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Häusliche Pflege


Maßstab ist die individuelle Kosten-Nutzen-Bilanz

Über die Bereitschaft von Angehörigen, kranke Menschen zu Hause selbst zu pflegen / Eine Untersuchung von Baldo Blinkert

Die Menschen werden immer älter. Damit wird auch die Zahl der Pflegebedürftigen in den kommenden Jahren deutlich steigen. Gleichzeitig wandelt sich aber das Verständnis von vor allem häuslicher Pflege. Dies hat entscheidenden Einfluss auf die Notwendigkeit zukünftiger Strukturen und Angebote. Wir dokumentieren dazu in auszügen und ohne Fußnotenapparat eine Studie von Baldo Blinkert vom Institut für Soziologie an der Universität Freiburg. Die Langfassung ist im Oktober-Heft der Zeitschrift Sozialer Fortschritt erschienen.

Die Sicherung der Pflege, insbesondere älterer Menschen, wird zu einer immer bedeutsameren gesellschafts- und sozialpolitischen Frage. Der demografische Wandel und die epidemiologischen Daten lassen für die nächsten Jahrzehnte eine deutliche Zunahme der Zahl Pflegebedürftiger erwarten. Gleichzeitig ist damit zu rechnen, dass die bisherigen gesellschaftlichen Formen der Versorgung von Pflegebedürftigen, insbesondere durch Angehörige und Partner, künftig nicht in der bisherigen Weise vorausgesetzt werden können.

Gerade die innerfamiliäre Pflege ist in besonderer Weise Einflüssen gesellschaftlichen Wandels unterworfen. Die Pflegeversicherung, die die Sicherung der Pflege aus dem Sicherungsniveau der Sozialhilfe zumindest zum Teil auf das Niveau der Sozialversicherung gehoben hat, geht auch weiterhin von der Pflegebereitschaft von Angehörigen und Partnern aus und möchte sie stabilisieren. Sie setzt aber nicht nur auf Familienpflege, die in begrenztem Umfang durch Pflegegeld honoriert wird, sondern sieht darüber hinaus die Familienpflege substituierende Leistungen durch Pflegedienste und Einrichtungen vor. Dabei geht die Pflegeversicherung im häuslichen Bereich von dem Bild eines gemischten Pflegearrangements aus, an dem sowohl Angehörige, ggf. Ehrenamtliche, aber vor allem auch beruflich Pflegende beteiligt sind. Die Pflegeversicherung ihrerseits will nicht nur Rahmenbedingungen für Pflege schaffen, sondern gleichzeitig Einfluss nehmen auf individuelle und kollektive Sicherungskonzepte im Fall des Eintritts der Pflegebedürftigkeit. (...)

A.

Pflegekulturelle Orientierungen

Unter „pflegekulturellen Orientierungen" verstehen wir Einstellungen bzw. Dispositionen über das eigene Verhalten gegenüber pflegebedürftigen Angehörigen: Soll die Pflege zu Hause durch eigene Leistungen erfolgen? Sollen professionelle Helfer bzw. Organisationen daran beteiligt werden? Soll die Versorgung durch ein Pflegeheim übernommen werden? „Pflegekulturelle Orientierungen" beziehen sich aber auch auf die „Hintergründe" für die vorhandenen oder fehlenden Pflegebereitschaften: Wie wird die Präferenz für eine bestimmte Art der Versorgung von pflegebedürftigen Angehörigen begründet? Spielen dabei moralische Erwägungen eine Rolle? Werden Kostengesichtspunkte bei einer Entscheidung berücksichtigt? Was für Kosten sind das?

B.

Wer soll pflegen? Wo soll gepflegt werden?

(...) Im Interview wurde gefragt, was jemand tun würde, wenn eine nahe stehende Person pflegebedürftig wird. Es wurden u. a. die folgenden zwei Möglichkeiten vorgegeben:
- Den Verwandten alleine und ohne fremde Hilfe zu Hause pflegen.
- Für den Verwandten einen Platz in einem gut geführten Pflegeheim in der Nachbarschaft suchen.
Die beiden Alternativen konnten in der folgenden Weise bewertet werden: „käme auf jeden Fall in Frage", „käme eventuell in Frage" und „käme auf keinen Fall in Frage". (...)

