BMO 

Überblick: (Bio-) Ethik


KOMMENTAR
Geklonte Moral

Von Michael Emmrich


Das Unbehagen kommt direkt aus dem Bauch. Die Nachricht vom geklonten Mensch aktiviert archetypische Bilder und fest eingebrannte Menschheitsvorstellungen von Frankenstein, Homunkulus und schönen neuen Welten. Empörung über das angebliche erste Klonbaby ist allenthalben zu vernehmen. Doch viele Forscher und Politiker, die sich da echauffieren, pflegen eine scheinheilige Moral. Sie messen mit zweierlei Maß und zeigen sich vor allem deshalb beunruhigt, weil jetzt auch anderen Klontechnikern die Vertreibung aus dem Paradies und die Diskreditierung ihrer Arbeit droht. Macht doch die Geburt Evas deutlich, dass nicht so einfach zwischen gutem und schlechtem Klonen unterschieden werden kann.

Dabei ist es völlig nachrangig, ob Eva wirklich aus dem Klonlabor der Ufosekte und ihrem kommerziellen Arm, der Firma Clonaid, entstammt oder bloß eine mediale Kopfgeburt darstellt. Die Antinoris oder Boisseliers dieser Welt sind nur die erregende und aufreizende Avantgarde einer Zunft, die sich - wenn die Empörungswelle einmal ausgelaufen ist - mit viel seriöserem Gestus und weitaus verfeinerten Methoden an das genetische Kopiergeschäft heranmachen wird. Auch das ist typisch für das bekannte Reiz-Reaktions-Schema bei Tabubrüchen.

Die emotionale Ablehnung des Menschenklonens wird dem Betrachter aus zwei Gründen leicht gemacht. Da weisen einerseits Antinori und Konsorten negative Attribute zuhauf auf - von der persönlichen Eitelkeit über das faszinierend Abstoßende bis hin zum hybridem Forschungsdrang. Andererseits sind in vielen Teilen der Welt noch christliche Traditionsstränge virulent, auch wenn sie nicht mehr gelebt werden. Das Klonen von Menschen verstößt in diesem Selbstverständnis und Kontext gegen den Schöpfungsgedanken.

Es gibt gute Gründe gegen das so genannte reproduktive Klonen. Aber viele Einwände, die derzeit vorgebracht werden, tragen nicht weit. Alle Vorbehalte gegen die Unreife der Technik und die Gefahr der Missbildung des Klons errichten nur so lange ein Bollwerk, bis die Forscher ihr Handwerkszeug verbessert haben. Auch mit dem Verweis auf das Unnatürliche des Vorgangs kommt man nicht dagegen an. Jedes Medikament soll schließlich der Natur ein Schnippchen schlagen. Natur transportiert außerdem noch lange keine Moral. Die Argumentation mit der Instrumentalisierung der Klone durch ihre Erzeuger ist ebenfalls eine stumpfe Waffe; auch beim normalen Zeugungsakt und erst recht bei der weithin akzeptierten künstlichen Befruchtung mögen sich Eltern von der Vorstellung leiten lassen, in ihren Kindern fortzuleben. Und schließlich: Ein Klon, erst einmal geboren, ist wie jeder andere Mensch ein vollwertiges Mitglied der Spezies - mit Würde, mit Rechten und Pflichten.

Die Forderung nach einem Klonverbot muss deshalb aus der Selbstvergewisserung einer Gemeinschaft folgen. Nur in diesem Kontext ist ein Urteil über dieses technische Verfahren möglich und sinnvoll. Das heißt: Eine Gesellschaft muss entscheiden, wie sie existieren will und wie weitreichend ihre Eingriffe in die Umwelt sein sollen. Der Mensch erschafft sich und seine Umwelt stets neu. Das ist kein neues Faktum. Aber jede weitere Möglichkeit der Selbsterzeugung verändert die Bindungskräfte zwischen den Menschen und in Gesellschaften insgesamt. Nicht erst das Klonen hat die Verfügung über den Embryo zum Prinzip erhoben. Das verändert den Begriff vom menschlichen Leben und führt zu neuen Fragen nach seinem Schutz und seiner Verletzlichkeit. Diese Grenze ist immer wieder neu zu ziehen. Dazu fordert nun auch das Klonen auf.

Aber klar ist zugleich: Die aufgeregte Debatte über das reproduktive Klonen wird zugleich als Entlastungsangriff für das so genannte therapeutische Klonen geführt. Dabei ist schon der Begriff eine Falle. Wird doch hierbei ein Klon zu keinem anderen Zweck hergestellt, als ihn für die Gewinnung von Stammzellen zu töten. Ob diese Zellen dann freilich jemals zu einer therapeutischen Anwendung kommen, ist offen.

Nur hat das therapeutische Klonen in der öffentlichen Debatte einen weitaus besseren Klang, weil es mit mannigfaltigen medizinischen Heilserwartungen aufgeladen ist und Sehnsüchte eines jeden einzelnen anspricht. Dagegen haftet dem reproduktiven Klonen der Ruch des Maßlosen, Egoistischen und Individuellen an. Diese emotionalen Vorprägungen führen dann zu einer Nutzen-Risiko-Analyse, die die Zerstörung von Leben als sinnvoll und gerechtfertigt erscheinen lassen kann.

Es spricht vieles für ein Verbot beider Klon-Anwendungen. Aber eine Gesellschaft, die das "therapeutische" Klonen duldet, erlaubt oder fördert wie auch die deutsche, kann sich moralisch nur schlecht über das reproduktive Klonen erheben. Egal, wie man sich zum Klonen im Einzelnen verhält: Zwischen reproduktivem und "therapeutischem" Erzeugen von Embryonen gibt es einen fundamentalen Unterschied. Wer also das Töten von menschlichen Wesen als höherwertiger betrachtet als das Erzeugen von Kindern, hat seine Maßstäbe verrückt.

aus: Frankfurter Rundschau 3.1.2003, Seite 5


BM-Online