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Überblick: Disability Studies


Gender Mainstreaming

Dass wir als Frau oder Mann in dieser Gesellschaft leben, hat große Auswirkungen auf unsere Lebensrealität. Dies spiegelt sich in den unterschiedlichsten Bereichen des Lebens wieder. Noch immer sind Frauen diejenigen, die in erster Linie für die Haus- und Familienarbeit zuständig gemacht werden. In den Führungspositionen finden sich überwiegend Männer wieder. Diese Erkenntnis des sozialen Geschlechts ist keineswegs neu. Die Frauenbewegung kritisiert die sozialen Ungerechtigkeit im Umgang mit Frauen seit vielen Jahren. Aus der Frauenbewegung ist auch die Frauenforschung entstanden, die diese "Phänomene" erforscht und daraus gesellschaftspolitische Forderungen entwickelt hat. An vielen Universitäten haben sich Lehrstühle für Frauenforschung gebildet.

Über Frauenforschung und feministische Politik wird seit einigen Jahren jedoch nur noch selten gesprochen. Heute wird "Gender Studies" und "Gender Mainstreaming" betrieben.

Was heißt Gender Mainstreaming?

Gender Mainstreaming

bedeutet, bei allen gesellschaftlichen Vorhaben die unterschiedlichen Lebenssituationen und Interessen von Frauen und Männern von vornherein und regelmäßig zu berücksichtigen, da es keine geschlechtsneutrale Wirklichkeit gibt. Gender kommt aus dem Englischen und bezeichnet die gesellschaftlich, sozial und kulturell geprägten Geschlechtsrollen von Frauen und Männern. Diese sind - anders als das biologische Geschlecht - erlernt und damit auch veränderbar Mainstreaming

(englisch für "Hauptstrom") bedeutet, dass eine bestimmte inhaltliche Vorgabe, die bisher nicht das Handeln bestimmt hat, nun zum zentralen Bestandteil bei allen Entscheidungen und Prozessen gemacht wird

Gender Mainstreaming ist damit ein Auftrag

- an die Spitze einer Verwaltung, einer Organisation, eines Unternehmens und
- an alle Beschäftigten,

die unterschiedlichen Interessen und Lebenssituationen von Frauen und Männern

- in der Struktur
- in der Gestaltung von Prozessen und Arbeitsabläufen
- in den Ergebnissen und Produkten
- in der Kommunikation und Öffentlichkeitsarbeit
- in der Steuerung (Controlling)
von vornherein zu berücksichtigen, um das Ziel der Gleichstellung von Frauen und Männern effektiv verwirklichen zu können. (Definition aus: www.gender-mainstreaming.net)

In Schweden wird das Konzept des Gender Mainstreamings seit 1994 umgesetzt. Gleichstellung ist seither nicht mehr ausschließlich Aufgabe des Frauen- oder Gleichstellungsministeriums, sondern aller Ministerien. 1996 hat sich die Europäische Union verpflichtet, Gender Mainstreaming in alle politischen Konzepte und Maßnahmen einfließen zu lassen. Seit dem Jahr 2001 sind alle Bundesministerien verpflichtet, ihre Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter entsprechend zu schulen und Pilotprojekte zur Umsetzung zu starten. In einigen Bundesländern wird Gender Mainstreaming ebenfalls durchgesetzt.

Unterschied zwischen Frauenpolitik und Gender Mainstreaming

Frauenpolitik: Gender Mainstreaming:
Frauenförderung wird von speziellen organisatorischen Einheiten
betrieben, die für Gleichstellungspolitik zuständig sind,
etwa von der Frauenbeauftragten in einem Unternehmen oder in einer Behörde.
Demgegenüber setzt Gender Mainstreaming auf die
Beteiligung aller an einer Entscheidung beteiligten
Personen. Es liegt nun in der Verantwortung der jeweils
Zuständigen - und nicht mehr ausschließlich in der
Verantwortung der Frauenpolitik -, Gleichstellung
zwischen Männern und Frauen herzustellen.
Der Ansatzpunkt für Frauenförderpolitik ist eine konkrete
Situation, in der die Benachteiligung von Frauen unmittelbar zum
Vorschein kommt.
Gender Mainstreaming setzt demgegenüber bei allen
politischen Entscheidungen an, auch bei denen, die auf
den ersten Blick keinen geschlechtsspezifischen Problemgehalt haben.
Es kann rasch und zielorientiert gehandelt werden;
Die die jeweilige Maßnahme beschränkt sich jedoch
auf auf spezifische Problemstellungen.
Gender Mainstreaming dagegen setzt als Strategie grundlegender
und breiter an. Die Umsetzung dauert damit länger;
der Ansatz beinhaltet jedoch das Potential für eine nachhaltige Veränderung
bei allen Akteuren und Akteurinnen und bei allen politischen Prozessen
(aus: www.gender-mainstreaming.net)

Wird die Frauenpolitik demnächst überflüssig?

Feministinnen befürchten, dass durch den neuen Ansatz des Gender Mainstreamings die Frauenpolitik und damit einhergehend auch spezielle Frauenprojekte, die im Rahmen der Frauenbewegung aufgebaut wurden, kaputt gemacht werden. Es wird befürchtet, dass sich Projekte künftig nicht mehr ausschließlich um die Benachteiligung von Frauen kümmern dürfen, sondern die Lebensrealität von Männern mit einbeziehen müssen. So würden feministisch orientierte Projekte und Politikansätze systematisch eliminiert. Befürworterinnen und Befürworter des Gender Mainstreamings halten entgegen, dass es noch lange Frauenpolitik wird geben müssen.

Sommeruni2003 - Behinderung NEU denken - Bremen

Brigitte Faber, Martina Puschke (Weibernetz e.V.): "Vom alten Wein und neuen Wegen der behinderten Frauenbewegung" 21. - 25.7.2003


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