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Neue Formen des Dienstmädchenberufs


Die Dienstmädchenfrage oder: Ein Beruf kehrt zurück

Über das Phänomen der neuen und alten Hausmädchen / Helma Lutz stellt die blinden Flecken der Frauenforschung vor

Im Rahmen der EXPO ist am Wochenende mit hohen Erwartungen die „Internationale Frauenuniversität" (ifu) eröffnet worden. Was aber wird dort in drei Monaten gelehrt und geforscht? Helma Lutz, Professorin der Erziehungswissenschaft der Universität Münster, hat das Lehrprogramm des Projektbereichs „Migrationen" vorbereitet und lehrt seit Sonntag selbst an der ifu. Mit den Studentinnen aus aller Welt plant sie ein Forschungsvorhaben, das wir gekürzt vorstellen: Die neue und alte Dienstmädchenfrage.

Seit Humboldts Zeiten gehen Europäer davon aus, dass Reisen bildet oder zumindest der Expansion von Erfahrung dient. Auch der Begriff er-fahren ist verbunden mit Bewegung, mit wandern und reisen. Gemeint ist damit ein Prozess der Aneignung und des Erkennens, der nicht allein durch Belehrung oder Nachdenken angeleitet wird. Erfahrung umfasst damit die Dimension räumlicher Diskontinuität, der Mobilität - dem Aufbruch aus der Sesshaftigkeit. Der Ausbruch von Frauen aus der Privatheit und ihr Aufbruch in die Öffentlichkeit wird darum auch nicht zufällig Frauen-Bewegung genannt. Was aber passiert nun, wenn die Bewegung von Frauen nicht in die Richtung der Öffentlichkeit, sondern in die umgekehrte Richtung, in den Privatbereich, erfolgt? Diese Bewegung vollzogen am Anfang des 20. Jahrhunderts bereits Hunderttausende von Frauen. Auch jetzt noch, hundert Jahre später im Übergang vom Industriekapitalismus zum „Informationskapitalismus" (Castells, 1996), treten hunderttausende Frauen rund um den Erdball „in fremde Dienste". Um das Phänomen der neuen und alten Dienstmädchen, um ihre Erfahrungen und um die Frage, warum sich paradoxerweise zurzeit des heutigen informationstechnologischen Umbruchs ein umfangreicher informeller archaischer Arbeitsmarkt etabliert hat, wird es in diesem Vortrag gehen. (...)

Meinen Ausführungen stelle ich drei Thesen voran:

1. Die Frauenforschung muss eines ihrer Paradigmen, das öffentlich-privat-Paradigma, neu definieren. Der Privathaushalt als Arbeitsplatz gestaltet sich als prekäres Verhältnis im Privaten und stellt die Frage der Hierarchisierung nicht als Dimension des Geschlechterverhältnisses, sondern als intra-geschlechtliches Machtverhältnis dar.

2. Die Migrationsforschung muss sich endgültig von ihrem Subjekt, dem männlichen Akteur als Motor und Pionier der Migrationsbewegungen, verabschieden. Die feminisierte Migration führt zu transnationalen Netzwerkbildungen und zur Herausbildung neuer Gemeinschaften und ldentitäten.

3. Die Erziehungswissenschaft schließlich zwingt die Betrachtung des neuen Dienstmädchenphänomens zu einer Revision der Bewertung von Bildung, Ausbildung und Professionalität. Im Zuge mondialer Transformationsprozesse kommt es zu Veränderungen der Bewertung professioneller Fähigkeiten und deren Entlohnung. (...)

1. Die alte und neue Dienstbotenfrage

In jüngsten Zeit widmet sich von allem die Presse, wie etwa ein taz-Artikel, mit dem Titel: „Maids, made in the Phillipines" (17.6. 1992) einer Zeiterscheinung, nämlich der Tatsache, dass Dienstmädchen, Kindermädchen, Haushaltshilfen, Putz- und Pflegefrauen in zunehmendem Maße die Versorgungsarbeit des modernen Haushalts übernehmen. Hatte lange Zeit die Vorstellung geherrscht, dass die technische Revolution im Haushalt diese menschliche Hilfe überflüssig machen würde, so können wir heute davon ausgehen, dass die domestic helpers an der Schwelle des 21. Jahrhunderts in vergleichbarer Anzahl das Haushaltsleben des Techno-Zeitalters prägen, wie das bereits vor 100 Jahren der Fall war. Wie ist dies möglich? Wie kommt es, dass eine Tätigkeit, die spätestens nach dem Zweiten Weltkrieg aus dem Berufsregister gestrichen wurde, heute wieder solche Aktualität und Brisanz besitzt? Die einfachste Antwort darauf wäre: Berufstätige Frauen heute können die Doppelbelastung von Familien- und Berufsarbeit nicht ohne die Hilfe einer „Hilfe" organisieren.

