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Wundgelegen, hungrig und mit Medikamenten ruhiggestellt


Schwedens Altenpflege ist in Verruf gekommen / Heimbewohner werden vernachlässigt, weil Personal fehlt
Von Hannes Gamillscheg (Kopenhagen)
Frankfurter Rundschau, 10.11.97


Mit blutigen Wunden an Beinen und Rücken lagen die Patienten in ihren Betten und warteten vergeblich, daß jemand kommen würde, um sie umzudrehen oder ihnen gar aufzuhelfen und sie an die frische Luft zu bringen. Nicht, daß das Personal unwillig gewesen wäre. Doch wie sollten die paar Frauen einen ganzen Abschnitt mit altersverirrten Menschen gleichzeitig versorgen?

Den Patienten wurde erst geholfen, als eine junge Krankenschwester schließlich an die Öffentlichkeit ging. Da wurde das Seniorenheim "Polhemsgarden" in Solna, einem Vorort der schwedischen Hauptstadt Stockholm, zum Symbol für den Verfall der schwedischen Altenpflege.

"Polhemsgarden" wurde vom dänischen Servicekonzern ISS betrieben, der den Zuschlag bekommen hatte, als Solna die Altenbetreuung privatisierte. ISS versprach, das Heim wesentlich billiger zu führen als zuvor die Kommune. Doch sparen kann man in der Altenpflege nur beim Personal, und das bekamen die Patienten zu spüren.

Die regierenden Sozialdemokraten werteten die "Polhemsgarden"-Affäre als Beweis dafür, daß sich Wohlfahrt und Profitdenken nicht vertragen, und die Kommunalverwaltung entzog ISS rasch wieder die Lizenz. Doch dann stellte sich heraus, daß der Pflegeskandal kein Einzelfall war und daß die Vernachlässigung der Heimbewohner kein Kennzeichen privater Anbieter ist.

Der "Frodegarden" in der Stadt Uppsala ist ein kommunales Altersheim. In die Dusche kommen die Bewohner vielleicht einmal im Monat, in den Garten nie. Mit Medizin werden sie ruhig gehalten, damit sie nicht klagen, daß sie wund sind und hungrig. Das Frühstück bekommen sie um 10 Uhr, dann folgen Mittag- und Abendessen Schlag auf Schlag.

Um 16 Uhr macht die Küche zu, dann müssen die Insassen wieder 18 Stunden auf die nächste Mahlzeit warten. In der Pflegeanstalt "Smedjan" in Flen wurde eine alte Frau vom Personal mehrmals ganz einfach vergessen. Als die Tochter die Patientin zu Mittag besuchen kam, hatte diese weder ihr Frühstück erhalten noch ihre Medizin.

"So etwas darf natürlich nicht vorkommen", sagt die Heimleiterin Katarina Högberg und will sich nicht mit Personalmangel ausreden. "Doch es wird ständig härter", klagt sie.

Früher blieben die Alten im Krankenhaus, bis sie genesen waren und zur Pflege ins Seniorenheim eingewiesen wurden. Dann wurde den Krankenhäusern Sparen verordnet. So gaben sie die Pflegefälle frühzeitig an die Kommunen weiter, die sie in die Heime schickte, ohne dort - weil auch bei ihnen Sparzwang herrscht - für die Personalaufstockung zu sorgen. "Die Schwestern und Pfleger tun, was sie können", sagen die Heimbewohner, "doch sie sind viel zu wenige."

Das ist die Kehrseite von Schwedens "Haushaltssanierung", die als international vorbildhaft gepriesen wurde. Ein Betreuungssystem, auf das die Schweden zu Recht stolz waren, steht vor dem Zusammenbruch. Was hilft es, daß die Heime grüne Höfe haben oder Parks und daß die meisten Bewohner in Einzelzimmern leben, wenn sie vergeblich um Hilfe klingeln und ihnen niemand aus dem Bett hilft? Daß sich ein Altenbetreuer auch mal hinsetzen könnte, um mit ihnen zu plaudern, oder sie zu einem Spaziergang mit ins Freie nimmt, darauf wagen sie gar nicht mehr zu hoffen.

Das Heim in Solna ist wieder in kommunale Regie übergegangen, doch neues Personal wurde nicht eingestellt. Einer Bewohnerin mußte ein Bein amputiert werden, in das sich der kalte Brand gefressen hatte. Die Kinder eines 70jährigen erstatteten Anzeige gegen die Heimleitung, nachdem ihr Vater - "völlig ausgetrocknet", wie sie sagen - an Flüssigkeitsmangel starb. Als das Parlament nun den Pflegeskandal debattierte, versprach Sozialministerin Margot Wallström ein Aktionsprogramm für die Altenpflege: "Wir brauchen langfristige Lösungen", meint sie, "Panikhandlungen helfen jetzt nicht."

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