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Überblick: Disability Studies


Behinderte Frauenbewegung *

Wie konnte es eigentlich zu einer Bewegung behinderter Frauen kommen?

Aus heutiger Sicht wissen wir: Es musste sich eine eigene Bewegung entwickeln. Die Zeit war reif. Und auch heute ist der Zusammenhalt von Frauen mit Behinderungen mehr denn je notwendig... Aber immer der Reihe nach.

Alles fing an mit einzelnen Krüppelfrauengruppen und Gesprächskreisen für behinderte Frauen in Volkshochschulen und Frauengesundheitsläden. Das war um 1977 herum. Richtig los ging es dann 1981 im UNO Jahr der Behinderten. Dort fand unter anderem ein Krüppeltribunal statt, wo behinderte Menschen "auf die Barrikaden gingen". Hier wurden Politikerinnen und traditionelle Behindertenverbände und -Institutionen angeprangert. Diskriminierungen wurden in der BRD erstmals im großen Stil und öffentlichkeitswirksam thematisiert.

Während des Krüppeltribunals nahmen sich Frauen den Raum, ihre Erfahrungen einer breiten Öffentlichkeit zugänglich zu machen. Dort wurde erstmals der Begriff der dreifachen Diskriminierung geprägt (patriarchal-kapitalistische Unterdrückung, Unterdrückung als Frau und Unterdrückung als Behinderte). Themenschwerpunkte waren:

1. Das Schönheitsideal und seine Folgen. Hierher stammen die Slogans
"Krüppelsein paßt in keine Mode!" und "Wer schön sein will, muß leiden wird für behinderte Frauen bittere Realität!"
2. Im Rahmen der Gynäkologie wurde der verachtende Umgang von Frauenärztinnen mit behinderten Frauen thematisiert.
3. Der §218 und sexuelle Gewalt wurde insbesondere auch vor dem Hintergrund der Lebenssituationen in Heimen thematisiert.

Im Anschluß an das Krüppeltribunal gründeten sich Anfang der 80er Jahre vermehrt Krüppelfrauengruppen. Hier suchten Frauen (in erster Linie Frauen mit Körperbehinderungen) den Austausch über Benachteiligungen im Alltag und der Familie. Sexuelle Erfahrungen und Partnerschaftserlebnisse konnten hier besprochen werden - in einem geschützten Raum, wo jede so sein konnte wie sie ist. Wo behinderte Frauen mit ähnlichen Lebensrealitäten endlich mal unter sich sein konnten. Hier sind viele Frauen stark geworden! Hier haben Frauen erfahren, daß sie nicht alleine Schamverletzungen und Grenzüberschreitungen bei Ärztinnen, in Reha-Kliniken und Krankenhäusern erfahren haben. Hier wurde die ganze angestaute Wut von vielen Jahren in Provokation und positive Energie umgewandelt und es entstanden Slogans wie "Wirf die Prothesen weg, wenn sie Dir nichts nützen!" Die Ergebenheit gegenüber Fachpersonal hatte ein Ende - zumindest für aktive Krüppelfrauen.

Aber woher kamen die Frauen auf einmal? Wo waren sie vorher? Und warum mußte es plötzlich "etwas Eigenes" geben? Die Frage, warum sich Frauen mit Behinderungen zu einer eigenen Bewegung zusammenschließen mußten, klingt zunächst berechtigt. Schließlich gab es schon die Frauenbewegung; die Krüppelbewegung hatte sich auch bereits formiert. Es gab auch behinderte Frauen, die in der Frauenbewegung aktiv waren. Frauen, die mitschwangen auf der Welle der Begeisterung, mit gemeinsamem Frauenpower etwas bewegen zu können. Viele (nicht nur Frauen) sind jedoch enttäuscht worden. Was in den 60er Jahren mit Aufruhr begann, sah jetzt, Ende der 70er Jahre ganz anders aus. Die schlechte wirtschaftliche Situation, die hohe Arbeitslosigkeit, die politischen Unwegsamkeiten zeigten ihre Auswirkungen. So manch eine Frau mit Behinderung stellte fest, daß sie trotz aller weiblicher Gemeinsamkeiten in der Frauenbewegung keinen Platz in ihrer gesamten Identität hat. Eben als Frau, die so ist wie sie ist, auch wegen ihrer Behinderung. Es gibt Berichte von Ausgrenzungserfahrungen und Entmündigungsversuchen. Daraufhin hatten bis dato aktive Frauen mit Behinderungen keine Lust mehr, sich in der Frauenbewegung zu engagieren und zu hören: "Wir sind doch alle gleich!" "Wir stellen fest, daß wir eine Klasse schlechter sind, nicht wirklich dazu gehören und somit gar nicht erst die Chance bekommen, mitzuhalten oder zu konkurrieren. (Unabhängig davon, ob wir das überhaupt wollen.)" (Krüppelzeitung 1982, S.58)

Die Zeit war also reif, sich abzugrenzen, etwas Eigenes zu beginnen. Was nicht heißt, daß es nicht auch immer wieder Gemeinsamkeiten gab und gibt zwischen behinderten und nichtbehinderten Frauen.

Es blieb aber nicht bei Krüppelfrauengruppen. Es ging weiter!