Diese Orientierungen sind in der folgenden Weise verteilt: Eine „unbedingte Bereitschaft zum Selberpflegen" bei strikter Ablehnung der Pflege durch ein Heim wird nur von einer Minderheit von 13 Prozent der Befragten in Erwägung gezogen. „Eher" zum Selberpflegen als zur Heimpflege sind 18 Prozent bereit. Beide zusammen ergeben bei den 40- bis 60jährigen einen Anteil von rund 30 Prozent, die eine Bereitschaft zum Selberpflegen erkennen lassen.

Eine »unbedingte Befürwortung der Heimpflege" bei strikter Ablehnung der selber durchgeführten häuslichen Pflege bringen 15 Prozent der Befragten zum Ausdruck. „Eher" an Heimpflege denken 23 Prozent der Befragten, d.h. für sie kommt das Heim „auf jeden Fall" in Frage, aber eventuell sind sie auch zum Selberpflegen bereit oder sie wollen „auf keinen Fall" selber pflegen, ziehen aber eventuell das Heim in Erwägung. Diese beiden Typen zusammen haben einen Anteil von rund 40 Prozent und bringen zum Ausdruck, wie hoch das Potenzial für die Bereitschaft zu einer stationären Versorgung bei den 40- bis 60jährigen einzuschätzen ist.

Als »unentschlossen" bzw. „abwägend" gelten diejenigen, für die sowohl das Selberpflegen wie auch die Heimpflege „eventuell" in Frage kommen. Rund ein Drittel der Befragten entsprechen diesem Typ. Dann gibt es noch die relativ kleine Gruppe der „Ratlosen", für die sowohl die Heimpflege wie auch Selberpflegen „auf keinen Fall" in Frage kommt (6 Prozent) und die Gruppe der „Erratischen", die (aus welchen Gründen auch immer) sowohl selber pflegen wie auch Heimpflege „auf jeden Fall" in Betracht ziehen.

C.

„Pflegemix« und pflegekulturelle Orientierungen: häusliche Pflege ohne und mit professioneller Unterstützung

Für diejenigen, die eine Bereitschaft zur selbst geleisteten häuslichen Pflege zum Ausdruck bringen, kann gefragt werden, ob sie daran denken, dabei auch beruflich geleistete Hilfen in Anspruch zu nehmen. Das ist bei nahezu allen der Fall und gilt ganz besonders für die „Unentschlossenen" bzw. „Abwägenden", für die eine Entscheidung zur eigenen häuslichen Pflege erst dann in Frage kommt, wenn sie mit beruflichen Helfern rechnen können. Auch von denen, die „eher die Heimpflege" befürworten, für die also eine ambulante Versorgung von Pflegebedürftigen nicht ganz ausgeschlossen ist, zeigen immerhin 27 Prozent ein Interesse an einem „Pflegemix".

Wie verteilen sich nun diese Orientierungen auf „soziale Milieus"? Gibt es milieuspezifische Formen der Solidarität mit pflegebedürftigen Angehörigen und wenn das der Fall ist, wie kommt es dazu?

D.

Soziale Milieus

Konzepte wie „soziale Milieus" und verwandte Begriffe wie „Lebensstilgruppen" haben in der soziologischen Diskussion derzeit Hochkonjunktur. Sie finden nicht nur in der Grundlagenforschung über soziale Ungleichheit Beachtung, sondern haben sich auch in der kommerziellen Forschung etabliert. Nicht immer wird aber deutlich, worum es dabei eigentlich geht, und auch, wie die Milieuklassifikationen zu Stande kommen, ist nicht immer reproduzierbar. Gleichwohl steht hinter diesen Konzepten eine wichtige Grundidee: Präferenzen, Verhaltensdispostionen, oder Werte-orientierungen lassen sich nicht mehr in einer befriedigenden Weise durch Klassen, Stände oder Schichten erklären. Alle Milieuklassifikationen berücksichtigen deshalb neben Merkmalen, die sich zur Beschreibung strukturell-positionaler Ungleichheiten eignen (Einkommen, Beruf, Bildung) auch „subjektive Wirklichkeiten", also Orientierungen oder Präferenzen, von denen man annimmt, dass sie eine gewisse gesellschaftliche Verbreitung besitzen, z. B. Werteorientierungen oder geschmackliche Vorlieben. (...)

E.

Pflegekulturelle Orientierungen und soziale Milieus

Die folgenden Ergebnisse zeigen, dass sich pflegekulturelle Orientierungen in einer nicht zufälligen Weise auf soziale Milieus verteilen.