Vor 100 Jahren gab es andere Gründe: Haushaltsangestellte gehörten zum Prestige einen Bürgerfamilie. Bei der Untersuchung der Kontinuität und Diskontinuität der Hausmädchenfrage in diesem Jahrhundert fallen damit erst einmal die Unterschiede ins Auge. Wie der oben genannte taz-Artikel andeutet, sind die Hausmädchen von heute Migrantinnen, Frauen aus Asien, Afrika, Lateinamerika und Ost-Europa, die in die Zentren der reichen Welt auswandern, um von dort aus das (Über-)Leben ihrer Familienangehörigen zu Hause zu ermöglichen. Darin spiegelt sich nicht nur die weltweite Feminisierung der Migration und die Globalisierung des internationalen Arbeitsmarktes, sondern auch die Verschiebung von Ausbeutungs- und Abhängigkeitsverhältnissen vom nationalen auf das internationale Niveau Die Dienstmädchenfrage hat sich von einer Klassenfrage zu einem ethnisch und national differenzierten Phänomen entwickelt.

Im Gegensatz zu früher gibt es heute keine Quellen, die verlässliche Angaben über den Umfang des neuen Dienstbotenwesens machen - auch dies ist ein Paradox unserer technologisch überwachten Welt. Ein Artikel, der unter der Überschrift „A world within a world. Filipino Community in Frankfurt" im Oktober 1998 in der Frankfurt Zeitschrift Maincity erschien, macht deutlich warum: In Frankfurt sind offiziell 1000 Philippininnen registriert, aber inoffiziell geht man davon aus, dass es sich eher um 3000 handeln muss; die Mehrheit davon arbeitet nicht-registriert von der Ausländerbehörde als live-in (einwohnend) in privaten Haushalten.

Es handelt sich bei diesem Phänomen um eine twilight-zone, eine geheime, unsichtbare Gemeinschaft, an deren Sichtbarmachung oder Veröffentlichung kaum jemand Interesse hat. Indikatoren für den Umfang des Phänomens in Deutschland sind in dem 1996 vorgelegten Überblick über geringfügige Beschäftigungsverhältnisse zu finden (Weinkopf. 1996). Danach arbeiteten 1,4 bis 2,4 Millionen sozialversicherungsfrei Beschäftigte in Pnivathaushalten. (...) Simone Odierna (2000) errechnete kürzlich für die Bundesrepublik 2,4 Mill. geringfügige Beschäftigungsverhältnisse in Privathaushalten. Marianne Friese und Barbara Thiessen stellen in ihrer Studie über die Stadt Bremen fest, dass jeder achte Haushalt bezahlte Hilfe in Anspruch nimmt (Fniese/Thiessen, 1997). Trotz aller Diskrepanzen, die aus diesen Zahlen sprechen, wird ein Trend zum Beschäftigungszuwachs in diesem Bereich konstatiert.

Über die Menschen, die diese Tätigkeiten ausführen, wissen wir noch wenig. Bekannt ist jedoch, dass es zu mehr als 90 % Frauen sind. Die Skala reicht von der deutschen Arbeiterfrau, über türkische Migrantinnen, Aussiedlerinen, bis zur polnischen, tschechischen oder russischen, aber auch asiatischen Frauen und Südamerikanerinnen. Die hohen Schwankungen in den Schätzungen weisen darauf hin, dass viele Frauen entweder halblegal oder illegal in diesem Metier beschäftigt sind. Polnische Frauen in Berlin beispielsweise nutzen die Spielräume, die das deutsch-polnische Abkommen bietet und die geographischen Vorteile der relativen Nähe zum Heimatland, indem sie als Touristen ohne Visum einreisen und nach zwei Monaten die Stadt wieder verlassen.