Einige Frauen schrieben ihre Erlebnisse sehr schnell auf, um sie der Allgemeinheit zugänglich zu machen. Das 1. Buch einer behinderten Frau, welches auf den bundesdeutschen Buchmarkt erschien, war 1977der Erfahrungsbericht von Ursula Eggli: "Herz im Korsett". 1985 folgte das Buch, welches auf einer Frauentagung vor wenigen Wochen "unsere Bibel" genannt wurde: "Geschlecht behindert, besonders Merkmal frau". Herausgegeben wurde es von den heute noch aktiven Autorinnen Carola Ewinkel und Gisela Hermes.

Folgende Themen wurden vorwiegend diskutiert:

• Kindheitsberichte "Wegschminken" der Behinderung durch Schmuckprothesen und Schminkkurse für blinde Frauen
• Berichte, daß Mädchen geschlechtsneutral erzogen werden
• Sondereinrichtungen
• Erwerbsarbeit
• Sexuelle Gewalt
• §218
• Pränataldiagnostik
• Gen- und Reprotechnik
• Sexualität
• Mutterschaft

Es war jedoch nicht so, daß mit Beginn der Behinderten Frauenbewegung ausschließlich Frauen mit Behinderungen zusammenarbeiteten. Es gab zum einen immer wieder Auseinandersetzungen mit nichtbehinderten Frauen über deren Behindertenfeindlichkeit, aber auch positive Beispiele der Zusammenarbeit von behinderten und nichtbehinderten Frauen. Dazu gehören Berichte oder Schwerpunkthefte von Frauenzeitschriften wie EMMA und Courage in den Jahren 1980 und 1981. Hier können wir lesen, wie wohl sich behinderte Frauen auch in Frauenzusammenhängen gefühlt haben: "Von den Frauen im Zentrum fühlte ich mich als Frau angenommen. Ich konnte sehr intensiv mit ihnen reden, ich konnte meine Zuneigung zeigen, ohne anschließend fertig gemacht zu werden" (Bentrup in Courage 1980).

Es gab also beides: Eine Akzeptanz und eine Ablehnung von Frauen mit Behinderungen in der Frauenbewegung. Und es gab unterschiedliche Erfahrungen und Bewertungen der Frauenbewegung von Frauen mit Behinderungen.

Diskussionen innerhalb der Bewegung

Es gab und gibt jedoch auch immer wieder unterschiedliche Positionen der behinderten Frauen untereinander. Zur Verdeutlichung seien hier drei Beispiele genannt:

• Ende der 80er Jahre gab es heftige Diskussionen um die Mitarbeit in Parteien. Einige Frauen und Männer der Selbstbestimmt-Leben-Bewegung engagierten sich verstärkt in der Partei der GRÜNEN, weil sie dort ein politisches Feld zur Umsetzung ihrer Forderungen sahen. Andere, wie z.B. Anneliese Mayer kritisierten diesen Schritt, weil das Machtsystem nicht von innen heraus veränderbar wäre und mit der außerparlamentarischen Arbeit bereits viele Erfolge erreicht wären.
• In den 90er Jahren gab es heftige Diskussionen um die Wortschöpfung "Doppelte Diskriminierung" behinderter Frauen. Während die einen diesen Begriff als politisches Signal nutzen wollten, kritisierten die anderen, dass eine Diskriminierung nicht potenzierbar sei.
• Gegen Ende der 90er Jahre kamen wiederum neue Wortschöpfungen in Mode. Immer häufiger tauchten Begriffe wie "andersfähige" oder "andersartige" Frauen auf, um die negative Zuschreibung der Behinderung aufzufangen. Gegnerinnen dieser Wortschöpfung halten eine Verwässerung der Tatsachen dagegen. Daneben gibt es immer wieder unterschiedliche Diskussionen über die Nutzung der Begriffe: behinderte Frau, Frau mit Behinderung, Frau mit Beeinträchtigung, Krüppelfrau, Frau mit geistiger Behinderung, Frau mit sogenannter geistiger Behinderung oder Frau mit Lernschwierigkeit.

Neben all diesen Diskussionen war und ist eines jedoch wichtig: Die Behinderte Frauenbewegung (oder wie wir sie auch sonst nennen wollen) war geboren und sie war nicht mehr aufzuhalten!

Literatur:

* Dieser Artikel basiert auf ein Referat von Martina Puschke zur Tagung "Freiheit, Gleichheit, Schwesterlichkeit" des bifos e.V. vom 4.-6.6.1999
Daniels, von Susanne u.a.: Krüppel-Tribunal, Köln 1983
Ewinkel, Carola; Hermes, Gisela: Geschlecht behindert, besonderes Merkmal Frau, München 1985
Krüppelzeitung 1981
Weitershagen, Uta: Frauen mit Behinderung und deren Interessenberücksichtigung in der Frauen- und Krüppelbewegung, unveröff. Examensarbeit, Köln 1996

Sommeruni2003 - Behinderung NEU denken - Bremen

Brigitte Faber, Martina Puschke (Weibernetz e.V.): "Vom alten Wein und neuen Wegen der behinderten Frauenbewegung" 21. - 25.7.2003


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