Die geringste Bereitschaft zum entschiedenen Selberpfiegen lässt sich im „liberalen bürgerlichen Milieu" beobachten; also bei der Kombination von relativ hohem sozialen Status mit einem modernen Lebensentwurf. Nur noch zwei Prozent würden bei dieser Konstellation einen pflegebedürftigen Angehörigen „unbedingt" selber versorgen wollen, und nimmt man diejenigen hinzu, die das „eventuell" tun würden, ergibt sich ein Anteil von 14 Prozent.

Die größte Bereitschaft zum Selberpflegen besteht in den beiden Unterchicht-Milieus: im „traditionellen Unterschicht-Milieu" würden 23 Prozent „unbedingt" selber pflegen und 21 Prozent wären „eventuell" dazu bereit. Im „neuen/liberalen Unterschicht-Milieu" sind die Pflegebereitschaften nicht sehr viel anders: 26 Prozent würden unbedingt selber pflegen und 15 Prozent würden das eventuell tun. Eine Bereitschaft zum Selberpflegen im engeren und erweiterten Sinne besteht also bei rund 40 Prozent der Angehörigen dieser beiden Milieus.

Für die Heimpflege lässt sich in den beiden Unterschicht-Milieus dagegen nur eine sehr geringe Akzeptanz beobachten: Nur 18 Prozent bzw. 23 Prozent sind „unbedingt" oder „eventuell" für eine Heimunterbringung. Das größte Interesse an einer Versorgung von pflegebedürftigen Angehörigen durch ein Pflegeheim ist eindeutig in den bürgerlichen Milieus beobachtbar, also bei Befragten mit relativ hohem Einkommen und hohen Bildungsabschlüssen.

Ist der hohe Status mit einem modernen Lebensentwurf kombiniert, würden sich 22 Prozent unbedingt für eine Heimunterbringung entscheiden und 36 Prozent würden das eventuell in Erwägung ziehen. Im „konservativ-bürgerlichen Milieu" ist die entschiedene Befürwortung der Heimpflege mit 10 Prozent niedriger, aber die Mehrheit (52 Prozent) würde der Heimpflege eventuell den Vorzug geben.

Insgesamt - im engeren und weiteren Sinne - würden also rund 60 Prozent der Befragten aus den bürgerlichen Milieus einen Angehörigen „unbedingt" oder „eventuell" im Heim versorgen lassen. Die mittleren Milieus liegen mit Anteilen für Selberpflegen und Heimpflege dazwischen. Im „konservativen Mittelschicht-Milieu" würden 33 Prozent selber pflegen und 40 Prozent wären für das Heim. Im „liberalen Mittelschicht-Milieu" beträgt der Anteil derjenigen, die selber pflegen würden, nur noch 22 Prozent und die Quote der Heimbefürworter beträgt 53 Prozent.

F.

Die Produktion von pflegekulturellen Orientierungen durch die Sozialstruktur

Diese Anteile für verschiedene Präferenzen im Hinblick auf die Versorgung pflegebedürftiger Angehöriger lassen Regelmäßigkeiten erkennen, die zu ersten Vermutungen über die Gründe für diese starke Assoziation von pflegekulturellen Orientierungen mit den Milieus Anlass geben. Es ist deutlich erkennbar, dass mit steigender Verfügbarkeit über „strukturelles Kapital" - Einkommen und Titel - sich der Anteil derjenigen verringert, die im „harten" oder „weichen" Sinne, zum Selberpflegen bereit sind und das Interesse an der Versorgung eines Angehörigen durch ein Pflegeheim nimmt deutlich zu. Und ein zusätzlicher Effekt scheint von der „Verfügbarkeit über symbolisches Kapital" auszugehen, d. h. davon, in welchem Umfang wesentliche Aspekte des „legitimen Modernitätsdiskurses inkorporiert sind. In dem Maße Befragte zu einem modernen Deutungsschema tendieren, sind sie weniger zum Selberpflegen bereit und stärker daran interessiert, einen pflegebedürftigen Angehörigen durch ein Heim versorgen zu lassen.