Zu fünft oder zu sechst mieten sie eine gemeinsame Wohnung an. arbeiten für mehrere Haushalte und organisieren eine reibungslose Übergabe ihrer Tätigkeiten an ihre auf dieselbe Weise einreisenden Bekannten oder Familienangehörigen aus Polen (Irek, 1998). So entsteht ein Rotationssystem basierend auf einem kollektiv betriebenen informellen Pendleninnennetzwerk. Polinnen sind (in den 1990er Jahren) die bestbezahlten Haushaltsarbeiterinnen in Berlin, mit einem Stundenlohn von ca. 15,- DM, gefolgt von Südamerikaneninnen. Am untersten Rang in der Hierarchie rangieren Frauen aus der ehemaligen Sowjetunion, aus der Ukraine, Weißrussland und aus anderen Osteuropäischen Staaten mit einem Stundenlohn von 7,- DM, der noch auf 5,- DM fallen kann, wenn sie einen Wochen- oder Monatslohn statt eines Stundenlohns empfangen (Bridget Anderson & Annie Phizacklea, 1997). (...)

Weltweit operierende Agenturen bieten maids oder domestic workers per Internet an - kommerzielle Agenturen konkurrieren dabei mit kirchlichen (meist katholischen), die beispielsweise in Südamerika und in Süd-Ostasien operieren und den Transfer ermöglichen, aber auch die karitative Betreuung der Betroffenen im Aufnahmeland übernehmen. (Die Repräsentanten der katholischen Kirche erweisen sich hier als zentrale Agenten eines weltweit operierenden Unternehmens.)

Der Organisationsgrad der betroffenen Frauen ist geringer als bei allen anderen weiblichen Berufstätigkeiten. Am meisten wissen wir über die philippinischen Frauen, da diese sich weltweit organisiert haben. Die Geldüberweisungen der in Übersee arbeitenden Philippininnen stellen die größte Devisenquelle des Landes dar; 1/4 der 70 Millionen zählenden philippinischen Bevölkerung wird heute von Überseearbeiteninnen unterhalten (Ausnahme die domestic helpers der amerikanischen Militärs bis ca. 1993). (Ähnlich sind die Verhältnisse auch in Malaysia, siehe die Studie von Chin, 1999.) Als domestic helpers werden Philippininnen heute in vielen hoch industrialisierten Ländern zugelassen - in Europa, vor allem in Italien, Spanien und Griechenland. Ohne Arbeitserlaubnis sind sie aber auch in Belgien, den Niederlanden, Frankreich und Großbritannien zu finden (dort gibt es wohl die Zulassung für Hotelreinigungskräfte). (.. .)

Die Situation ist europaweit mindestens so prekär wie in Deutschland. Bridget Anderson und Annie Phizacklea haben 1997 der Europäischen Kommission (Equal Opportunities Unit) einen Bericht über „Migrant Domestic Workers: European Perspective" vorgelegt, aus dem hervorgeht, dass es sich hierbei um ein Phänomen handelt, welches trotz unterschiedlicher juridischer Regelungen viele Gemeinsamkeiten aufweist. Der Sektor ist in den letzten 10 Jahren explosiv gewachsen; auf der Arbeitnehmerinnenseite dominieren in allen Ländern Migrantinnen, allerdings variieren die dominanten Gruppen länderspezifisch: Nordafrikaneninnen in Frankreich, Spanien und Italien; Peruanerinnen und Dominikanerinnen in Spanien; Albanerinnen, Eritreärinnen und Äthiopierinnen in Griechenland, Frankreich, Deutschland, Italien und Spanien. Die Rekrutierungsrouten lassen sich oft im Rückblick auf frühere koloniale Verbindungen erklären. In allen Ländern gibt es wie in Deutschland ethnische Hierarchien, die mit rassistischen Stereotypen legitimiert sind weiß und christlich oben - schwarz und muslimisch unten, die sich in der Bezahlung materialisieren. Die Forscherinnen nennen folgende gemeinsame Probleme der Betroffenen:

a) nichtbezahlte Überstunden;
b) niedriges Einkommen, oft unter der Minimumlohngrenze; Verweigerung von
Lohn, indem auf Versuchs- und Bewährungsperioden die Entlassung folgt;
c) Weigerung von Arbeitgebern, den Aufenthaltsstatus zu legalisieren (aus steuerlichen Gründen etc.);
d) Gewalt und sexuelle Belästigung;
e) Zwang zu zusätzlicher Arbeit (für Freunde und Kollegen);
9) Aufgabenüberlastung besonders dort, wo neben der Pflege von Kindern und Alten auch noch die gesamten anderen Haushaltsaufgaben übernommen werden müssen:
g) das hochpersönliche Verhältnis zwischen den domestic helpers und ihren Arbeitgebern (Anderson & Phizacklea, 1997, 3)

