Hilfe und Pflege 

Die Pflegeversicherung: Ein Hindernisparcours zu Lasten der Pflegebedürftigen


Von Ursula Steck, Köln

Es geht mir weniger darum, der Auseinandersetzung über die Pflegeversicherung noch eine weitere Gruselgeschichte hinzuzufügen als vielmehr die oftmals absurden Beurteilungskriterien des Medizinischen Dienstes vorzuführen. Ich möchte daher hier meine eigenen Erfahrungen zu der öffentlichen Diskussion beisteuern. Weiterhin hoffe ich, mit diesem Bericht andere Betroffene zu ermutigen, Widerstand zu leisten gegen Gutachten, die von Ärzten aufgrund oberflächlicher, unverantwortlicher Einschätzung erstellt werden, und auf deren Basis weitreichende Entscheidungen für das Leben von Menschen getroffen werden.
Mein Abenteuer mit der Pflegeversicherung begann letztes Jahr, als ich Antrag auf Pflegegeld bei meiner Pflegekasse (Barmer) stellte. Ich leide an einer progressiven Muskeldystrophie, die seit meinem 11. Lebensjahr (ich bin heute 31) fortschreitet. Zu meiner Lebenssituation ist folgendes sagen: Ich bin seit 12 Jahren in Köln, habe in verschiedenen Wohngemeinschaften gelebt, studiert, und nach meinem Examen vor 5 Jahren eine Stelle im Institut für Luft- und Weltraumrecht der Universität Köln als Verwaltungsangestellte und Redaktionsassistentin einer juristischen Fachzeitschrift angetreten. Seit einiger Zeit lebe ich zusammen mit einer Freundin. Andrea ist selbständig, ihr Büro direkt neben der Wohnung, und sie unterstützt mich in allen Bereichen des täglichen Lebens, wo ich auf Hilfe angewiesen bin. Eine andere Freundin übernimmt weitere Bereiche der Assistenz, vor allem in Zusammenhang mit Mobilität (Charlotte ist sehr kräftig, so daß sie mich auch Treppen hochtragen kann, die ich anders nicht überwinden kann), sie begleitet mich zum Schwimmen, bei Behördengängen etc. Meine Arbeitsstelle kann ich in fünf Minuten mit dem Auto erreichen, dort unterstützt mich meine Vorgesetzte, Frau Benkö, und Kolleginnen. Mit meiner Krankheit geht einher, daß ich häufig stürze, und vom Boden ohne Hilfe nicht aufstehen kann. Ich kann ohnehin nur wenige Meter zu Fuß zurücklegen und Stufen, die keine besonderen Haltevorrichtungen haben, gar nicht überwinden. Auch bei den meisten anderen täglichen Verrichtungen brauche ich Hilfe, je nach Tagesform, die bei dieser Krankheit sehr unterschiedlich sein kann und z.B. auch vom Wetter abhängt. Vor allem ist es wichtig, Hilfe dauernd erreichbar zu haben, da auch Dinge, die ich häufig alleine bewältigen kann, eben manchmal nicht gehen oder mit Gefahren verbunden sind.
Bei der ersten Begutachtung durch einen Arzt des Medizinischen Dienstes (im Oktober 1995) war ich allein in der Wohnung. Andrea war nebenan in ihrem Büro und in meiner Naivität war ich davon ausgegangen, daß ein medizinischer Fachmann in der Lage sein würde, eine objektive Einschätzung meiner Situation machen zu können, da meine Behinderung und die damit verbundenen Einschränkungen bereits auf den ersten Blick nicht zu übersehen sind. Der dann erscheinende Arzt schien jedoch zu nichts dergleichen in der Lage. Er war ausgesprochen unwirsch, kurz angebunden, und nicht bereit, komplexere Antworten bei der Ausfüllung seines Fragebogens in Betracht zu ziehen. Wie ich später seinem Gutachten entnehmen konnte, hatte er bei sämtlichen Fragen, wo ich differenziertere Antworten gegeben hatte als die von ihm erwarteten "Jas" oder "Neins", die für die Beurteilung jeweils ungünstigere Variante eingetragen.
Seine "medizinische" Untersuchung bestand darin, mich zu fragen ob ich "rennen" bzw. "auf einem Bein stehen" (!) könne. Bereits die Tatsache, daß ich berufstätig bin und meinen Arbeitsplatz mit dem Auto erreichen kann (ich habe ihm durchaus geschildert, daß ich z.B. Hilfe beim Ein- und Aussteigen aus dem Wagen etc. brauche und der Wagen auch für mich vom Parkplatz geholt werden muß) schien für ihn im krassen Gegensatz mit einer Pflegebedürftigkeit zu stehen, und er hat als Ergebnis seiner Begutachtung eine Pflegebedürftigkeit verneint.