Zusammenfassend ist festzustellen: Solidarität in der Form einer Bereitschaft zur Pflege von Angehörigen lässt sich am ehesten in Gruppen beobachten, die man zu den Verlierern von Modernisierungsprozessen rechnen kann - in Gruppen mit niedrigem strukturellem Kapital und bei denen, die in ihrem Weltbild an den Modernisierungsprozess weniger gut angepasst sind. Der Gegenpol dazu sind die gut Angepassten, also Leute mit höherem Einkommen, hohen Bildungsabschlüssen und einer auf moderne Lebensbedingungen zugeschnittenen Sicht der Dinge. Die Versorgung von pfIegebedürftigen Angehörigen durch Eigentätigkeit ist für die meisten von ihnen kein Thema. Man vertraut sehr viel mehr auf die beruflich geleistet Hilfe in Heimen. Die Frage ist nun, warum in den „Verlierermilieus" die Bereitschaft zum Selberpflegen so viel stärker ausgeprägt ist als bei den „Gewinnern"? Von welchen Gründen oder Motiven muss man ausgehen, um diesen Zusammenhang auch in Kategorien von sinnhaften Orientierungen der Akteure zu verstehen, Unsere Antworten auf diese Fragen mögen vielleicht ein bisschen spekulativ sein, aber sie beruhen auf Indizien:

(1) Eine genauere Betrachtung der Beziehung zwischen den Milieus und den pflegekulturellen Orientierungen zeigt, dass die Positionen auf der Achse des symbolischen Kapitals zwar einen gewissen Beitrag zur Erklärung unterschiedlicher Orientierungen leisten, dass der Haupteffekt aber ganz eindeutlich auf den Besitz an strukturellem Kapital, also Einkommen und Bildungsabschluss zurückzuführen ist. Bei der Suche nach Motiven müssen wir uns also auf Gründe konzentrieren, die etwas mit positionaler Ungleichheit zu tun haben.

(2) Ein weiterer Hinweis ergibt sich aus den Antworten der von uns im Interview vorgelegten „Dilemma-Frage". Ich schildere Ihnen jetzt einmal eine Situation und möchte dann einige Fragen dazu stellen: Eine ältere Dame wird in der nächsten Zeit aus dem Krankenhaus entlassen. Sie erlitt vor einigen Wochen einen Schlaganfall und ist seitdem dauerhaft pflegebedürftig. Sie kann auch nur wenige Stunden am Tag allein gelassen werden.

Ihr \ Wunsch ist es im Hause ihrer einzigen Tochter gepflegt zu werden. Ihr Tocher ist verheiratet, hat zwei Kinder, die zur Schule gehen und ist halbtags berufstätig. Für die Pflege der Mutter müsste sie ihre Berufstätigkeit aufgeben. Die Tochter entscheidet sich gegen den Wunsch der Mutter und bemüht sich um einen Platz in einem gut geführten Pflegeheim. Halten Sie die Entscheidung der Tochter für eher falsch oder richtig? (...) Bei dieser Frage ist von besonderem Interesse, wie die Ablehnung oder Befürwortung der vorgegebenen Dilemma-Entscheidung begründet wird. Unsere Vermutung bei der Aufnahme dieses Fragetyps in das Interview war, dass die Versorgung pflegebedürftiger Angehöriger überwiegend als eine „moralische Verpflichtung" erlebt wird.

Da sich der Typ der Dilemma-Frage in Untersuchungen über moralisches Bewusstsein methodisch bewährt hat, wollten wir damit verschiedene Typen des moralischen Abwägens in Bezug auf Pflegeverpflichtungen ermitteln. (…) Unsere Überraschung war jedoch groß, dass moralische Argumente in den Kommentaren zur Dilemma-Entscheidung nur eine untergeordnete Rolle gespielt haben. Nur rund ein Viertel der 40- bis 60-Jährigen haben ihre Stellungnahme zu der fiktiven Entscheidung durch moralische Argumente begründet, die sich ungefähr zwei gleich starken Gruppen zuordnen lassen: einer Art „konventioneller Moral" („das gehört sich so", „das war immer so", „es gehört sich einfach") und einer vielleicht eher „postkonventionellen Begründung" durch die Erwähnung von Reziprozitätsverpflichtungen („als Kind wurde ich auch versorgt, deshalb ist es nicht richtig.