Anderson und Phizacklea gehen davon aus, dass die Nachfrage nach domestic workers in den kommenden Jahren weiterhin beträchtlich steigen wird, Gründe dafür sind zum einen die schnelle Überalterung der europäischen Bevölkerung und die Tatsache, dass in vielen Ländern die Alten- und Krankenpflege ungenügend staatlich geregelt ist: Europaweit pflegen nur 18% aller älteren Männer ihre bedürftigen Ehe-Frauen, während umgekehrt das Verhältnis 54% ist (auch verbunden mit der unterschiedlichen Lebensdauer).

Ein anderer Faktor, der zum Wachstum dieses Sektors beiträgt, ist interessanter-weise die Veränderung der Lebensstils der Mittelklassen: Die Betreuung der Kinder ist anspruchsvoll, Putzen mit Öko-Produkten ist zeitraubend, der Trend zu Naturfasern der Kleidung führt zu einer zeitintensiveren Pflege (Handwäsche und Bügeln mit dem Dampfbügeleisen, die Sauberkeitsstandards haben sich verändert, die steigende Haustierhaltung erfordert umfangreiche Haustierpflege usw. (Gregson & Lowe, 1994). Wie unterscheidet sich diese Situation von der vor 100 Jahren? Ein historischer Vergleich bietet sich an. Ich will hier lediglich auf zwei Studien verweisen, die sich mit dem Dienstmädchen-Phänomen in verschiedenen historischen Perioden und an verschiedenen Orten befasst haben, Aus beiden geht hervor, dass es sich bei den Dienstmädchen früher - im Gegensatz zu heute - vor allem um junge, ledige Frauen ab 14 Jahre handelte, die aus armen Familien kamen.

Marianne Friese (1991) hat in ihrer Dissertation über die Herausbildung der Frauenarbeit im 19. Jahrhundert in der Stadt Bremen die Entstehung des Dienstbotenproletariats dezidiert beschrieben. Diese, wie es damals hieß: „Transformation des ländlichen Gesindes zum städtischen Dienstbotenberuf" entwickelte sich im Laufe des Jahrhunderts zur „Verweiblichung des Dienstbotenberufs als typischer Prozess der Urbanisierung und Industrialisierung. Der Dienstbotenanteil an der weiblichen Erwerbstätigkeit betrug 1862 40% und ging 1900 auf 28% zurück. Im Gegensatz zu heute ist die Entwicklung des Dienstmädchenwesens akribisch in den Stadt- und Kirchenbüchern dokumentiert. Charakteristisch für diese Gruppe von Frauen und jungen Mädchen ist die Tatsache, dass sie zu einem geringeren Teil aus bremischen Waisenhäusern rekrutiert wurden in der Mehrzahl aber „Fremde" waren - eine Eigenschaft, die sie mit den heutigen Frauen teilen. Allerdings wurde der Unterschied zwischen hiesig und fremd anders definiert als dies heute der Fall ist.

