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Überblick: grüne Gentechnik


Die grüne Gentechnik ist zurzeit alles andere als sexy

Der Verkauf veränderter Pflanzen ist ein schwieriges Geschäft, aber womöglich gelingt der Branche der zweite Anlauf
Ulrich Dolata

Die Europäische Union hat sich Ende vergangenen Jahres auf eine recht umfassende Kennzeichnung genveränderter Nahrungsmittel geeinigt. Damit erhofft sich auch die Industrie, endlich aus der Defensive herauszukommen. Denn der europäische Lebensmittelmarkt ist in weiten Teilen von der Ablehnung der Verbraucher gegenüber genveränderter Nahrung geprägt. Ulrich Dolata hat in einem Überblick den schwierigen Markt und die Perspektiven der Unternehmen dargelegt. Der Autor ist Wirtschafts- und Sozialwissenschaftler am Forschungszentrum Arbeit - Umwelt - Technik (artec) der Universität Bremen. Seine Arbeitsschwerpunkte sind Innovations- und Technikforschung, Gentechnik und Internet. Wir dokumentieren seinen Text im Wortlaut.

Greenpeace warnt vor Genmais (dpa)

Die grüne Gentechnik ist seit der zweiten Hälfte der neunziger Jahre in den Blickpunkt sowohl politischer Kontroversen als auch industrieller Kommerzialisierungsinteressen geraten.

Getragen von einer breiten gesellschaftlichen Skepsis gegenüber gentechnisch veränderten Pflanzen und Lebensmitteln sowie zusätzlich stimuliert durch die BSE-Krise und Lebensmittelskandale hat sich in Europa ein massiver Druck zur Formulierung strenger Kennzeichnungsregeln für gentechnisch veränderte Lebensmittel und rigider Bestimmungen zum Umgang mit gentechnisch veränderten Organismen (GVO) aufgebaut - und sich 1998 in einem De-facto-Moratorium für die Zulassung und Vermarktung von GVO-Produkten innerhalb der Europäischen Union niedergeschlagen. Zugleich hat sich die grüne Gentechnik in diesem Zeitraum weltweit aber auch zu einem (neben dem Pharmabereich als dem nach wie vor unangefochtenen Kernmarkt) zweiten Feld der kommerziellen Nutzung der Biotechnologie entwickelt - und sich in einer zunehmenden industriellen Nutzung und Vermarktung vor allem transgener Pflanzenprodukte konkretisiert.

Im Folgenden wird ein genauerer Blick auf die ökonomische Bedeutung, die dieser Teilbereich der Gentechnik mittlerweile erlangt hat, geworfen: auf die Märkte, Konkurrenzmuster und industriellen Akteure, die den Kommerzialisierungsprozess tragen.

1. Grüne Gentechnik: Ein neues kommerzielles Betätigungsfeld

Der kommerzielle Anbau transgener Nutzpflanzen begann 1996. Seither ist ein erheblicher jährlicher Zuwachs der weltweiten Anbauflächen für derartige Pflanzen zu beobachten. Die gesamte Anbaufläche für gentechnisch veränderte Pflanzen - dies sind vor allem Soja, Baumwolle, Raps und Mais, daneben auch Kartoffeln, Kürbis und Papaya - erreichte in 2001 weltweit bereits rund 54 Millionen Hektar. Zum Vergleich: Die Gesamtfläche Deutschlands beträgt 35 Millionen Hektar.

Der kommerzielle Anbau transgener Nutzpflanzen ist allerdings erstens regional sehr ungleich verteilt: Er konzentriert sich auf die Vereinigten Staaten (mit ca. zwei Dritteln der gesamten Anbaufläche), Argentinien (mit einem weiteren Viertel) und Kanada (mit ca. sieben Prozent).