Erstaunlich ist aber der geringe Anteil an moralischen Erwägungen und der sehr hohe Anteil an Erwägungen, in denen irgendwelche Kosten berücksichtigt werden. Rund 60 Prozent bewerten die Dilemmasituation unter Kostengesichtspunkten, die mit den Alternativen Selberpflegen und Heimpflege in Verbindung gebracht werden. Dieses Ergebnis führte uns zu der Vermutung, dass die Versorgung pflegebedürftiger Angehöriger in der Generation der 40- bis 60-Jährigen weniger unter moralischen Gesichtspunkten erlebt wird, sondern eher als eine Verpflichtung mit Konsequenzen für die individuelle Kosten-Nutzen-Bilanz. In dieser Richtung erscheint es uns auch sinnvoll, nach Motiven zu suchen, die hinter dem beobachteten Zusammenhang von Milieu und pflegekulturellen Orientierungen stehen könnten. Die Frage lautet also, was für Kosten in den verschiedenen Milieus welche Rolle spielen.

Kosten lassen sich unterscheiden in direkte ökonomische Kosten und in Opportunitätskosten. Direkte Kosten sind die Ausgaben, die im Zusammenhang mit der Übernahme von Pflegeverpflichtungen entstehen: Bezahlung von beruflichen Helfern und die Kosten einer Heimunterbringung. Opportunitätskosten sind entgangene Chancen - das, worauf man verzichten muss, wenn man sich zu einer bestimmten Tätigkeit entschieden hat - z. B. zum Selberpflegen.

Diese beiden Kostenarten sind in den Milieus sehr unterschiedlich, und es sind genau diese Unterschiede, die auch zu den Unterschieden in den pflegekulturellen Orientierungen führen. Mit steigendem strukturellen Kapital verringert sich die Bedeutung der mit einer Heimunterbringung verbundenen ökonomischen Kosten und es steigen die mit Selberpflegen verbundenen Opportunitätskosten. Mit sinkendem strukturellem Kapital steigt dagegen die relative Bedeutung der mit einer Heimpflege verbundenen wirtschaftlichen Kosten und es sinken die mit Selberpflegen verbundenen Opportunitätskosten. In den unteren Milieus gilt die Heimpflege im Verhältnis zur Einkommenssituation als teuer und von vielen wird sie - trotz Pflegeversicherung - als nicht bezahlbar eingeschätzt. Selberpflegen ist dagegen relativ preisgünstig, vor allem, wenn die pflegende Tätigkeit über die Wahl von Geldleistungen (in bescheidenem Umfang) honoriert wird und sich so das Haushaltsbudget aufbessern lässt. Die mit Selberpflegen verbundenen Opportunitätskosten sind dagegen relativ niedrig. Auf Grund des niedrigen Schulabschlusses und der wenig aussichtsreichen beruflichen Situation - besonders bei Frauen, die ja ganz überwiegend die Versorgung von Pflegebedürftigen übernehmen - spielt die Frage nach entgangenen Chancen allenfalls eine sehr geringe Rolle. Das heißt natürlich nicht, dass Selberpflegen nicht auch in unteren Milieus mit Entbehrungen und Einschränkungen verbunden ist. Diese werden aber nicht zusätztlich noch überlagert durch hohe Opportunitätskosten, also durch den Verzicht auf aussichtsreiche berufliche Möglichkeiten oder die Aufgabe von sozialen und kulturellen Ambitionen. Die aus dieser strukturellen Konstellation sich ergebende Selbstverpflichtung zur Pflege beruht also einmal auf Zwängen (niedriges Einkommen) und zum anderen auf dem Fehlen von größeren Chancen, auf die man bei der selbst geleisteten Versorgung eines pflegebedürftigen Angehörigen verzichten müsste. In den mittleren und höheren Milieus sind die Kosten einer Heimunterbringung natürlich auch spürbar, aber sie haben doch auf Grund der sehr viel besseren Einkommenssituation eine deutlich geringere Bedeutung.