Die wichtigste Herkunftsregion damals war Hannover/Oldenburg, die zu Preußen gehörte. In der Regel bekamen die Frauen erst nach zehnjähriger unbescholtener und registrierter Dienstzeit die bremischen Bürgerschaftsrechte zuerkannt. Obgleich das soziale Herkunftsmilieu relativ heterogen war, bestand der dominante Diskurs jener Zeit in einer regelrechten Zivilisationsoffensive, in der „Verbildung" und bürgerlichen Umerziehung der Landmädchen. „Was die Tochter angesehener Handwerker und Kaufleute im späten 18. Jahrhundert im Bildungsbürgertum erlernen, soll nun auch den Schwestern vom Land nicht vorenthalten werden. Die bürgerlichen Zeitgenossen wissen sehr wohl, dass die Dienstmädchen proletarische Männer heiraten. So bietet es sich an, das Interesse an der Hebung der Gesindekultur mit dem an der Hebung des Arbeiterstandes zu verbinden und die bürgerliche Haushaltsführung und Familienidylle als Leitbild für das Proletariat zu entfalten", schreibt Friese. Gegen Ende des Jahrhunderts mehrten sich die Forderungen nach einer Professionalisierung der Dienstmädchen. Ausbildungsstätten wurden gegründet, Kontrollen - auch der Arbeitgeber über die Gesindebücher eingeführt, Klagen vor den bürgerlichen Gerichten zugelassen, Dienstbotenkrankenkassen gegründet, wie auch Interessenverbände: Der erste Dienstmädchenverein im Jahre 1848 in Leipzig, nationale Dienstbotenversammlungen finden uni 1899 statt und 1906 wird in Nürnberg der erste gewerkschaftliche Verein für „Dienstmädchen, Wasch- und Putzfrauen" ins Leben gerufen (bei der Gründungsversammlung sind 1000 Frauen anwesend). Zielsetzung war die Abschaffung der Gesindeordnung und die Anpassung der Rechtsverhältnisse an das bürgerliche Gesetzbuch, kürzere Arbeitszeiten, bessere Kost und Behandlung, eigene Stellennachweise und monatliches Kündigungsrecht. Sehr zögerlich wurde in diese Forderungen eingewilligt. Ähnliche Entwicklungen beschreibt Barbara Henkes (1998) für die Niederlande. Im Jahre 1898 fand während der „NationaIen Ausstellung von Frauenarbeit" der erste große Dienstbotenkongress statt, der bessere Lohnregelungen, geregelte Arbeitszeiten, die Abschaffung des Trinkgeldssystems und die Notwendigkeit einer professionellen Dienstbotenausbildung forderte. Henkes befasst sich mit einem historisch interessanten Phänomen des Interbellums, deutschen Dienstmädchen, die über Auswanderungsberatungsstellen seit 1920 angeworben wurden und nach HoIland reisten: 1934 waren es bereits 40000 - nach dem Überfall der deutschen Armee auf die Niederlande im Mai 1940 blieben nur noch 3500. Deutsche Dienstmädchen werden den holländischen wegen ihrer „Tüchtigkeit und schnellen Anpassungsgabe" vorgezogen. „Das deutsche Dienstmädchen ist höflich und gebildet, beschwert sich nie, zeigt sich dankbar für Extra-Freundlichkeitet, so eine Hager Dame Anno 1933.

Diese Entwicklung vollzog sich zum Leidwesen der niederländischen Kolleginnen, die über ihre gewerkschaftlichen Organisationen gerade dabei waren, den Arbeitgeberinnen Zugeständnisse abzuringen. Deutsche Dienstmädchen dagegen werden von der Arbeitgeberseite für ihr „Hören, Sehen und Schweigen" gepriesen. Henke beschreibt in ihrer Studie die Probleine dieser Migrantinnen, die in vieler Hinsicht mit denen heutiger Migrantinnen übereinstimmen. Interessant ist neben den Lebensgeschichten dieser Frauen vor allem die rasche Veränderung ihres Imagos, von der geliebten gründlichen Perle zur deutschen Verräterin in der Kriegs- und Nachkriegszeit. Ihre Verortung im Privathaushalt prädestinierte diese jungen Frauen angeblich zur „Spionin gegen das niederländische Volk". Dieser Mythos konnte mit der Studie widerlegt werden.

Wir sehen hierin ein Beispiel dafür, dass neben dem Geschlecht die nationale Zugehörigkeit und Zuordnung zum dominanten Platzanweiser werden kann, wenn dies die politischen Verhältnisse erfordern. Unter den vielen blinden Flecken in der historischen Forschung sei hier noch der Einsatz von ca. 500 000 ‚Ostarbeiterinnen' als Dienst- und Kindermädchen im deutschen Faschismus zu nennen. Die „Zwangsarbeit im Kinderzimmer" wird bezeichnenderweise aus der aktuellen Rückzahlungsdebatte vollständig ausgeblendet. Es gibt dazu eine beeindruckende Arbeit von Annekatrin Mendel (1994, die sich auf Interviews mit Zeitzeuginnen stützt. Sporadisch gibt es Hinweise auf die Tatsache, dass deutsche Kindermädchen jüdische Kinder als ihre eigenen ausgegeben und vor der Deportation gerettet haben (siehe das Interview mit Charlotte Knobloch, der zweiten Kandidatin für den Vorsitz des Zentralrats deutscher Juden (Die Zeit, 52, 1999). Zusammenfassend kann hier festgehalten werden, dass sich trotz aller historischer Differenzen eine Übereinstimmung ergibt: die Tatsache, dass es sich bei den Betroffenen um Frauen handelt. Die Feminisierung dieser Beschäftigung hat Mitte des 19. Jahrhunderts eingesetzt und sich trotz weltweit verzeichneten steigenden Bildungsniveaus unter Frauen nicht verändert.