Hiervon berichtete ich am nächsten Tag meiner Vorgesetzten, Rechtsanwältin Dr. Benkö, die mich seit fünf Jahren gut kennt, und von der Einschätzung dieses Arztes entsetzt war. Mit ihr hatte ich das Glück, das vielen anderen Betroffenen leider nicht zuteil wird: Sie übernahm in meinem Fall die Inititative, und nahm Kontakt mit meiner Sachbearbeiterin bei der Pflegekasse auf. Diese war genauso erstaunt über das Vorgehen des medizinischen Dienstes und war sofort bereit, uns zu unterstützen. Sie versorgte Frau Benkö und mich von diesem Moment an mit allen nötigen Informationen und stellte uns vor allem die Gutachten des medizinischen Dienstes zur Verfügung. Weiterhin wurde der Vertrauensmann der Schwerbehinderten an der Universität zu Köln, Herr Heimes, aktiv, der in Zusammenarbeit mit dem Landschaftsverband meinen Arbeitsplatz behindertengerecht ausgestattet hatte und nun auch in diesem Zusammenhang als arbeitsplatzbegleitende Maßnahme Unterstützung bot. Sobald das erste Gutachten des medizinischen Dienstes vorlag (die Pflegekasse hat mir auf dieser Basis nie einen negativen Bescheid erteilt), erwiderte Frau Benkö dies mit einem 14-seitigen Schriftsatz, wo sie auf jeden Punkt des Gutachtens einging, und die Fehleinschätzungen des Arztes offenbar machte. Als Antwort auf diesen Schriftsatz erstellte eine zweite Ärztin des medizinischen Dienstes ein weiteres Gutachten, jedoch ohne mich persönlich begutachtet oder mich jemals gesehen zu haben! In diesem Gutachten stand nun, daß auf Grund ihrer Einschätzung auch kein Pflegebedarf vorliege und daß ich durch meinen juristischen Widerspruch ein solch beleidigendes Verhalten an den Tag gelegt habe, daß dem medizinischen Dienst selbst bei einer Verschlechterung meines Zustands nicht zuzumuten sei, mich noch einmal zu begutachten. Dieser völlig unsachliche und der ärztlichen Berufsethik eindeutig zuwiderlaufende Kommentar rief auch bei der Sachbearbeiterin der Pflegekasse Verzweiflung hervor. Nach weiterer Korrespondenz mit dem Medizinischen Dienst und Protesten unsererseits wurde mehr als sieben Monate später (im April 1996) und fast 1 Jahr nach der Antragsstellung ein zweiter persönlicher Begutachtungstermin, diesmal von der stellvertretenden ärztlichen Direktorin des Medizinischen Dienstes, anberaumt. Da ich mich einer Situation wie beim ersten Mal nicht noch einmal aussetzen wollte, bat ich Frau Benkö, Herrn Heimes und meine Pflegekraft und Mitbewohnerin Andrea, bei dem Termin dabeizusein. Die begutachtende Ärztin schien verwirrt und ungehalten ob dieses "Menschenauflaufs". Auch die fachliche Untersuchung dieser Ärztin war merkwürdig: sie maß mir den Blutdruck, und betastete den Oberarm. Das Gutachten, das nach vier Wochen endlich bei der Pflegekasse einging, war wieder von einer weiteren Ärztin verfaßt worden, die mich ebenfalls noch nie gesehen hatte. In diesem Gutachten war noch nicht einmal die Bezeichnung meiner Krankheit richtig eingetragen, sondern es stand da der Name für eine andere, ähnliche Erkrankung. Diesmal wurde allerdings ein Pflegebedarf der Stufe II bestätigt, der seit dem 1. Januar 1996 vorliegen würde. Wieso bei einer seit 20 Jahren langsam fortschreitenden Erkrankung der Jahreswechsel 95/96 für den Pflegebedarf den Ausschlag geben sollte, war nirgendwo erläutert. Es erscheint recht eindeutig, daß der erste Arzt, der sein Gutachten im Oktober 1995 erstellt hat, nicht zu offensichtlich widerlegt werden sollte. Nichtsdestotrotz: Meine Erleichterung und Dankbarkeit ist groß. Die finanzielle Sicherung meiner Pflege und Assistenz ist hierdurch jetzt gegeben. Ich hatte das große Glück, eine fähige Anwältin zu kennen, die bereit war, sich für mich weit über das hinaus, wozu eine anwaltliche Vertretung verpflichtet ist, fachlich und persönlich einzusetzen. Auch war die Hilfe der Schwerbehindertenvertretung der Universität Köln von unschätzbarem Wert, genauso wie die Hilfe auf seiten der Verwaltung der Pflegekasse, die in meinem Fall eben nicht als "Gegner" sondern als Helfer auftrat.
In meinem Fall hat sich gezeigt, daß die Pflegeversicherung als Modell zu sehr an der Vorstellung von häuslicher Pflege im Alter ausgerichtet ist. Junge, berufstätige Menschen mit schweren Behinderungen, sind bei der Begutachtung im Nachteil, da ihre Situation mit der Fragebogentechnik des Medizinischen Dienstes nicht angemessen erfaßt werden kann. Wenn dann die begutachtenden Ärzte nicht bereit und auch hinreichend mutig genug sind, ihre eigene, komplexere Einschätzung, bei der Begutachtung einfließen zu lassen, führt dies zu absurden Ergebnissen. So wird in langwierigen Widerspruchsverfahren und eventuell auch auf dem darauffolgenden Klageweg über Monate bis Jahre hinweg in erster Linie der pflegebedürftige Antragssteller zermürbt. Hinzu kommt, daß sein Gegner im Verfahren aufgrund gesetzlicher Vorschriften nicht der "Verursacher" des Problems, nämlich der Medizinische Dienst, ist, sondern die Pflegekasse, bzw. Krankenkasse, die an das Gutachten des Medizinischen Dienstes gebunden ist, mit der der Pflegebedürftige dann auch nach Beendigung des Rechtsstreites "leben" und auskommen muß und die, jedenfalls in meinem Fall, alles Menschenmögliche unternommen hat, mir in meiner konkreten Situation zu helfen.

Von: URSULA@ADA.WOMAN.DE (Ursula Steck)
Datum: Sun, 16 Jun 1996


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