Hier ist sicher der Effekt der Pflegeversicherung nicht zu unterschätzen. In der Vergangenheit konnten Bezieher höherer Einkommen nicht damit rechnen, dass Heimkosten für einen Angehörigen durch die Sozialhilfe getragen werden. Die Pflegeversicherung übernimmt nun zumindest einen Teil davon und verringert damit deutlich den inhibierenden Effekt der Heimkosten. Dieser Effekt ist vermutlich besonders in den mittleren bis „gehobenen" Einkommensgruppen wirksam, also da, wo in der Vergangenheit die Sozialhilfeberechtigungsschwelle gerade überschritten wurde. In den höheren Milieus sind dagegen die Opportunitätskosten des Selberpflegens relativ hoch. Eine höhere Schulbildung und Berufsausbildung sind sowohl mit sozialen und kulturellen Ambitionen verbunden, wie aber auch mit der Vorstellung von beruflichen und ökonomischen Chancen, die man beim Selberpflegen aufgeben müsste. Die aus dieser strukturellen Konstellation sich ergebende Präferenz für die Heimpflege beruht also einmal auf dem Fehlen von Zwängen (höheres Einkommen) und zum anderen auf den durch Bildungs- und Berufsabschluss erzeugten Vorstellungen von Chancen, auf die man bei der selbst geleisteten Versorgung eines pflegebedürftigen Angehörigen verzichten müsste. Dieser Effekt wird in den mittleren und höheren Strukturgruppen noch einmal verstärkt, wenn auch die Verfügbarkeit über die zentralen Momente des Modernitätsdiskurses (symbolisches Kapital) hoch ist - wenn der Anspruch auf Selbstverwirklichung, Emanzipation und berufliche Chancen auch zu einem wesentlichen Aspekt des subjektiven Bezugsschemas geworden ist.

Diese strukturelle Produktion von Pflegebereitschaften wird auch deutlich, wenn Gender-Aspekte berücksichtigt werden. Zwischen erwerbstätigen Männern und Frauen sind keine wesentlichen Unterschiede im Hinblick auf ihre Pflegebereitschaft zu beobachten. Nur die nicht erwerbstätigen Frauen weichen in allen Milieus deutlich von dem allgemeinen Trend ab: Der Anteil derjenigen, die einen pflegebedürftigen Angehörigen selber versorgen wollen, ist mit 50 Prozent deutlich höher als im Durchschnitt (31 Prozent), und das Heim wird spürbar seltener in Erwägung gezogen (23 vs. 38 Prozent im Durchschnitt). Für erwerbstätige Frauen ist die Übernahme von Pflegeverpflichtungen eine riskante und kostspielige Entscheidung, die nicht nur mit Einkommensverlusten, sondern auch mit der Aufgabe von sozialen Ansprüchen im Hinblick auf Emanzipation und Selbstverwirklichung verbunden ist.

Wie haben sich die für pflegekulturelle Orientierungen relevanten sozialen Milieus verändert?

Diese Frage lässt sich auf der Grundlage der Allbus-Erhebungen beantworten. Ein Vergleich ist möglich zwischen den Jahren 1982 und 1996, allerdings nur für die alten Bundesländer. In diesen Jahren wurden die für unsere Klassifikation wichtigen Merkmale erhoben. Besonders wichtig sind Vergleiche für die Altersgruppen der 40- bis 60-jährigen.

Folgendes lässt sich beobachten:
(1) Die Verteilung auf der Achse „strukturelles Kapital" hat sich von 1982 bis 1996 nicht dramatisch geändert: Der Anteil „hoher Status" ist lediglich um 9 Prozent gestiegen und die Kategorie niedriger Status hat sich um 12 Prozent verringert.
(2) Sehr viel deutlichere Veränderungen gibt es für die Achse „symbolisches Kapital": Der Typ „vormoderner Lebensentwurf' hat sehr stark an Bedeutung verloren - um 36 Prozent - und ist von 66 Prozent auf nur noch 30 Prozent gesunken. Und der Anteil von Personen mit einem „modernen Lebensentwurf' ist von 8 Prozent auf 28 Prozent gestiegen. In diesem Ergebnis kommt der Wandel von Werteorientierungen und Präferenzen in Richtung einer zunehmenden Ausbreitung des legitimen Modernitätsdiskurses sehr deutlich zum Ausdruck: die Abkehr von Werten, die sich auf Ordnung, Sicherheit und materielle Lebensbedingungen beziehen und eine verstärkte Hinwendung zu Präferenzen, in denen Selbstverwirklichung und Emanzipation eine große Rolle spielen.
(3) Nimmt man diese Änderungen auf den beiden Achsen zusammen, um zu den von uns definierten Milieus zu kommen, wird der Wandel deutlich: Der Anteil des Milieus, in dem am häufigsten eine Bereitschaft zum Selberpflegen beobachtet werden konnte - niedriges strukturelles Kapital und geringe Teilhabe am Modernitätsdiskurs - hat sich in der Zeit von 1982 bis 1996 halbiert und ist von rund 40 Prozent auf nur noch 20 Prozent gesunken. Zugenommen haben dagegen die Anteile von Milieus, in denen in stärkerem Umfang die Heimpflege befürwortet wird, also die Kombination von mittleren und höheren Positionen beim strukturellen Kapital mit einem den modernen Lebensbedingungen angepassten Weltbild.