Im Gegenteil: die Haushaltshilfen des 21. Jahrhunderts sind gebildeter als alle ihre Vorgängerinnen. Wollen Frauen für eine Arbeit im Ausland in Betracht gezogen werden, dann benötigen sie Fremdsprachenkenntnisse oder zumindest die Fähigkeit, sich in einem fremden Land zu orientieren. Sie sind Lehrerinnen, Studentinnen, Juristinnen, Ärztinnen oder Krankenschwestern. Mit diesen Berufen können sie in ihren Heimatländern kaum Brot verdienen, sie wandern dorthin, wo sie gebraucht werden. Allerdings ist dort nicht ihre professionelle Expertise gefragt, sondern eine andere Kapazität, die Frauen scheinbar weltweit besitzen und die entweder ihrer Natur oder ihrer Gender-Sozialisation zugeschrieben wird: die Fähigkeit zu putzen und zu pflegen, den intimsten Bereich diskret zu behandeln, ein Heim zu schaffen etc. (...) Daraus ergeben sich empirische und theoretische Fragen für die feministische Forschung, etwa für die Neudefinition des „Öffentlich-privat-Paradigmas".

2. Dienstmädchen als Herausforderung für die Geschlechterforschung

Die Bipolarität von Privatheit und Öffentlichkeit als Merkmal moderner Gesellschaften gehört seit langem zu den zentralen Themen der Geschlechterforschung. Sie beruht auf der Vorstellung, dass bestimmte Funktionen and Handlungen dem öffentlichen Leben entrissen (privare=berauben) und im privaten eingeschlossen sind. Laut Hannah Arendt (1981) wurden Frauen und Sklaven bereits in der Antike der privaten Sphäre zugeordnet. Die Betrachtung der seperaten Sphären bezieht sich darauf, dass Handlungen und Eigenschaften öffentlich und privat lokalisiert und gleichzeitig geschlechtlich verortet werden. Indem Berufsarbeit und Politik dem öffentlichen Sektor zugeschrieben werden, erfolgt auch die Verortung des männlichen Geschlechts diesem Bereich, während der Sektor, in dem die Reproduktionsarbeit erfolgt, weiblich definiert ist. Nun hat die Geschlechterforschung diese Grenzziehung und die damit verbundenen CenderCodes zur Diskussion gestellt („Das Private ist politisch"). Sie hat die unthematisierte Arbeit von Frauen im Reproduktionsbereich im Hinblick auf die Erwerbsarbeit der Männer („hinter jedem berufstätigen Mann seht eine Frau") systematisch ins Blickfeld gerückt.

Sie hat darauf hingewiesen, dass es einen implizit vorhandenen Geschlechtervertrag gibt demzufolge nicht nur die Berufs- und Versorgungsarbeit geschlechtsspezifisch differenziert, sondern dass diese auch mit hierarchischen Distinktionen verbunden ist, die die männliche Norm zum Beurteilungsmaßstab erheben.

Die Behandlung der Dienstmädchenfrage bestätigt einerseits die These vom Geschlechtervertrag, andererseits stellt sie sie in Frage. Denn Frauen in den westlichen Industriestaaten sind mittlerweile in großer Zahl ins Berufsleben eingetreten, aber die erforderliche Mentalitäts- und Organisationsveränderung im patriarchalen Berufsverständnis ist keineswegs erfolgt. Die Verantwortung für die Versorgungsarbeit wird weiterhin den Frauen zugeschrieben und führt entweder zu Doppelbelastung oder zur Suche nach einer Haushaltshilfe im privaten Bereich. Einheimische Frauen stehen für solche Arbeiten kaum zur Verfügung; dagegen finden viele Migrantinnen lediglich in diesem informellen privaten Sektor noch eine Arbeitsmöglichkeit. Maria Rerrich beschreibt diese Situation als ein Aufeinandertreffen von „zwei strukturell bedingten Notlagen unterschiedlicher Gruppen von Frauen" (1993. 100).