In Europa, dem neben Nord- und Südamerika dritten zentralen Agrarmarkt, bestand dagegen, maßgeblich angestoßen durch gesellschaftliche Inakzeptanzen gegenüber der grünen Gentechnik, seit 1998 ein De-facto-Moratorium: Hier wurden gentechnisch veränderte Pflanzen bislang nur zu Forschungs- und Versuchszwecken angebaut.

Zweitens ist das Spektrum transgener Pflanzen bislang auf wenige Sorten und technisch einfach zu realisierende Merkmalsveränderungen begrenzt geblieben: Sie sind entweder herbizidresistent (zu 71 Prozent) oder insektenresistent (zu 22 Prozent) oder mit einer kombinierten Herbizid- und Insektenresistenz (zu 7 Prozent) ausgestattet.

Veränderte Qualitätsmerkmale, die auch den Verbrauchern einen zusätzlichen Nutzen versprechen (wie etwa eine Reduktion von toxischen Inhaltsstoffen und Allergenen oder Qualitätsverbesserungen) spielen im kommerziellen Anbau transgener Pflanzen dagegen noch keine Rolle. Entsprechende Produkte dürften erst in fünf bis zehn Jahren technisch realisierbar sein und auf den Markt kommen.

Drittens schließlich ist die Pflanzengentechnik bislang alles andere als eine ökonomische Erfolgsstory. Auch die großen Agrochemiekonzerne, die in den vergangenen Jahren hohe Investitionen in die Biotechnologieforschung, die Akquisition von Konkurrenten und den Zukauf von Saatgutfirmen getätigt haben, weisen - mit Ausnahme des US-amerikanischen Biotechnologievorreiters Monsanto - bislang lediglich geringe Umsatzanteile mit transgenen Produkten auf. Ihr Kerngeschäft ist nach wie vor die Herstellung und Vermarktung konventionellen Saatguts und darauf abgestimmter Pflanzenschutzmittel.

2. Agrochemie: Markt- und Konkurrenzstrukturen

Auf dem Markt für Saatgut und Pflanzenschutzmittel, um den es hier geht, werden zurzeit weltweit Umsätze in Höhe von ca. 42 Milliarden US-Dollar erzielt - davon ca. 13 Milliarden mit Saatgut und weitere 29 Milliarden mit Pflanzenschutzmitteln. Der Markt ist hoch konzentriert: Die sechs derzeit führenden Agrochemiekonzerne - Syngenta, Bayer CropScience, Monsanto, DuPont, BASF und Dow - teilen ca. drei Viertel dieses Umsatzes unter sich auf.

Im Vergleich zum dynamisch wachsenden Pharmaweltmarkt, auf dem in 2001 insgesamt über 350 Milliarden US-Dollar umgesetzt wurden, handelt es sich hier allerdings um ein vergleichsweise kleines ökonomisches Segment, das überdies von stagnierenden Märkten und zum Teil rückläufigen Umsätzen geprägt ist.

Die Preise für landwirtschaftliche Produkte fallen seit geraumer Zeit. Die Landwirte bauen weltweit weniger an und fragen entsprechend weniger Saatgut und Pflanzenschutzmittel nach. Zusammen mit der tiefen Krise in Lateinamerika hat dies auch im vergangenen Jahr zu Preis- und Umsatzrückgängen bei Pflanzenschutzmitteln und Saatgut geführt.

Dementsprechend prekär ist die Ertragssituation auch der Großen der Branche. Und dementsprechend intensiv ist die Konkurrenz um Marktanteile und neue Produkte, die auf zwei Ebenen ausgetragen wird: Zum einen versuchen die führenden Agrochemiehersteller, ihre Marktposition insbesondere mit neu entwickelten Kombiangeboten aus gentechnisch verändertem Saatgut und darauf abgestimmten Pflanzenschutzmitteln zu verbessern. Sie haben dazu in den vergangenen Jahren nicht nur massiv in die Biotechnologieforschung investiert, sondern auch in großem Umfang Saatgutfirmen aufgekauft.

aus: Frankfurter Rundschau 6.1.2003, Seite 6


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