht ein systematischer Fehler dieses Konzepts von Patientenverfügung liege.

Die allein rechtliche Gestaltung des Instruments Patientenverfügung greift zu kurz. Bei Novellierung bestehender Gesetze besteht die Gefahr, dass dies nicht der Klarstellung dient, sondern eine Verschiebung von Werten unterstützt. Es wäre stattdessen hilfreich, wenn mehr Ärzte die jetzige rechtliche Situation kennen würden - und den Unterschied zwischen der zugelassen passiven sowie indirekten Sterbehilfe und der verbotenen aktiven Sterbehilfe. Bei letzterer wird der Tod von Menschen nicht zugelassen, sondern willentlich herbeigeführt. So gibt es Fälle, wo ein Behandlungsabbruch auf der Intensivstation einer Universitätsklinik von den behandelnden Ärzten als aktive Sterbehilfe eingestuft wurde.

Eine gesellschaftliche und individuelle Auseinandersetzung mit dem Sterben in unserer Zeit wäre vordringlich. Trotz der Erfolge der Hospizbewegung ist es weiterhin notwendig, die Bedingungen, unter denen Menschen in Deutschland sterben, zu verändern. Die meisten Menschen wollen nicht im Krankenhaus, sondern zu Hause sterben. Dieser Wunsch wird bisher nur sehr selten erfüllt. Es bleibt die Frage, warum dies so ist und warum im Zusammenhang mit der Autonomie des Sterbenden der Zeitpunkt des Todes ein größeres Gewicht zu haben scheint als die Umstände des Sterbens. Der Nachholbedarf im Ausbau der Palliativmedizin, die Leiden lindert, ist trotz der Fortschritte der vergangenen Jahre noch erheblich.

Das Gespräch suchen

Es ist fraglich, oh Konflikte durch gesetzliche Regelungen vermieden werden können. Auch in Zukunft wird es schwierige Situationen im Zusammenhang mit dem Sterben geben. Einfache Lösungen sind in dieser Lebensphase nicht zu finden. Es wäre eine wichtige Unterstützung für Sterbende, Angehörige sowie Pflegende und Ärzte, wenn diese Tatsache anerkannt würde.
Patientenverfügungen sind dann hilfreich, wenn der Erstellungsprozess zur Auseinandersetzung mit dem eigenen Tod und dem Gespräch mit Angehörigen genutzt wird. So können sie auch Bestandteil einer dialogischen Arzt-Patienten-Beziehung werden, wie dies der Philosoph und Medizinethiker Beckmann ausführt. Entscheidungen werden gemeinsam mit dem Patienten getroffen und verantwortet. Es ist notwendig, die Wünsche, Erwartungen und Ängste von Menschen im Zusammenhang mit dem Sterben ernst zu nehmen. Dies wäre eine Anerkennung der Patientenautonomie, die nicht folgenlos bleiben würde. Patientenverfügungen sollten dazu dienen, Entscheidungen zu unterstützen, anstatt sie zu ersetzen.

aus: FR vom 16.Juli 2004, Seite 8


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