Für Rerrich ist die neue Dienstbotenfrage ausdrücklich keine Frauenfrage, sondern eine gesamtgesellschaftlich zu erörternde Frage nach der unterschiedlichen Bewertung von Berufsarbeit und Versorgungsarbeit; sie plädiert für die „Repolitisierung des Privaten" (1993,1997). Brigitte Young (1995) betrachtet dieses Phänomen als Ausdruck eines internationalisierten, globalisierten Arbeitsmarktes, der durch Angebot und Nachfrage reguliert wird. Andere Forscherinnen widersprechen dieser Auffassung nachdrücklich. Sie sprechen von Refeudalisierung (Ingrid KurzScherf, 1995), von der Entwicklung moderner Ausbeutungs- und Gewalt-Verhältnisse, in denen sich keinerlei (Vertrags-)Gleichheit herausbilden kann.

Die Arbeitgeberin wählt sich ihre Angestellte und hat die Vermittlungsagentur über ihre Wünsche unterrichtet. Die Vermittlungsagentur verpflichtet sich, „etwas Passendes zu finden", und da sie auf eine gute Reputation angewiesen ist, verleiht sie der Arbeitgeberin ein „Rückgaberecht'. Da in den meisten Fällen der Arbeitsvertrag, und damit auch das Aufenthaltsrecht, begrenzt ist, stehen der Arbeitgeberin von vornherein mehr Rechte zu als der Arbeitnehmerin. Die soziale Absicherung der Hausangestellten ist minimal.

Während Rerrich davon ausgeht, dass gerade die Unsichtbarkeit der Arbeit im Privatbereich für viele illegal arbeitende Frauen von Vorteil sei, weil sie Schutz vor Entdeckung biete (1997), weisen Regina Becker-Schmidt und Annie Phizacklea (1998) auf die Kehrseite dieser „Schutzzone" hin: Besonders in den Fällen, in denen Hausangestellte im Haushalt leben (die schon genannten live-ins), ist der Raum selbst bestimmter Bewegungsfreiheit minimalisiert.

Regina Becker-Schmidt: „Was für die wohlhabenden weißen Frauen zu Hause heißt, bedeutet für deren Angestellte im Haushalt etwas ganz anderes, nämlich soziale Fremde und Ort der Ausbeutung" (1992). Wenn sie es irgendwie ermöglichen können, mieten die live-ins deshalb gemeinsame Wohnungen an, in denen sie sich in ihrer freien Zeit treffen können und wo sie sich einen (Zufluchts-)Ort der sozialen Sicherheit und Vertrautheit schaffen (siehe z.B. Campani, 1993). Vergewaltigungen finden überall auf der Welt vorrangig nicht etwa im öffentlichen Raum statt, sondern im Privatraum. Damals wie heute ist es für die betreffenden Frauen beinah unmöglich, sich gegen solche Praktiken zur Wehr zu setzen, da das Opfer beweispflichtig ist. (...) Die Forschungsfragen ergeben sich bereits aus der Tatsache, dass die neue Dienstmädchenfrage ein weitgehend unerforschter Bereich ist. In der feministischen Forschung gilt er noch immer als Tabuzone.

Es fehlen empirische Untersuchungen über den Umfang und die Art des Phänomens, die Sichtweise der Betroffenen vor allem die Seite der Anbieter >Agenturen> und der Ahnehmer, ArbeitgeberInnen, ist ungenügend erforscht. Als Forschungseinheit scheint mir nicht nur die von Saskia Sassen vorgeschlagene Großstadt, die global city (Sassen 1998) interessant, sondern auch die Analyse dieser Frage auf dem Lande.

Eine Untersuchung im Rahmen der Theorien sozialer Ungleichheiten und der Arbeitsmarktsegregation bietet sich an; aber ebenso wichtig scheint mir die Frage. inwieweit die Kategorien „Klasse" und „Ethnizität" von der Genderforschung aufgenommen werden.

Aus: FR vom 18.7.2000, Seite 7


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