Pflege wird zur Dienstleistung 

,,Pflege wird zur Dienstleistung"

Pflegeexperten empfehlen bessere Bezahlung des Personals

Herbert Henzler, Vorsitzender der Unternehmensberater McKinsey Deutschland, rechnet mit einer steigenden Nachfrage nach sozialen Dienstleistungen in Deutschland. Trends wie die Alterung der Gesellschaft und zunehmende Individualisierung führten zu einem wachsenden Bedarf an personenbezogenen Diensten und neuen Aufgaben für die Diakonie, sagte er vor einiger Zeit in Bonn bei einem Symposium ,,Quo vadis Diakonie?", das vom Verband der diakonischen Dienstgeber und dem Institut für Diakoniewissenschaft veranstaltet wurde.

Wegen der wachsenden Lebenserwartung sei insbesondere eine steigende Zahl von Pflegebedürftigen zu erwarten, sagte Henzler: ,,Pflege wird zu einer normalen Dienstleistung." Pflegebedürftige Kunden würden verstärkt Preise und Qualität des ,,Marktproduktes Pflege" vergleichen.

Der Beitrag von Familienmitgliedern zur Pflege von Angehörigen wird dem McKinsey-Chef zufolge tendenziell sinken. Während 1995 noch 75 Prozent der Pflegeleistungen durch Angehörige erbracht wurden, werde sich der Anteil auf die Hälfte bis zum Jahr 2040 verringern.

Die Professionalisierung der Pflege erfordere eine steigende Zahl von Pflegekräften, sagte Henzler weiter. Wegen fehlender Attraktivität der Arbeitsplätze in

diesem Bereich gebe es jedoch einen Mangel an Pflegepersonal. In diesem Zusammenhang verwies er auf das Modell ehrenamtlicher Bürgerarbeit, das die Zukunftskommission von Bayern und Sachsen vorgeschlagen hat.

Mit Blick auf die private Konkurrenz befürworteten die Unternehmensberaterinnen Susanne Böhlich und Sabine Kaiser mehr Anreize bei der Bezahlung der rund 400000 Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter, die sich bisher an das öffentliche Tarifsystem anlehnt. Neben Leistungsanreizen sei auch eine Verknüpfung der Bezahlung mit Kapitalbildung, Arbeitszeitregelungen oder Altersvorsorge denkbar.

Die Formulierung eines ,,Unternehmensziels" für diakonische Einrichtungen regte der Sozialethiker Martin Honecker an. Dies diene der Orientierung der wachsenden Zahl von diakonischen Mitarbeitern. Nach seinen Worten gelten für die Diakonie, wenn sie im Rahmen des Sozialstaates tätig ist, die allgemeinen Maßstäbe wie Wirtschaftlichkeit, Humanität, Achtung der Indiviualität sowie Unantastbarkeit der Menschenwürde. ,,Evangelische Standards" für diakonische Arbeit ließen sich nicht durch einen Katalog festlegen. Gerade evangelische Diakonie brauche aber neben kalkulierendem Verstand auch das Herz. epd

FR 27.2.99