G.

Schlussfolgerungen und Perspektiven

Die Ergebnisse unserer Untersuchungen stellen in eindrücklicher Weise in Frage, dass die Voraussetzungen, von denen die Pflegeversicherung ausgeht und auf die sie baut, in der Zukunft auch nur annähernd erwartet werden können. Dass künftige Generationen nicht in vergleichbarer Weise an Pflegeaufgaben im häuslichen Bereich beteiligt sein werden, ist keine neue Erkenntnis. In diese Richtung wirkt auch der demographische Faktor und die Veränderung in den Haushaltsgrößen. Unsere Studie schärft aber den Blick für die Bedeutung von sozialen Milieus und ist deshalb in der Lage, die Änderungen in den pflegekulturellen Orientierungen sozial zu verorten und zu quantifizieren. Dabei wird deutlich, dass die Pflegeversicherung als auf die Zukunft gerichtete soziale Sicherung sich in ihrer Konzeption weitgehend an den zahlenmäßig stark zurückgehenden Milieus und ihren Mentalitäten orientiert: Sie baut auf eine eher traditional vermittelte Pflegebereitschaft in Familien und Partnerschaften, sie fördert in den zahlenmäßig zunehmenden sozialen Milieus eher eine Abkehr vom Selberpflegen und eine höhere Akzeptanz gegenüber der Heimpflege. Damit wird aber in Frage gestellt, dass die Pflegeversicherung ihre sozialpolitischen Zielsetzungen erreicht, gerade mit Blick auf die Zukunft, Pflegebereitschaften in der „modernen Gesellschaft" zu fördern und zu stabilisieren.

Sollte sich die von uns beschriebene Verteilung von pflegekulturellen Orientierungen auch in entsprechende Entscheidungen umsetzen, dürfte überdies das finanz-politische Konzept der Pflegeversicherung in Frage gestellt werden, das auf einem recht hohen Anteil von Pflegegeldbeziehern und damit selbst pflegenden Angehörigen basiert. Die Ergebnisse der Studie dürfen aber nicht als vollständige und moralisch fragwürdige Entsolidarisierung und Individualisierung interpretiert werden. Andere Ergebnisse unserer Untersuchung lassen durchaus erkennen, dass sich ein unerwartet hoher Anteil von rund 50 Prozent in der Gruppe der 40- bis 60-Jährigen innerhalb der Familie bereits mit Pflegeverpflichtungen auseinandergesetzt hat und immerhin zwei Drittel von diesen „Pflegeerfahrenen" waren mit oder ohne berufliche Hilfen für kürzere oder längere Zeit an der häuslichen Versorgung ihrer Angehörigen beteiligt. Überraschend ist auch, dass eine recht differenzierte Auseinandersetzung mit dem Thema „Pflegebedürftigkeit" erfolgt. Das gilt besonders für die Vorsorgeüberlegungen der Befragten, die sich nicht nur auf monetäre Vorsorgeformen beschränken, sondern in einem zahlenmäßig erheblichen Umfang auch auf Formen solidarischer Selbstorganisation.

Gleichwohl macht die Studie deutlich, dass in wachsendem Umfang die Übernahme von Pflegeaufgaben nicht mehr als selbstverständlich erscheint und individuelle Gestaltungsoptionen des eigenen Lebens auch bei der Konfrontation mit Pflegeaufgaben innerhalb der Familie in hohem Maße relevant bleiben. Es sollte allerdings berücksichtigt werden, dass die in der Studie zum Ausdruck kommenden Einstellungen und Abwägungen in der konkreten Situation, in der es um die Übernahme von Pflegeaufgaben geht, nicht allein entscheidungsrelevant werden. Sowohl finanzielle als auch soziale Restriktionen im Zusammenhang mit der konkreten Situation können durchaus zu Entscheidungen gegen die eigenen Präferenzen führen. (…)

Aus: FR vom 15.12.200, Seite 18


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