Sueddeutsche Zeitung vom 09.05.97

Von Annette Baronikians

Eine Altenpflegerin kann nicht mehr guten Gewissens zusehen und schweigen:

Fuer menschenwuerdige Behandlung bleibt keine Zeit

Personal ist "totungluecklich": Nur noch "Satt-Sauber-trocken"-Pflege moeglich / Gesetze an Mißständen schuld

Brigitte Nerger-Ziehr arbeitet in einem Altenheim, das seit kurzem in die Traegerschaft der Muenchenstift GmbH uebergegangen ist. "Das war einmal ein Vorzeigeheim", sagt die 49jaehrige Muenchnerin. Doch diese

Zeiten seien laengst vorbei: "Die Pflegegesetze haben furchtbare Auswirkungen, und die alten Menschen muessen es ausbaden." Mit Einfuehrung der Pflegeversicherung gebe es auf den Pflegestationen kaum

mehr "leichtere Faelle", sondern fast ausschliesslich Schwerstpflegebeduerftige, die zwar "mehr Geld bringen, aber einen sehr hohen Pflegeaufwand benoetigen". Fuer das Pflegepersonal stelle dies natuerlich eine grosse psychische und physische Belastung dar: "Ein Altenheim ist eigentlich kein Siechenhaus, sondern eine

Lebensstation", klagt Nerger-Ziehr.

Haeufig haetten zwei Pflegekraefte in der Frueh rund fuenfzehn schwerstpflegebeduerftige Patienten zu versorgen: "Die sind nachher voellig abgekaempft." Die meisten Altenpfleger machten "ihren Job mit

Herzblut", doch inzwischen muesse unter so "unmenschlichen Bedingungen" gearbeitet werden, "dass vieles nicht mehr geht". Hierzu zaehle beispielsweise der Gang zur Toilette, der haeufig durch Windeln "eingespart" werde. Weil die Zeit zum "Nachschauen" fehle, wuerden Pflegebeduerftige auch immer wieder mal angebunden: "Doch diese Art von Sicherheit ist Freiheitsberaubung." Das Haus habe "eigentlich" einen schoenen Park, doch diesen bekaemen die Bewohner der Pflegestationen kaum mehr zu sehen: "Fuer den begleitenden Arm ist keine Zeit mehr", sagt Nerger-Ziehr. "Verhungern" wuerde niemand, doch "die eigentlichen Grundbeduerfnisse" blieben auf der Strecke: "seelische Zuwendung, Zuhoeren oder In-den-Arm-Nehmen". Der Altenpflegerin steht die Verzweiflung ins Gesicht geschrieben, als sie sagt: "Alte Menschen haben doch kaum mehr koerperliche Naehe - das geht nur noch ueber das Waschen und Pflegen, und selbst das geht nun im Tempo."

Nerger-Ziehr kennt viele Vorfaelle, wie den folgenden, der das Pflegepersonal "totungluecklich" mache: Eine alte Pflegeheimbewohnerin "starb ueber Monate": sie waelzte sich im Bett hin und her und kam mit

ihren Beinen stetig zwischen die Bettgitter aus Stahlrohren: "Sie verwundete sich mehrmals, die Wunden verheilten nicht mehr." Die Patienten sei schliesslich "am eigenen Leib verfault", sagt Nerger-Ziehr mit stockender Stimme: "Man muesste viel mehr nachschauen, aber das geht nicht."

Die engagierte Altenpflegerin ist sich sicher, dass sie wegen ihrer Äußerungen nun "massiv angegangen" wird: "Aber ich moechte allen, die mich angreifen, gleich die Frage stellen, ob sie so leben moechten, wie die Menschen, fuer die sie doch selbst verantwortlich sind." Brigitte Nerger-Ziehr fordert dazu auf, eine Demonstration fuer eine menschenwuerdige Pflege zu veranstalten."


Thema: SGB XI: "am eigenen Leib verfault"

Von: frevert@asco.nev.sub.de (Uwe Frevert)

Datum: Tue, 20 May 1997 20:28:00 +0100

ISL E-Mail News Service vom 20.05.97