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Überblick: Disability Studies


Die bundesdeutsche Frauenbewegung

Wir sprechen hier heute von der zweiten deutschen Frauenbewegung, die in den 60er Jahren des letzten Jahrhunderts begann und nicht von der ersten deutschen Frauenbewegung vom Ende des 19. Jahrhunderts. Die Wurzeln der Frauenbewegung liegen in der Studentenbewegung Ende der 60er Jahre, wo auch viele Studentinnen aktiv waren. Sie wehrten sich hier gegen ihre Unterdrückung durch Männer. Die Frauen wurden von ihren Kollegen jedoch nicht verstanden und gründeten daraufhin erste Weiberräte.

In der Öffentlichkeit erregten mutige Frauen das erste Mal im Juli 1971 große Aufmerksamkeit durch die Selbstbezichtigungskampagne der Zeitschrift "stern": "Ich habe abgetrieben". Die Kampagne wurde von Alice Schwarzer initiiert und an ihr beteiligten sich eine Reihe von prominenten und weniger bekannten Frauen. Die Kampagne erregte großes Aufsehen, denn das Thema "Abtreibung" war damals stark tabuisiert, geächtet und qua Gesetz (dem legendären § 218 Strafgesetzbuch (StGB)) verboten. Nach dieser Kampagne war eine Vielzahl von Frauen ermutigt, sich für die Abschaffung des § 218 einzusetzen. Sie gründeten in den verschiedensten Städten Deutschlands Frauengruppen. Die Frauenbewegung war geboren. In den Frauengruppen ging es jedoch nicht nur um die Abtreibungsfrage, wenngleich diese über viele Jahre hinweg - bis heute - immer wieder eine große Rolle spielte. Es gab politische Gruppen, die in erster Linie Demonstrationen und andere Aktionen in der Öffentlichkeit organisierten. Dagegen setzten sich die Frauen der Selbsterfahrungsgruppen mit ihrer Sexualität, Verhütung, Schwangerschaft, aber auch der gesellschaftlichen Situation auseinander. In dieser ersten Phase der Frauenbewegung entstand auch der Kampfsatz: "Das Private ist politisch!"

Es blieb auch nicht bei vereinzelten Frauengruppen. In einigen Städten gründeten sich Frauenzentren als Treffpunkte für Frauen. In diesen selbst organisierten Räumen wurden verschiedene Treffen abgehalten; es gab Diskussionsrunden; zum Teil Beratungsangebote, Feste. In diesen Zentren wurden die Aktivitäten der Frauenbewegung entwickelt. Hier war der Versammlungsort für Frauen, die sich gegen die gesellschaftliche Unterdrückung der Frau zur Wehr setzen wollten. Konkrete erste politische Erfolge der Frauenbewegung:

• 1976 wurde der § 218 geändert. Abtreibung war nicht mehr generell verboten. Sie durfte aus medizinischen, kriminologischen, sozialen und embryopathischen Gründen durchgeführt werden.
• Ab 1976 konnte bei der Eheschliessung der Name der Frau als Familienname gewählt werden.
• Seit 1977 durften Ehefrauen auch ohne ausgesprochene Erlaubnis des Ehemannes erwerbstätig werden.
• 1977 wurde auch das Scheidungsrecht reformiert, welches es Frauen ermöglichte die Scheidung einzureichen.

Eine eigene Frauenkultur

Ab Mitte der 70er Jahre entwickelte sich mit der Gründung von Frauenmusikgruppen, Frauenkneipen, Frauenbuchläden, Frauencafes, Frauenberatungsstellen und weiteren Frauenprojekten eine eigene Frauenkultur. Auch Frauenzeitschriften wie "Courage" und "Emma" wurden entwickelt.

In den Universitäten begannen Frauen über die Geschichte von Frauen zu forschen und entsprechende Bücher zu schreiben. Auch die Idee einer Sommer-Universität wurde in den 70er geboren. Die erste Sommeruni fand 1976 in Berlin statt, die zunächst jährlich wiederholt wurde. Auf einer der Sommerunis wurden die ersten Schritte in Richtung feministische Wissenschaft gelegt. Nachdem sich die Diskussionen um die Abtreibungsdebatte zunächst einmal gelegt hatten, besetzte ein neues Thema die Frauendiskussionen: Gewalt. Nachdem das erste internationale Tribunal "Gewalt gegen Frauen" 1976 in Brüssel mit großem Erfolg stattgefunden hatte, gründete sich in Deutschland das erste Frauenhaus für geschlagene Frauen in Berlin. Es folgen Selbstverteidigungskurse und die Auseinandersetzung mit sexualisierter Gewalt an Mädchen. Sexualisierte Gewalt ist seither eines der Hauptthemen der Frauenbewegung. Einige der damals aufgebauten Strukturen bestehen bis heute, zum Beispiel Frauenhäuser. Es gab natürlich weitere Themen, über die bereits in den 70er Jahren diskutiert wurde.

Dazu gehören zum Beispiel:

• gleiche Entlohnung für gleiche Arbeit
• Hinterfragung der Rolle der Frau in der Gesellschaft
• Armut
• Gen- und Reproduktionstechnologien
• Rassismus
• Vereinzelt Thema behinderte Frauen (Anfang der 80er Jahre)
• Selbstbestimmung

Spaltung der Bewegung

Anfang der 80er Jahre spalteten sich die Frauen in diejenigen, die weiterhin für eine eigene Frauenkultur kämpften und diejenigen, die sich in Parteien und Gewerkschaften engagierten, um dort Frauenthemen einzubringen. Die Anfangseuphorie des gemeinsamen Einsatzes für eine Aufweichung des Patriarchats ließ nach. Die radikal-feministischen Frauenstimmen wurden immer leiser. Es formierten sich immer mehr Frauen, die Bündnisse mit Männern eingehen wollten, um etwas zu erreichen. Diese Spaltung der "Frauenbewegung" ist bis heute spürbar. Es gibt weiterhin Feministinnen, die parteiliche Frauenarbeit leisten und gesellschaftliche Entwicklungen aus Frauensicht betrachten. Der Trend zur sogenannten "Gender" Debatte ist jedoch auch nicht mehr aufzuhalten.

Literatur:

Frauenjahrbuch `76, hrsg. von der Jahrbuchgruppe des Münchener Frauenzentrums, München 1976
Schwarzer, Alice: So fing es an! Die neue Frauenbewegung, Köln 1983
Weitershagen, Uta: Frauen mit Behinderung und deren Interessenberücksichtigung in der Frauen- und Krüppelbewegung, unveröff. Examensarbeit Köln 1996

Sommeruni2003 - Behinderung NEU denken - Bremen

Brigitte Faber, Martina Puschke (Weibernetz e.V.): "Vom alten Wein und neuen Wegen der behinderten Frauenbewegung" 21. - 25.7.2003


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